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Kampf gegen IS : Und jetzt, Herr Präsident?

Barack Obama beriet sich in Maryland mit gut 20 Militärchefs der internationalen Koalition über den Kampf gegen IS. Bild: AFP

Es ist verständlich, dass Obama keine Kampftruppen gegen den „IS“ ins Feld schicken will. Aber auch er kann nicht ignorieren, dass der Einsatz von Bodentruppen unerlässlich ist – wer auch immer sie stellt.

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          Auch nach dem Treffen hoher Militärs aus den Ländern, die sich in der sogenannten Koalition gegen den „Islamischen Staat“ (IS) zusammengeschlossen haben, hat sich an dem Grunddilemma des amerikanischen Präsidenten Barack Obama nichts geändert. Er hat vor einiger Zeit als Ziel ausgegeben, die Terrormiliz zu „schwächen und zu vernichten“. Die Luftangriffe gegen Stellungen und Einrichtungen des „Islamischen Staates“ im Irak und in Syrien sind Mittel zu diesem Zweck.

          Aber wie insbesondere der Kampfverlauf um die nordsyrische Stadt Kobane zeigt, reichen Luftangriffe noch nicht einmal aus, um den Vormarsch von IS wirklich zu stoppen und das Geschehen nachhaltig zu beeinflussen, geschweige denn, um IS „zu vernichten“. Dazu braucht man Heerestruppen; amerikanische Soldaten will Obama aber partout nicht einsetzen, kurdischen Kämpfern verweigert die Türkei Waffen und Transit. Ankara hat bislang nur Panzer an der Grenze auffahren lassen; welchen Demonstrationszweck das haben, wer damit eingeschüchtert oder beeindruckt werden soll, ist unklar. Sollte Kobane an die islamistische Terrormiliz fallen, dann wäre das ein fatales Signal: Die Türkei hätte dem Sieg der Islamisten tatenlos und im Wortsinne zugesehen; die Luftangriffe unter amerikanischer Führung hätten den Vormarsch nicht aufgehalten. Faktisch also eine Niederlage!

          Es ist nur zu verständlich, dass Obama sich scheut, noch einmal Kampftruppen in ein muslimisches Land zu schicken. Schließlich hat er seine Präsidentschaft unter das Motiv gestellt, das lange Kriegsjahrzehnt nach dem „11. September“ endlich zu beenden. Fortsetzen will er es gewiss nicht. Aber auch er kann die Tatsache nicht ignorieren, dass der Einsatz von kampferprobten Bodentruppen unerlässlich ist – wer immer sie auch stellt.

          Im Kosovo-Krieg stellte die kosovarisch-albanische UÇK die Bodentruppe, die Nato flog Luftangriffe. So war es auch im Frühjahr 2011: Westliche Staaten flogen Luftangriffe gegen militärische Ziele in Libyen, aufständische Milizen gegen den libyschen Herrscher Gaddafi operierten am Boden. Im Irakkrieg stellten die Amerikaner neben Großbritannien im Wesentlichen selbst die Kampftruppen gegen Saddam Husseins Armee; in Afghanistan stützten sich die Luftangriffe zunächst auf amerikanische Spezialkommandos und afghanische Gegner der Taliban.

          Ganz anders stellt sich die Lage heute dar: Im Irak erweist sich die irakische Armee als unfähig, den Kämpfern des „Islamischen Staates“ standzuhalten; in Syrien sind die kurdischen Verteidiger von Kobane schwach, der militärische Nachschub ist unzureichend, und die sogenannten moderaten Aufständischen gegen das Assad-Regime sind an den Rand gedrängt und immer weniger kampffähig.

          Man darf annehmen, dass Obama sich dieser Lage bewusst ist, wenn auch schon der Vorwurf der Selbsttäuschung zu hören ist. Der Vorwurf, er habe im Syrien-Konflikt viel zu lange gezögert, wird schon lange erhoben, auch von früheren Mitgliedern seiner Regierung. Wenn er es nicht schaffen sollte, die Koalition gegen IS auf ein Vorgehen zu verpflichten, das ebenso realistisch wie erfolgversprechend ist, dann wird sein ohnehin beschädigter Ruf als entschlossener Führer weiter Schaden nehmen. Und die Killer vom „Islamischen Staat“ werden nur noch Hohn und Spott für ihn und die Vereinigten Staaten übrig haben.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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