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Absturz eines Präsidenten : Im Widerspruch zwischen Pose und Persönlichkeit

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Mit größerem Abstand wird das Urteil milder werden. Doch einstweilen ist Obamas Abstieg so spektakulär, wie es sein Aufstieg vor acht Jahren war. Damals schien ihm die Welt zu Füßen zu liegen, selbst in Berlin wurde er von Hunderttausenden gefeiert, die amerikanischen Medien beschrieben ihn als Politiker ganz neuen Typs, die Wähler sahen in ihm den lang ersehnten Heilsbringer, eine Art politischen Messias, der endlich Schwarze und Weiße versöhnen, die Schere zwischen Armen und Reichen schließen, die Welt friedlicher und sicherer machen und den amerikanischen Traum auf ganz neue Füße stellen könnte. „Der Gott aller Dinge“ nannte „Newsweek“ damals den neuen Präsidenten.

Was ist von den hohen Erwartungen geblieben? „Oberster Enttäuscher“ nennt die „Washington Post“ Obama heute in fröhlichem Zynismus und bitterem Ernst. Sie hat ihn in seinem ersten Wahlkampf noch leidenschaftlich unterstützt, genauso wie der liberale „Boston Globe“, der Obama heute „die amerikanische Enttäuschung schlechthin“ nennt. Selbst im Nobelpreiskomitee in Oslo hat die völlige Ernüchterung über Obama inzwischen handfeste Folgen gehabt: Der Vorsitzende des Komitees Thorbjoern Jagland, dem die voreilige Entscheidung für Obama angelastet wird, musste zurücktreten – das geschah zum ersten Mal in der mehr als hundertjährigen Geschichte des Komitees.

Aber warum ist die Enttäuschung über Obama so viel leidenschaftlicher und tiefgreifender als die über George W. Bush? Warum ist das Urteil über Obama so bitter und oft wohl auch ungerecht? Ganz einfach: weil er nicht aus Pragmatismus gewählt wurde, sondern aus Liebe. Weil seine Anhänger auf ihn nicht nur politische Erwartungen, sondern persönliche Erlösungsphantasien projiziert haben. Nur enttäuschte Liebe setzt so ungeheure Kräfte frei, wie sie jetzt gegen Barack Obama wirken.

Doch ist die Obama-Bilanz überhaupt so schlecht, wie es jetzt heißt? Ja und nein. Weder hat sich Obama mit persönlichen Affären und Skandalen blamiert wie Bill Clinton, noch hat er einen außenpolitischen Scherbenhaufen hinterlassen wie George W. Bush oder Amerika in Selbstzweifel und Depressionen gestürzt wie Jimmy Carter. Das ist vermutlich das Verblüffendste am amerikanischen Obama-Verdruss: Weder persönlich noch politisch hat sich der Präsident ernstlich etwas zuschulden kommen lassen. Er wird ganz offenbar an anderen Maßstäben gemessen.

Denn sonst müsste man ihm wenigstens zugutehalten, dass er die amerikanische Wirtschaft nach der Finanzkrise erfolgreich stabilisiert und die Arbeitslosenquote deutlich gesenkt hat, dass er die amerikanischen Truppen aus dem Irak und Afghanistan abgezogen und damit ein zentrales Wahlkampfversprechen gehalten hat. Ist das alles nichts? Und was ist mit der überfälligen Entspannungspolitik gegenüber Kuba, die Obama endlich auf den Weg gebracht hat? Und was mit dem Atomabkommen mit dem Iran, mit der ersten großen Gesundheitsreform, durch die Millionen von Amerikanern jetzt erstmals eine Krankenversicherung haben? Auch eine solche Bilanz könnte man ziehen. Doch wer so rechnet, denkt zu wenig menschlich; er verkennt die Emotionen, die Obama beim politischen Publikum geweckt hat und die sich jetzt gegen ihn selbst wenden.

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