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Außenminister Steinmeier : Die Ukraine-Krise reist immer mit

Außenminister Frank-Walter Steinmeier besucht in Kolumbien ein Dorf der Kogi San Miguel. Bild: dpa

Als Folge des gewachsenen internationalen Gewichts Deutschlands wird Außenminister Frank-Walter Steinmeier überall von der Ukraine-Krise begleitet - auch in einem entlegenen Bergdorf der kolumbianischen Sierra Nevada.

          Die Kogi sind ein kleines indigenes Volk im Nordosten Kolumbiens mit einem großen Herzen für die Umwelt. Das heißt, sie zerstören ihre eigene Lebenswelt am Fuß der Sierra Nevada de Santa Marta mit den fast 5800 Meter hohen Gipfeln nicht in dem Maße, wie es der europäische Mensch zu tun pflegt, besonders seit der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts. Der europäische Mensch hat das Überleben von Völkern wie der Kogi immer wieder akut bedroht. Zunächst mittels brutaler Unterwerfung und Landraub in der Kolonialzeit; später und bis heute durch die nur scheinbar sanftere Ausbreitung einer auf Ausbeutung der Natur und Anhäufung von Reichtümern gegründeten Lebensrationalität.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Wie viele Kogi es heute noch gibt, ist in der Forschung nicht klar. Die Zahlen schwanken zwischen rund 5000 und gut 20.000. Die Vorfahren der Kogi flohen vor den spanischen Conquistadores, die von ihren Küstenstädten Cartagena und Santa Marta aus ihre Raub- und Eroberungszüge unternahmen, in die unzugänglichen Hochtäler der Sierra Nevada. Dort überlebten sie, im Einklang mit „Aluna“, der Großen Mutter, die alles Lebende hervorgebracht hat – natürlich auch den höchsten Berggipfel „Gonawindua“, den die spanischen Kolonialherren natürlich nach Christoph Columbus benannt haben. Die kleinwüchsigen Kogi in ihren einfachen weißen Gewändern, die sie aus Wolle und Baumwolle selbst weben, wirken wie Propheten für eine harmonische Welt des Friedens unter den Menschenkindern sowie zwischen Mensch und Schöpfung.

          Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat auf der letzten Station seiner viertägigen Lateinamerika-Reise nach Brasilien, Peru und Kolumbien die Kogi besucht. Von Santa Marta ging es im windgeschüttelten Hubschrauber der kolumbianischen Luftwaffe hinauf in die Sierra Nevada. Dort übergab der Minister einem Dorfältesten auch eine deutsche Maschine, mit dem der exquisite Kaffee, den die Kogi anbauen, für die Ausfuhr vakuumverpackt werden kann. Denn der Kaffee der Kogi gilt zumal bei deutschen Kennern als „der vielleicht nachhaltigste Kaffee der Welt“, angebaut von den „Hütern der Erde“ in der kolumbianischen Sierra Nevada, die das Wachstum der Pflanzen ganz dem Zyklus der Natur überlassen.

          Die Ukraine-Krise reist mit: Steinmeier in einem Hubschrauber in Kolumbien.

          Doch selbst beim Ausflug zur Lebensharmonie der Kogi wird der deutsche Außenminister von der Ukraine-Krise begleitet. So ist es bei allen drei Stationen seiner Lateinamerika-Reise, die er wegen der Verhandlungen über einen Waffenstillstand für die Ostukraine mehrfach hat verschieben müssen. Ob in Brasília oder Lima oder Bogotá, wichtiger als die Themen in den Hauptstädten der Partner in Lateinamerika ist immer die Lage in Debalzewe, der von russischen Separatisten offenbar umzingelten Stadt in der Ostukraine.

          Es ist die Folge des gewachsenen Gewichts Deutschlands und aktuell der Rolle Berlins als Friedensvermittler für die Ukraine, dass ein deutscher Außenminister bei Reisen selbst in entlegenste Weltgegenden immer von den jüngsten Weltkrisen begleitet wird. Was für amerikanische Außen- und Verteidigungsminister seit Jahr und Tag auf Auslandsreisen Routine ist, das müssen nun auch der deutsche Außenminister und natürlich auch die Kanzlerin tun: telefonieren und konferieren im Regierungsflugzeug, im Delegationshotel, in der Wagenkolonne.

          Auf dem Flug von Cartagena, der ersten Station von Steinmeiers Besuch in Kolumbien, in die Hauptstadt Bogotá fällt am Sonntagabend die Entscheidung, dass man gemeinsam mit Paris den überraschenden Vorstoß Moskaus im UN-Sicherheitsrat für eine Resolution oder eine Präsidentenerklärung unterstützt – gegen die Bedenken Washingtons und Londons. Beim Flugtransfer von Lima nach Cartagena am Samstag hatte Steinmeier telefonisch in Einzelgesprächen zwischen dem Amerikaner John Kerry und dem Russen Sergej Lawrow vermittelt, weil zwischen dem amerikanischen und dem russischen Außenminister derzeit Funkstille herrscht. Dass der Waffenstillstand im Wesentlichen zu halten scheint, begrüßt Steinmeier am späten Sonntagabend im Delegationshotel in Bogotá. Wie bei jeder Äußerung zur Ukraine gibt er auch bei diesem Anlass der Skepsis Ausdruck, dass das Risiko eines Scheiterns mit unabsehbaren Folgen für eine Eskalation und Ausweitung des Konflikts bestehen bleibt. Am frühen Montagmorgen erreicht Steinmeier im Delegationshotel dann die Nachricht, dass die Ukraine entgegen der Vereinbarung von Minsk ihre schweren Waffen nicht abziehen will, weil die Separatisten den Waffenstillstand gebrochen hätten.

          Und Kolumbien? Dort ermuntert man die Deutschen, nach einem erhofften Friedensschluss mit den Rebellen von den marxistischen Farc noch in diesem Jahr dem Land mit Expertise beim Versöhnungsprozess und bei der Erinnerungskultur nach dem Ende eines Konflikts beizustehen. Präsident Juan Manuel Santos legt besonderen Wert auf Berlins Unterstützung beim Friedensprozess mit den Farc. Denn Deutschlands historisch hohes Ansehen ist in den vergangenen Jahren weiter gewachsen, und eine größere Rolle Berlins gibt dem Friedensprozess in Kolumbien zur Überwindung des seit 50 Jahren währenden Bürgerkriegs zusätzliche Legitimität.

          Beim inzwischen alltäglichen Vielfronteneinsatz des deutschen Außenministers hat der Krieg in der Ukraine aber vorerst Priorität vor dem Frieden in Kolumbien.

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