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Absturz eines Präsidenten : Im Widerspruch zwischen Pose und Persönlichkeit

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Das vermutlich häufigste Wort, mit dem Amerikaner heute Barack Obama charakterisieren, lautet „disconnected“, also etwa „abgekoppelt“, „entrückt“. Für sie lebt der Präsident in seiner eigenen Welt, ist für Ratschläge unzugänglich, versteht das Leben und die Gefühle anderer Menschen nicht und ist meistens sehr mit sich selbst beschäftigt. Diese Vorwürfe sind deshalb so schlimm, weil sie zutreffend sind.

„Sein Verhältnis zu den eigenen Parteifreunden ist so schlecht wie das zu den Republikanern“, berichtet der Watergate-Journalist Bob Woodward über Obama, „die Demokraten sagen: Der hört einfach nicht zu, der interessiert sich einfach nicht für uns.“ Auffällig ist, dass Obama gerade in der eigenen Partei und bei seinen Wählern viel Ansehen eingebüßt hat. Schwarze, Studenten, Frauen, Jungwähler, Hispanics – besonders in diesen Gruppen sind die Sympathiewerte im Keller. Folgerichtig baten die meisten Demokraten bei den Kongress- und Gouverneurswahlen im letzten Herbst den Präsidenten, nicht in ihrem Wahlkreis aufzutreten. Dabei ist der Präsident der eigenen Partei üblicherweise der wichtigste Wahlkämpfer. Jetzt aber gehen viele Demokraten öffentlich zu Obama auf Distanz. Das kommt bei den Wählern gut an. Hillary Clinton etwa lässt immer wieder wissen, dass sie die Außenpolitik des Präsidenten für zu schwach und zu undurchdacht hält. Aber ist es nicht sehr verständlich und sehr richtig, dass er nach den übereilten Interventionen unter George W. Bush vorsichtiger und zögerlicher entscheidet?

Zu viel Eigensinn und Rücksichtslosigkeit im politischen Alltag

Doch bei aller Ungerechtigkeit, die im Urteil über Obama im Spiel sein mag, er selbst hat viel dazu beigetragen, dass er heute trotz seines historischen Wahlsieges als erster schwarzer Präsident und trotz seiner Wiederwahl wie ein völliger Verlierer dasteht. Der Zug zur Selbstüberschätzung, der Obamas Biographie seit Jugendzeiten durchzieht, hatte im Amt des Präsidenten schwere Folgen. „Die Erdplatten haben sich verschoben“, sagte Obama schon in seiner ersten Rede als Präsident nach der Vereidigung im Januar 2009 vor 1,8 Millionen Menschen in Washington. Das war zwar politisch gemeint, doch es war eine entlarvende Rhetorik: Die Erdplatten haben sich verschoben? Geht es nicht eine Nummer kleiner?

Bei seiner ersten großen Zwischenbilanz nach zwei Jahren im Amt stellte Obama allen Ernstes fest, er habe schon mehr bewirkt „als alle anderen Präsidenten bis auf drei“: Lincoln, der die Sklaven befreit hatte, Franklin Roosevelt, der gegen Japan und Deutschland in den Krieg ziehen musste, und Johnson, der die Bürgerrechte der Schwarzen gesetzlich verankert hatte. Obama nach Selbsteinschätzung auf Platz 4 der amerikanischen Geschichte? Da war die Grenze zum Größenwahn in Sichtweite.

Mangelnde Einsicht in eigene Fehler kommt hinzu. „Ich habe niemals zu viel versprochen“, sagt Obama bis heute oft. Und gerade weil er das behauptet, wird er von seinen Gegnern immer wieder an das erinnert, was er so alles versprochen hat, zum Beispiel kurz vor seinem ersten Wahlsieg im Jahr 2008: „Auf diesen Augenblick wird man später einmal zurückblicken und sagen: Damals begannen die Meeresspiegel der Ozeane wieder zu sinken, und unser Planet begann, sich zu erholen.“ Das ist allerhand. Wie sympathisch wäre es, wenn Obama über sich selbst lachen und rundheraus einräumen könnte, dass damals im Wahlkampf alle Pferde mit ihm durchgegangen sind. Doch das kann er nicht. Stattdessen sagt er todernst: „Ich habe die Schwierigkeiten, die beim Erreichen unserer Umweltschutzziele vor uns liegen, niemals unterschätzt und werde nicht ruhen, bevor diese Ziele erreicht sind.“

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