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Internet-Sicherheit : Warum Silicon Valley Obama misstraut

  • -Aktualisiert am

NSA-Direktor Mike Rogers am Montag in Washington. Bild: AFP

Barack Obama will Amerikas Firmen dazu bewegen, gegen Cyberattacken mit der Regierung zu kooperieren. Doch die IT-Branche vertraut dem Präsidenten nicht mehr. Die Angst vor dem Überwachungsstaat sitzt tief bei Apple und Co.

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          Wenn sich der NSA-Direktor auf eine Konferenz der linksliberalen „New America Foundation“ wagt, dann erwartet der Admiral nicht, mit patriotischem Dank für seine geheimen Dienste überschüttet zu werden. Gut anderthalb Jahre nach den ersten Enthüllungen von Edward Snowden und zwölf Stunden nach der Oscar-Auszeichnung des Snowden-Films „Citizenfour“ war es am Montag in Washington aber nicht einer der Bürgerrechtler im Saal, der sich das heftigste Wortgefecht mit Mike Rogers lieferte, sondern ein Manager von Yahoo.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          „Offenbar stimmen Sie ja Direktor Comey (vom FBI) zu, dass wir Fehler in die Verschlüsselungscodes unserer Produkte einbauen sollten, damit die amerikanische Regierung alles entschlüsseln kann“, sagte Alex Stamos, der bei dem Internetkonzern für Informationssicherheit verantwortlich ist. Rogers unterbrach ihn: „Das ist Ihre Lesart.“ Der Yahoo-Vertreter ließ sich nicht beirren. Die besten Kryptologen der Welt seien sich einig, dass man keine Hintertüren in Verschlüsselungscodes einbauen könne: „Das wäre, als bohrte man ein Loch in die Windschutzscheibe.“

          Obamas Streit mit dem Silicon Valley spitzt sich zu

          Rogers straffte sich in seiner blauen Marineuniform und versicherte, er habe in der NSA durchaus auch „eine Menge Weltklasse-Kryptologen“. Doch der Industrievertreter Stamos gab das Saalmikrofon nicht auf. Er verwies auf die 1,3 Milliarden Yahoo-Nutzer auf der Welt und stellte seine Frage: „Wenn wir für die amerikanische Regierung Fehler, Hintertüren oder goldene Generalschlüssel bereitstellen, sollten wir das auch für die chinesische, russische, saudische, israelische oder französische Regierung tun?“

          Natürlich beantwortete der NSA-Direktor die Frage nicht. Rogers wies die Prämisse zurück, dass sich verschlüsselte Kommunikation und ein „angemessener“ Zugang für die Sicherheitsbehörden technisch ausschlössen. Auf des Rätsels Lösung warteten die Informatiker im Publikum dann aber vergebens. Vielmehr sagte Rogers, dass er oder das FBI gar nicht durch „Hintertüren“ gehen wollten, denn „das klingt so zwielichtig, und man fragt: Warum gehen sie nicht vorne rein?“ Nötig sei ein neuer „rechtlicher Rahmen“. Der Yahoo-Mann Stamos seufzte. „War nett, Sie kennengelernt zu haben“, sagte er und gab das Mikrofon zurück.

          Die NSA-Spionage beschäftigt die meisten Amerikaner kaum noch. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte im Weißen Haus neulich lieber den amerikanischen Geheimdiensten gedankt, als ein Plädoyer für Datenschutz zu halten. Doch der Streit mit dem Silicon Valley spitzt sich für Barack Obama zu. Anders als die in der Terrorabwehr von Washington abhängigen Regierungen Europas lässt sich die IT-Branche nicht mit dem Versprechen abspeisen, dass das Weiße Haus die Suche nach der Balance zwischen Freiheit und Sicherheit mit langem Atem fortsetze. Der Präsident kann den Ärger der Firmen nicht ignorieren.

          Erstens klagt das FBI über die neuen Verschlüsselungskonzepte, mit denen Apple und Google vorpreschen. Zweitens sieht sich die Regierung gezwungen, den Kampf gegen Cyberkriminalität und Cyberterrorismus zu verstärken. Dafür ist sie auf das Vertrauen der Privatwirtschaft angewiesen – und auf Informatik-Genies, wie sie sich im Silicon Valley tummeln.

          Doch als Obama vor anderthalb Wochen dorthin reiste, um seine Dekrete zu bewerben, die Amerikas Unternehmen zu einem besseren Informationsaustausch über Hacker bewegen sollen, blies ihm ein kühler Wind ins Gesicht. Von den Chefs der größten IT-Firmen gab nur der Apple-CEO Tim Cook dem Präsidenten die Ehre – und schlug gleich einen Pflock ein: „Wenn diejenigen von uns in verantwortlichen Positionen nicht alles in unserer Macht Stehende tun, um das Recht auf Privatheit zu verteidigen, dann setzen wir etwas weit wertvolleres als Geld aufs Spiel. Wir riskieren unsere Lebensart.“

          Bis zu 400 Milliarden Dollar Schaden für die Wirtschaft

          Minuten später appellierte Obama an die Unternehmen, im Kampf gegen Cyberattacken die Ränge zu schließen – untereinander und mit der Regierung: „Die Regierung kann das nicht allein schaffen“, sagte der Präsident. „Aber Tatsache ist, dass es der Privatsektor auch nicht alleine schafft.“ Besäße Obama noch ein Smartphone und hätte er im Saal nach einem W-Lan-Netz gesucht, dann hätte er auch dort den Spott vom Silicon Valley zu spüren bekommen: Scherzbolde hatten Netze eingerichtet und auf Namen wie „FBI-Überwachungswagen“ oder „NSA-Überwachung“ getauft.

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