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Stichwahl in Argentinien : Warten auf die Ankunft des wahren Peronismus

  • -Aktualisiert am

Ob sie wissen, was der Peronismus eigentlich ist? Bild: AFP

Vor der Stichwahl in Argentinien beruft sich nicht nur Regierungskandidat Daniel Scioli auf Juan Perón, sondern auch Oppositionskandidat Mauricio Macri. Was aber ist das überhaupt: Peronismus?

          Jahrzehntelang hat sich der argentinische Schriftsteller und Journalist Tomás Eloy Martínez mit dem Phänomen des Peronismus beschäftigt. Immer wieder ist er in seinem Werk zu Juan Domingo Perón (1895 bis 1974) und zu dessen zweiter Ehefrau Eva Perón (1919 bis 1952) zurückgekehrt. Über den General und Politiker, der von 1946 bis 1955 sowie ein zweites Mal während der letzten acht Monate seines Lebens bis Juli 1974 als Präsident über Argentinien herrschte, veröffentlichte Eloy Martínez 1985 den Roman „La novela de Perón“. Zehn Jahre später erschien „Santa Evita“. Mit der halbfiktiven Lebensgeschichte der bis heute weithin verehrten „Primera Dama“ Eva Perón gelang Eloy Martínez ein literarischer Welterfolg: Kein anderer argentinischer Roman wurde in so viele Sprachen übersetzt wie „Santa Evita“.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Kurz vor seinem Tod Anfang 2010 im Alter von 75 Jahren zog Eloy Martínez in einem Essay die Summe seiner Beschäftigung mit Juan und Eva Perón: „Niemand weiß genau, was der Peronismus eigentlich ist. Deshalb findet das ganze Land im Peronismus auf so vollkommene Weise seinen Ausdruck. Wenn ein Peronismus fällt - wegen Korruption, weil er gescheitert ist oder weil er sich einfach überlebt hat -, tritt sofort ein anderer Peronismus an seine Stelle und sagt: ,Das war ja alles nur Betrug, jetzt kommt erst der wahre Peronismus.’ Seit Jahrzehnten hofft man in Argentinien auf die Ankunft des wahren Peronismus, als wäre er eine Art Messias, der das Ende der Zeiten überstrahlt, wenn das Land endlich und für immer seine Größe wiedererlangt.“

          Treffender kann man die politische Lage in Argentinien nach den Präsidenten- und Parlamentswahlen kaum beschreiben. Die scheidende peronistische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner, die nach zwei aufeinanderfolgenden Amtszeiten nicht mehr antreten durfte, bleibt noch bis zum 10. Dezember im Amt. Dann endet nach zwölf Jahren die zunächst von Néstor Kirchner und später von dessen Frau Cristina geprägte Ära des „Kirchnerismus“, der jüngsten Ausformung des Peronismus. Und was kommt dann? Ein neuer, kosmetisch reformierter Peronismus oder doch eine behutsame Abkehr von dieser so typisch argentinischen Herrschaftsform?

          Von den drei mit Abstand stärksten Präsidentschaftskandidaten der ersten Runde kamen zwei aus dem peronistischen Regierungslager: der knappe Wahlsieger Daniel Scioli, scheidender Gouverneur der Provinz Buenos Aires; und der drittplatzierte Sergio Massa, der reform-peronistische Bürgermeister der Stadt Tigre nordwestlich von Buenos Aires. Der gemäßigt konservative Oppositionskandidat Mauricio Macri, der sich als Zweitplatzierter vom Sonntag nun am 22. November in der Stichwahl mit Scioli messen wird, hatte sich im Wahlkampf gewissermaßen als Peronist verkleidet.

          Die erste Statue von Juan Perón

          Zwei Wochen vor dem Wahltag legte sich Macri, seit Dezember 2007 Bürgermeister von Buenos Aires, buchstäblich Perón zu Füßen: Am 8. Oktober, dem 120. Geburtstag Peróns, enthüllte Macri im Herzen der Hauptstadt eine gut fünf Meter hohe Bronzestatue des legendären Caudillo. Die Oppositionspartei Macris hatte die Anfertigung des Standbilds auf der Plaza Augustín P. Justo selbst betrieben. Mit Rollrasen und Blumenrabatten wurde die Parkanlage rechtzeitig zum Endspurt des Wahlkampfes aufgehübscht. Präsidentin Fernández de Kirchner, die sich seit Jahren als Wiedergängerin Evita Peróns stilisiert, blieb der Zeremonie in Sichtweite ihres Amtssitzes „Casa Rosada“ fern, obwohl sie dazu von Macri ausdrücklich eingeladen worden war.

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