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Bernie Sanders : Der Star, der aus dem Nichts kam

  • -Aktualisiert am

Iowa, August 2015: Bernie Sanders beim Versuch, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden Bild: Reuters

Bernie Sanders begeistert Millionen Amerikaner - und lehrt Hillary Clinton das Fürchten. Könnte erstmals ein Sozialist Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden?

          Amerikaner, heißt es in einer alten Redensart, haben nur vor zwei Dingen Angst: vor Sozialisten und ansteckenden Krankheiten. Letzteres hat die Desinfektionsmittel im amerikanischen Leben so allgegenwärtig werden lassen wie Klimaanlagen und Kaugummis. Sogar mancher Priester desinfiziert sich mitten im Gottesdienst demonstrativ die Hände, um der Gemeinde zu signalisieren, dass die Kommunion bei ihm garantiert keimfrei ist. Gebracht hat all der Aufwand nichts; Infektionskrankheiten sind in Amerika genauso verbreitet wie anderswo auch. Erfolgreicher ging man bisher gegen Sozialisten vor. Ein ums andere Mal ist es in Amerika gelungen, sozialistische Kandidaten und Parteien rasch zu marginalisieren oder, wie zu Zeiten des McCarthyism, sogar zu kriminalisieren. Keine andere westliche Industrienation hat sich in den letzten hundert Jahren als dermaßen sozialismusresistent erwiesen. Das amerikanische Herz schlug noch nie links. Dann kam der Sommer 2015 und mit ihm ein Mann namens Bernie Sanders. Und alles wurde anders.

          Zugegeben, der Weg von den Vorwahlen bis ins Weiße Haus ist lang und kurvenreich. Da ist schon mancher auf der Strecke geblieben. Doch schon jetzt hat Bernie Sanders, Sohn eines polnischen Juden, der vor Hitler nach Amerika floh, bei weitem mehr erreicht, als man ihm je zugetraut hätte. Er galt eigentlich als Exot am linken Rand, dem nicht einmal Außenseiterchancen eingeräumt wurden, schon gar nicht gegen die übermächtig scheinende Hillary Clinton. Doch nun liegt Sanders in wichtigen Umfragen mit der früheren First Lady gleichauf, in manchen führt er. Ihm fliegen neuerdings Millionen an Wahlkampfspenden zu, und, wichtiger noch, die Menschen strömen zu seinen Wahlkampfauftritten. In Portland kamen vor ein paar Tagen 28.000, um ihn zu sehen, in Seattle 15.000, in Phoenix 11.000, in Los Angeles 27.000. Hillary Clinton hatte bei ihrem bislang größten Wahlkampfauftritt 5000 Zuhörer; es war noch viel Platz im Saal.

          Die Begeisterung für den selbsternannten „amerikanischen Sozialisten“ Bernie Sanders wäre nicht so überraschend, wenn es sich um einen schwungvoll auftretenden neuen Politstar (wie 2008 Obama) handeln würde oder einen Promi, der den Quereinstieg in die Politik versucht (wie 2005 Arnold Schwarzenegger oder jetzt Donald Trump). Doch Sanders, 73, ist einer, der sich altherrenhaft räuspert, das Resthaar, so gut es geht, über die Glatze kämmt und mitten im Wahlkampfauftritt seine Hörgeräte neu einstellt. Anschließend redet er lang und umständlich und immer viel zu viel - so wie ein langjähriger Berufspolitiker, Bürgermeister und Parlamentarier nun einmal redet. Im Senat hat er einmal acht Stunden am Stück gesprochen. Ein rhetorisches Feuerwerk war es nicht.

          Kleinverdiener und Studenten helfen Sanders

          Dennoch sind seine Anhänger im Durchschnitt viel jünger als die von Hillary Clinton, und vor allem sind sie motivierter. Sie nutzen die Möglichkeiten des Internets aggressiv, um Wahlwerbung zu machen, sie haben Bernie Sanders eine eigene App gebastelt, die sich Zehntausende herunterladen, um seinen Wahlkampf genau zu verfolgen. Und obwohl Sanders auf die Unterstützung großer Wahlkampffinanziers und Unternehmen freiwillig verzichtet, ist er ausgesprochen gut bei Kasse: Allein in den letzten Wochen kamen durch E-Mails, Textnachrichten und Spendenaufrufe via Twitter 15 Millionen Dollar rein. Das Wort der „Graswurzelbewegung“, das Obama in seinem ersten Wahlkampf oft im Munde führte, stimmt bei Bernie Sanders wirklich: Es sind keine Millionäre, die ihn unterstützen, sondern Malocher und Kleinverdiener, Studenten, Althippies, Alleinerziehende, Politikverdrossene, Umweltschützer und linke Intellektuelle.

          Niemand hatte erwartet, dass das Clinton gefährlich werden könnte. Doch inzwischen sind die Umfragen für die Bernie-Fans durchaus ermutigend: In den wichtigen Staaten New Hampshire und Iowa, in denen Anfang nächsten Jahres die ersten Vorwahlen stattfinden, ist Hillary Clinton deutlich zurückgefallen und liegt jetzt mit Bernie Sanders gleichauf. Würde sie tatsächlich in beiden Staaten verlieren, könnte das ihre Kandidatur rasch kollabieren lassen.

          Der überraschende Aufstieg von Bernie Sanders wird in Amerika mit dem Erfolg Donald Trumps verglichen: So wie auf der politischen Rechten der Außenseiter das Establishment der eigenen Partei schockt und die Massen mit kaltschnäuziger Unverfrorenheit fasziniert, so hat auch die Linke einen neuen Champion außerhalb des politischen Mainstreams gefunden. In beiden Parteien sind die gemäßigten Kräfte in den letzten Jahren schwächer geworden, die äußeren Ränder sind gewachsen. Beide Parteien haben sich von der politischen Mitte weiter entfernt. Da die ursprünglichen Favoriten auf beiden Seiten, Jeb Bush und Hillary Clinton, aber genau diese traditionelle Mitte repräsentieren, fehlt der Parteibasis die Begeisterung, und die Außenseiter haben diese Chance erkannt. In einem Land, in dem nur jeder Vierte mit der politischen Entwicklung zufrieden ist, ist die Zeit reif für einen Donald Trump und einen Bernie Sanders. Und beide sagen gelegentlich ja auch fast wortgleich dasselbe: „The American Dream is dead.“ Und darauf antwortet die Masse links wie rechts mit zornroter Zustimmung, mit geballten Fäusten und lautstarken Schmähungen gegen die politische und mediale Klasse, von der man sich verraten fühlt.

          Sozialismus in den Vereinigten Staaten salonfähig

          Doch der Vergleich hinkt trotzdem. Denn anders als Trump ist Sanders ein ideologischer Kandidat, der nicht sich selbst anpreist, sondern für eine ganz bestimmte Politik wirbt. Und zwar für seinen Sozialismus - was plötzlich für viele Amerikaner nicht mehr klingt wie eine Krankheit, sondern eher wie eine Verheißung. Auf den Wahlkampf-Veranstaltungen des Senators sieht man rote Fahnen mit Hammer und Sichel, T-Shirts mit den Köpfen von Marx und Engels und Che Guevara. Das alles war zwar auch bislang von der Meinungsfreiheit gedeckt, tauchte aber nicht mitten im Präsidentenwahlkampf auf. Nach 150 Jahren ist der Sozialismus in den Vereinigten Staaten salonfähig geworden.

          Bernie for President: 73 Jahre alt, kein Promi, kein Überflieger

          Doch es versteht sich von selbst: rinks und lechts sind lerativ. Was heißt hier eigentlich Sozialismus? Was heißt links? Mit der europäischen und deutschen Linken lässt sich das alles kaum vergleichen. Hin und wieder klingt zwar eine Forderung von Bernie Sanders so wie das, was man auch auf einem Parteitag der Grünen oder der Linken hören würde - etwa wenn er sagt, man solle den Verteidigungshaushalt kürzen, den Mindestlohn anheben, Lehrer besser bezahlen, gegen den IS diplomatisch statt militärisch vorgehen und die Erbschaftsteuer kräftig erhöhen. Wenn Sanders dagegen „zwei Wochen bezahlten Urlaub für alle“ fordert, außerdem die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall bis zu zehn Tagen, bezahlten Erziehungsurlaub für ein paar Wochen und eine maßvolle Rentenerhöhung, dann klingt das nicht ganz nach dem, was man sich als Deutscher unter Sozialismus vorstellt. Doch es sind genau diese Forderungen, verbunden mit klassischer linker Polemik gegen Banker, Bonzen und überhaupt „die da oben“, die Bernie Sanders so ungemein populär gemacht haben.

          Fast nie ein Opportunist

          Wenn Sanders heute über „die empörende Ungleichheit“ bei Lohn und Wohlstand spricht, wird er sogleich vom Beifall der Zuhörer unterbrochen. Das ist verblüffend in einem Land, das Erfolg und Misserfolg traditionell als gerechten Ausdruck genutzter oder verpasster Chancen des Einzelnen wertet. Doch es hat sich viel geändert in Amerika in den letzten Jahrzehnten, und der Befund, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, ist so treffend wie nie zuvor. Seit der Wirtschaftskrise vor sieben Jahren haben sich zwar die Aktienmärkte erholt und die Arbeitslosigkeit ist gesunken, doch die Mittelschicht hat davon kaum profitiert. Vor allem die Gesundheitskosten und die horrenden Studiengebühren werfen auch Familien mit zwei Verdienern oft auf das Existenzminimum zurück oder führen gleich in die Insolvenz. Sanders weiß das und stellt gerade diese Forderungen in den Mittelpunkt: Abschaffung der Studiengebühren an allen öffentlichen Hochschulen und die volle Verstaatlichung sämtlicher Krankenversicherungen, so dass alle denselben Versicherungsschutz genießen.



          Amerikanische Präsidentschaftskandidaten

            Das Rennen um die Kandidatenplätze für die Wahl zum amerikanischen Präsidenten ist sehr unübersichtlich. Mehr als 15 Kandidaten treten an. Doch wer sind sie und wie sind ihre Chancen?

            Von Andreas Ross, Washington

            Demokraten

            Hillary Rodham Clinton

            „Normale Amerikaner brauchen einen Vorstreiter und ich möchte dieser Vorstreiter sein.“
            AP

            Abgesehen von Amtsinhabern, die sich zur Wiederwahl stellten, dürfte nie ein Präsidentschaftskandidat von Anbeginn so berühmt gewesen sein wie Hillary Clinton (68). Alle kennen die frühere First Lady, Senatorin und Außenministerin. Das ist ein Vorteil, der sich in einem uneinholbar scheinenden Vorsprung niederschlägt, aber auch eine Bürde. Denn Clintons Berater können wenig tun, um das Image der Kandidatin zu beeinflussen, auch wenn diese sich etwas nahbarer zeigt als beim ersten Versuch 2008. Sie muss aufpassen, als Kandidatin Demut zu demonstrieren, schließlich lästern die Republikaner schon lange über die bevorstehende „Krönung“ bei der Konkurrenz. Im Wesentlichen will Clinton an Obamas Politik festhalten, die linksliberalen Konzepte aber geschickter in die Tat umsetzen. Wenn ihr der Einzug in Weiße Haus gelingen sollte, dann wird sie das nicht zuletzt Frauen zu verdanken haben, die Clinton auffordert, Amerikas höchste „gläserne Decke“ zu zertrümmern.


            Martin O'Malley

            „Wir müssen unser eigenes Land retten. Und wir werden das tun, indem wir den Traum wiederbeleben.“
            AP

            Martin O’Malley ist mit 52 Jahren der mit Abstand jüngste Demokraten-Kandidat, spielt Gitarre in einer Band, sieht gut aus, hat ein gewinnendes Wesen und bietet damit vieles, was die Amerikaner von ihren Politikern erwarten. Dennoch bekommt der frühere Gouverneur von Maryland kein Bein auf den Boden. Ein bisschen mag das daran liegen, dass er mit seiner Bilanz als vorheriger Bürgermeister von Baltimore nicht mehr punkten kann, seit dort Rassenkrawalle eskalierten. Vor allem aber fällt es O’Malley schwer, sich von Clinton zu distanzieren, die er früher unterstützt hat. Er positioniert sich ein Stückchen weiter links – aber nicht genug, um die Clinton-Skeptiker an der Parteibasis zu beeindrucken.


            Bernie Sanders

            „Ich denke, die Leute sollten mich nicht unterschätzen.“
            AFP

            Bernie Sanders (74) ist der Überraschungsstar im linken Lager. Als Senator gehört der selbst erklärte „demokratische Sozialist“ der Partei gar nicht an, in deren Namen er nun das Weiße Haus erobern will. Seit 25 Jahren vertritt Sanders im Kongress seinen progressiven Heimatstaat Vermont; 2007 wechselte er vom Repräsentantenhaus in den Senat. Viele Strategen im linken Lager hatten nicht kommen sehen, dass der kämpferisch gegen die „Wall Street“ und für einen starken Sozialstaat skandinavischen Zuschnitts werbende Sanders auch in anderen Landesteilen großes Publikum zu begeistern vermag – und Hunderttausende Kleinspender. Wenig spricht dafür, dass Sanders die 20-Prozent-Marke deutlich überschreiten könnte, an der er kratzt. Aber er zwingt Clinton, die Parteilinken nicht aus dem Blick zu verlieren.



            Republikaner

            Jeb Bush

            „Ich nehme nichts und niemanden als gegeben an. Ich werde mit Herz kämpfen. Ich trete an, um zu gewinnen.“
            REUTERS

            Jeb Bush (62) ist einer der Favoriten auf den Kandidaten-Platz der Republikaner. Der Präsidentensohn, Präsidentenbruder und frühere Gouverneur des in jedem Wahljahr hart umkämpften Staats Florida verfügt über viel mehr Geld als seine Konkurrenz – mehr als 100 Millionen Dollar hatte ein Bush unterstützendes „Aktionskomitee“ bis Ende Juni schon gesammelt. Andererseits hat es der belesenste und vermutlich nachdenklichste der Bushs bisher nicht vermocht, sich einen soliden Vorsprung zu sichern. So sehr ihn Teile des Republikaner-Establishments im Rennen sehen wollen, so skeptisch ist die Basis, die von einer Neuauflage des Klassikers „Bush gegen Clinton“ nichts wissen will. Jeb Bush spricht perfekt Spanisch, er ist mit einer Mexikanerin verheiratet. Dass er die meisten illegalen Einwanderer nicht abschieben will, irritiert viele Republikaner.


            Ben Carson

            „Ich werde wahrscheinlich nie politisch korrekt sein, denn ich bin kein Politiker.“
            REUTERS

            Ben Carson (64) wurde berühmt, weil er ausgerechnet beim „Nationalen Gebetsfrühstück“, einem Washingtoner Ritual politischer Versöhnlichkeit, Barack Obamas Gesundheitspolitik angriff und die „politische Korrektheit“ zu einem Grundübel der Gesellschaft erklärte. Eigentlich ist der einzige Afroamerikaner unter den Präsidentschaftskandidaten ein in Fachkreisen berühmter Neurochirurg. Da er in Detroit in armen Verhältnissen aufwuchs und zu einem der besten Mediziner Amerikas avancierte, begeistert seine Geschichte viele Amerikaner. Doch seit er seine Präsidentschaftskandidatur erklärte, scheint sich der Arzt Carson in den Fallstricken politscher Kampagnen verheddert zu haben. Zugleich hat er mit seinen erzkonservativen Ansichten viele Afroamerikaner verprellt, die in ihm früher ein großes Vorbild sahen.


            Chris Christie

            „Ich bin jetzt bereit, für die Menschen der Vereinigten Staaten zu kämpfen.“
            AFP

            Chris Christie (53) wurde vor knapp zwei Jahren mit großer Mehrheit als Gouverneur von New Jersey wiedergewählt. Da der Ostküstenstaat eher demokratisches Terrain ist, wollte der übergewichtige Politiker mit Hang zu überklaren Botschaften darauf seine Präsidentschaftskampagne aufbauen. Hitzig stritten Republikaner im ganzen Land darüber, ob ein Politiker, der tagtäglich mit Demokraten zusammenarbeite, geeignet sei, Amerika nach acht Jahren Obama auf den rechten Kurs zu bringen. Doch das war voreilig: Heute redet kaum noch jemand über Christie. Der von Skandalen und einer durchwachsenen Bilanz in New Jersey geschwächte Gouverneur ist in den Umfragen weit nach hinten gerutscht. Manche Beobachter trauen ihm allerdings ein Comeback zu, denn der fast nie mit Manuskript sprechende Klartext-Politiker ist eine Kämpfernatur.


            Ted Cruz

            „Die Kraft von Amerikanern, die aufstehen und für Freiheit kämpfen, ist grenzenlos.“
            AP

            Je mehr es sich Ted Cruz (44) im Senat mit dem Establishment verscherzt hat, desto begeisterter feierte ihn die Tea Party. Im Herbst 2013 trieb der Juniorsenator aus Texas die Partei im Budgetstreit so schmerzlos vor sich her, dass sie sich sehenden Auges in das politische Unglück eines Verwaltungsstillstands stürzte. Kompromisslosigkeit ist das Markenzeichen des Juristen. Seit dem Aufstieg Donald Trumps hat Cruz zwar mehr Mühe als zuvor, mit seinen Parolen Gehör zu finden. Doch er hat potente Spender. Dank ihnen wird er selbst dann über lange Zeit im Rennen bleiben können, wenn er in den Umfragen weiterhin im einstelligen Prozentbereich verharrt.


            Carly Fiorina

            „Frau Clinton ist in vielen wichtigen Angelegenheiten nicht offen.“
            REUTERS

            Als einzige Frau, die für die Republikaner ins Weiße Haus einziehen will, nimmt Carly Fiorina (61) für sich in Anspruch, die beste Waffe der Konservativen gegen Hillary Clinton zu sein. Außerdem verweist sie auf ihre Erfahrungen als Managerin eines Weltkonzerns: Von 1999 bis 2005 war sie Vorstandsvorsitzende des Computerherstellers Hewlett-Packard. Allerdings ist das ein zweischneidiges Schwert, denn sie verließ das Unternehmen im Streit über seine wirtschaftliche Schieflage. Wenige Amerikaner kennen Fiorina – aber wenn sie auftritt, schlägt sie mit ihrem Spott und ihrer Zähigkeit viele Zuhörer in ihren Bann. Politische Erfahrung hat sie kaum – außer einem gescheiterten Versuch im Jahr 2010, für Kalifornien in den Senat zu ziehen.


            Jim Gilmore

            „Ich bin Kandidat, weil die jetzige Führung in Washington Amerika auf einen Pfad des Niedergangs geführt hat und ich kann diesen Niedergang umkehren.“
            AP

            Als sich Jim Gilmore (66) vor acht Jahren schon einmal zum Präsidentschaftskandidaten erklärte, währte die Sache nur kurz. Noch vor der ersten Abstimmung in Iowa hatte der Politiker aufgegeben. Das Ende seiner vier Jahre als Gouverneur von Virginia liegen am Wahltag 2016 schon 16 Jahre zurück. Bis zu seiner Ankündigung am 29. Juli war Gilmores Name in fast keiner Umfrage genannt worden.


            Lindsey Graham

            „Ich will der Präsident sein, der unsere Nation vor allen in- und ausländischen Gefahren schützt.“
            REUTERS

            Der Senator Lindsey Graham (60) war jenseits seines Heimatstaats South Carolina bis vor kurzem allenfalls Leuten bekannt, die sich im Gegensatz zum amerikanischen Durchschnittswähler besonders für Außen- und Sicherheitspolitik interessieren. Und auch diese Leute nahmen Graham oft nur als Adlatus seines Senatskollegen John McCain wahr, der Graham kürzlich scherzhaft als „meinen unehelichen Sohn“ bezeichnete. Den Außenseiteranwärter für die Wahl 2016 verbindet mit dem nominierten Kandidaten des Jahres 2008, dass beide für eine zentristische Politik und Kompromisse mit den Demokraten eintreten – außer in der Außenpolitik, wo sie zu den schärfsten Falken zählen. Etwas Bekanntheit hat Graham zuletzt durch die Debatte über das Iran-Abkommen erlangt, das er vehement ablehnt – und durch ein öffentliches Scharmützel mit Donald Trump, den der Senator als „größten Esel der Welt“ beschimpfte.


            Mike Huckabee

            „Dies ist nicht die Zeit für einen Chamberlain. Es ist die Zeit für einen Churchill. Entweder wehren wir uns gegen das Böse oder nicht.“
            AP

            Mike Huckabee (60) ist ein Evangelikaler aus dem Süden. Darauf gründet seine zweite Präsidentschaftskampagne: „God, Guns, Grits, and Gravy” („Gott, Schusswaffen, Hafergrütze und Bratensoße“) heißt eines seiner Bücher. Nachdem es der frühere Gouverneur von Arkansas bei den Republikaner-Vorwahlen 2008 auf den dritten Rang gebracht hatte, übernahm er eine Talkshow im konservativen Politsender Fox News. Dort gab und bis heute gibt er sich als Kulturkämpfer, ob er nun die Sängerin Beyoncé für ihren aufreizenden Tanz beschimpft oder Präsident Obama vorwirft, mit dem Iran-Abkommen die Israelis „an die Tür des Ofens“ zu führen. Jenseits der Südstaaten ist Huckabees Anhängerschaft klein.


            Bobby Jindal

            „Wir hatten genug Schwätzer. Wir brauchen endlich jemanden, der etwas tut.“
            AP

            Schon seit 2008 regiert der erst 44 Jahre alte Bobby Jindal den Staat Louisiana. Vor einigen Jahren sagten viele Republikaner dem Gouverneur eine große Zukunft voraus. Als Sohn indischer Einwanderer, der als Schüler vom Hinduismus zum katholischen Glauben übergetreten war, verkörperte Jindal einerseits die von vielen Parteistrategen geforderte Öffnung gegenüber ethnischen Minderheiten und vertrat andererseits streng konservative Positionen etwa in der Haushalts- und in der Gesellschaftspolitik. Doch Jindal scheint zumindest den ersten Zenit seiner Karriere überschritten zu haben. Selbst in Louisiana halten ihn die Leute für amtsmüde, und auch anderswo kommt nur noch wenig Begeisterung für ihn auf.


            John Kasich

            „Es wird Zeit, dass Amerika wieder die Führung übernimmt“
            AP

            John Kasich (63) regiert Ohio – einen der wichtigsten der sogenannten Schlachtfeldstaaten, in denen es jedes Jahr knapp wird zwischen Demokraten und Republikanern. Obwohl „Washington“ heutzutage beinahe als Schimpfwort gilt, wirbt der Gouverneur auch mit dem Argument für sich, dass er als Kongressabgeordneter Ende der neunziger Jahre einige tragfähige Budgetkompromisse mit der Clinton-Regierung ausgehandelt habe. Doch auch das Wort „Kompromiss“ ist an der Republikaner-Basis eher verpönt. Wenn man ihn nicht wolle, hat der freundlich auftretende, aber nicht sonderlich charismatische Kasich schon gesagt, dann werde er eben mehr Zeit zum Golfspielen haben.


            George Pataki

            „Ich kann dieses Land führen und diese Wahl gewinnen. Die Notwendigkeit Washington zu verändern war niemals größer.“
            dpa

            George Pataki (70) wurde dreimal zum Gouverneur des Staats New York gewählt. Er hatte das Amt bis 2006 inne, also auch während der Anschläge vom 11. September 2001. Dennoch ist seine Bekanntheit in der Nation überschaubar. Pataki ist als typischer Vertreter eines Nordost-Staats womöglich der linkeste Republikaner im Rennen. Entsprechend wenig nimmt die Basis Notiz von seiner Kandidatur. Umgekehrt ist Pataki nicht links genug, dass er versprechen könnte, der Wahl-New-Yorkerin Hillary Clinton das Leben schwer zu machen. Auch in den Washingtoner Parteizirkeln hat Pataki daher keinen nennenswerten Rückhalt.


            Rand Paul

            „Es ist Zeit für einen neuen Weg. Ein Weg der auf Gerechtigkeit, Chancen und Freiheit beruht.“
            AFP

            Rand Paul (52) war für die Zeitschrift „Time“ im vorigen Herbst noch „der interessanteste Mann in der amerikanischen Politik“. Der Vater des Juniorsenators aus Kentucky, Ron Paul, war für die Libertäre Partei bei Präsidentenwahlen angetreten. Dessen Fans versucht der jüngere Paul bei der Stange zu halten, und gleichzeitig andere Wähler für sich zu gewinnen. Im NSA-Streit machte er sich für das Recht auf Privatsphäre stark. Obamas Drohnenkrieg lehnt er ab. Beides gefällt vielen jungen Leuten. Doch mit außenpolitischem Lavieren hat Paul viele in der Partei verprellt.


            Marco Rubio

            „Es die Zeit gekommen, dass unsere Generation auf dem Weg in ein neues amerikanisches Jahrhundert voranschreitet.“
            REUTERS

            Ein bisschen ist Marco Rubio (44) der Barack Obama der Republikanischen Partei. Der Sohn zweier Exilkubaner, die aus einfachen Verhältnissen stammen, hat es in einer politischen Blitzkarriere schon 2010 zum Senator von Florida geschafft. Obwohl er dort mit seinem Mentor Jeb Bush um Spender wetteifern muss, schlägt er sich bisher gut: Sein Strahlen, seine Bilderbuchfamilie und seine Lebensgeschichte kommen gut an, und auch seine scharfe Falken-Linie in der Außenpolitik entspricht den Erwartungen eines großen Teils der Parteibasis. So fließend Rubio Spanisch spricht, so gering scheint aber die Anziehungskraft des „Kubaners“ auf Latinos aus anderen Ländern zu sein – zumal sich der Senator heute dafür entschuldigt, dass er vor Jahren in Washington einen Einwanderungskompromiss schmieden half.


            Rick Santorum

            „Arbeiterfamilien brauchen keinen Präsidenten mit Verbindungen zu großen Konzernen oder zu den Wohlhabenden.“
            AP

            Rick Santorum (57) bekam in den Vorwahlen des Jahres 2012 die zweitmeisten Stimmen. Mit seinen Plädoyers etwa gegen die Homosexuellenehe oder künstliche Mittel zur Empfängnisverhütung zog er die sogenannten Sozialkonservativen an, die sich vom moderaten Mormonen Mitt Romney nicht vertreten fühlten. Diesen Erfolg hatte dem vormaligen Senator des Staats Pennsylvania vorher kaum jemand zugetraut. Das ist der einzige Trost, der Santorum beim Betrachten der aktuellen Umfragen bleibt. Diesmal buhlen deutlich mehr Kandidaten um die Herzen der gesellschaftspolitisch konservativsten Wähler.


            Donald J. Trump

            „Trump wird Amerika wieder groß machen.“
            AP

            Noch vor wenigen Wochen erwartete kaum jemand, dass Donald Trump (69) seinen großen Worten diesmal Taten folgen lassen und die Formalitäten zur Anmeldung einer Präsidentschaftskandidatur erledigen würde. Doch „The Donald“, den viele Amerikaner aus dem Reality-TV kennen, hat sich im Juli an die Spitze vieler Umfragen katapultiert. Noch derber als die Konkurrenz beschimpft der Immobilienentwickler und Multimilliardär Einwanderer aus Mexiko. Genüsslich und grob legt sich der Mann, der lauter als alle anderen Barack Obamas amerikanische Staatsangehörigkeit in Zweifel zog, jetzt öffentlich mit anderen Republikanern an. Damit setzt er fürs erste den Ton. Und seine Drohung, er könnte auch als Unabhängiger antreten, wenn die Partei ihn nicht nominiere, bereitet manchen Republikaner-Strategen schlaflose Nächte.



          Sanders kommt etwas zugute, was in der Politik selten ist: Er hat seine Meinung fast nie geändert. Was er heute sagt, hat er auch schon vor dreißig Jahren gesagt - nur galt es damals noch als radikal. Während Hillary Clinton etwa 2002 für den Irak-Krieg stimmte, gehörte Sanders zu den wenigen Demokraten, die energisch gegen den Kurs von Bush protestierten. Während Clinton erst in den letzten zwei Jahren zu der Ansicht kam, die Homo-Ehe solle der traditionellen Ehe voll gleichgestellt werden, hat Sanders das schon in den siebziger Jahren gefordert. Auch unter dem Eindruck der Terroranschläge vom 11. September hat er die Überwachungsmaßnahmen des „Patriot Act“ abgelehnt; in der Finanzkrise 2008 stimmte er gegen Rettungspakete für Großbanken. Kurzum: Der Mann hat gute Nerven und klare Standpunkte.

          In Einzelfällen wurde aber auch Sanders zum Opportunisten: Harsche Gesetze gegen den Waffenbesitz wurden zum Teil mit seiner Stimme im Kongress verhindert, wohl mit Rücksicht auf die Waffenbesitzer und Jäger in seinem Heimatstaat Vermont. Und 2007 stimmte er gegen die Einwanderungsreform, die John McCain und Ted Kennedy überparteilich ausgehandelt hatten und die den Millionen von illegalen Einwanderern den Weg zur Staatsangehörigkeit geebnet hätte. Viele große Gewerkschaften sind ihm aber genau dafür dankbar und unterstützen ihn nun im Wahlkampf, zumal er, anders als Clinton, auch das Handels- und Zollabkommen TTIP ablehnt.

          Gute Umfragewerte allein helfen nicht

          Könnte Bernie Sanders tatsächlich Hillary Clinton schlagen und im Herbst nächsten Jahres Präsident werden? Vielleicht. Aber beides ist, trotz seiner Popularität, unwahrscheinlich. So links, wie er es sich wünscht, ist seine Partei eben doch nicht; vor allem nicht im Mittleren Westen und in den Südstaaten. Nur mit den urbanen Zentren der Ostküste und den zunehmend links geprägten Westküsten- und Rocky-Mountains-Staaten kann er nicht gegen Clinton gewinnen.

          Doch ähnlich wie im Fall von Donald Trump, dem man trotz seiner erstaunlich guten Umfragewerte kaum eine Chance auf die Kandidatur der Republikanischen Partei ausrechnet, könnte auch Bernie Sanders als unabhängiger Kandidat antreten. Formal ist er ohnehin kein Parteimitglied, sondern sitzt als parteiloser Senator im Kongress. Dass er trotzdem bei den Vorwahlen der Demokratischen Partei antritt, ist nur durch die Eigenarten des amerikanischen Wahlrechts und der Parteistrukturen zu verstehen: Die Vorwahlen werden vom Staat und nicht von der Partei durchgeführt; antreten darf dabei jeder, der will.

          Der Eigensinn, den Demokraten nicht beitreten zu wollen, aber dennoch zu ihrer Fraktion zu gehören, erklärt sich bei Sanders wohl aus einer schmerzhaften Erfahrung am Beginn seiner politischen Laufbahn: In zwei Parteien, der winzigen „Socialist Party“ und der ebenso bedeutungslosen „Liberty Union Party“, versuchte er als Kandidat sein Glück, bewarb sich jahrelang auf alle möglichen politischen Ämter und verlor erwartungsgemäß jede Wahl. Erst als Bernie Sanders sich von allen parteipolitischen Zwängen freimachte und als unabhängiger Kandidat antrat, begann sein Aufstieg zum Politstar.

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