https://www.faz.net/-gq5-7vgeo

Anschlag in Kanada : Ein polizeibekannter Einzeltäter 

  • Aktualisiert am

Trauer um den erschossenen Reservisten Nathan Cirillo: Kanadas Premierminister Stephen Harper und seine Ehefrau Laureen legen in Ottawa am Tatort Blumen nieder. Bild: AP

Bei dem Mann, der in Ottawas Regierungsviertel um sich schoss und einen Soldaten tötete, handelt es sich offenbar um einen 32 Jahre alten Kanadier. Nach Polizeiangaben war er ein Einzeltäter, der zum Islam konvertiert sein soll.

          3 Min.

          War es ein Islamist oder ein Verrückter? Nach dem Angriff auf das Parlament in Ottawa fragten sich das die Kanadier. Auch am Tag nach der Attacke mit einem toten Opfer und einem toten Täter sind viele Fragen noch ungeklärt, doch die Antwort könnte lauten: Möglicherweise war er beides. Nach und nach verdichtet sich das Bild eines Menschen, der vom Islam angezogen war, von Bekannten aber auch als verwirrt bezeichnet wurde.

          Das Denkmal für die kanadischen Gefallenen aller Kriege steht gleich beim Regierungsgebäude in Ottawa, nur auf der anderen Seite der Straße. Am Mittwochmorgen schoss ein ganz in schwarz gekleideter Mann einen der beiden Ehrenwache stehenden Soldaten nieder. Dann reckte er Augenzeugen zufolge triumphierend seine Faust. Das Opfer, ein Reservist, starb Stunden später im Krankenhaus. Der Vater eines sechs Jahre alten Jungen wurde 24 Jahre alt.

          Der Angreifer gelangte in das Parlament, durch dessen steinerne Gänge Dutzende Schüsse hallten. Premierminister Stephen Harper und die Chefs der drei anderen großen Parteien waren im Haus, wurden aber schnell in Sicherheit gebracht. Letztlich war es Medienberichten zufolge der Sicherheitschef des Parlaments - dem „Sergeant of Arms“ - selbst, der offenbar seine Pistole griff und den Mann niedergeschossen haben soll - unmittelbar vor dem Sitzungssaal. Bisher kannten die Kanadier nicht den Namen dieses Kevin Vickers, nur die Bilder, wenn er vor Parlamentssitzungen das alte Zepter in den Saal trägt. Jetzt ist der 58 Jahre alte Polizist ein Held.

          Und der Angreifer? Michael Zehaf-Bibeau soll er heißen und 32 Jahre alt sein. Er hat eine Vergangenheit mit Vorstrafen und Drogen. Das melden kanadische Medien, die Polizei sagt nichts. Zehaf-Bibeau ist gebürtiger Kanadier, soll aber auch einige Zeit in Libyen gewesen sein. Vom Islam habe er sich angezogen gefühlt und immer wieder eine Moschee besucht. Wegen Raubes und Waffenbesitzes war er zudem 2003 zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt worden, wie der kanadische Sender CTV berichtete. Die Nachrichtenagentur Reuters meldete unter Berufung auf amerikanische Sicherheitsbehörden, dass der Mann zum Islam konvertiert war.

          Zehaf-Bibeau wurde den Berichten zufolge in Quebec geboren - als Sohn eines Geschäftsmanns und einer Beamtin des „Immigration and Refugee Board of Canada“. Er soll, schreibt „Globe and Mail“, in Ottawa und Montreal aufgewachsen sein und einige Zeit in Libyen verbracht haben, bevor er im Westen Kanadas Arbeit fand.

          Also ein hartgesottener Islamist, wie der Times-Square-Bomber in New York oder die Attentäter von Boston? „Ich denke, er war geisteskrank“, zitiert die „The Globe and Mail“ einen Freund von Zehaf-Bibeau. Er sei ihm nicht extremistisch erschienen, habe aber oft davon gesprochen, vom Teufel verfolgt zu werden.

          Haben die kanadischen Sicherheitsbehörden versagt? Zehaf-Bibeau war als „Reisender mit hohem Sicherheitsrisiko“ eingestuft, ganz unbekannt war er also nicht, wie die kanadische Zeitung „The Globe and Mail“ berichtete. Laut CNN und CBS steht er auf einer Liste von 90 Personen, die wegen einer Terrorgefahr beobachtet werden und dem sogar der Pass entzogen war. Auch der britische „Guardian“ schrieb von einem „spektakulären Versagen“ des Geheimdienstes. So habe Michel Coulombe, Direktor des Canadian Security Intelligence Service, erst vor zwei Wochen vor dem Parlament gesagt, die Gefahr terroristischer Anschläge sei real, es gebe aber kein Anzeichen für ein bevorstehendes Attentat.

          Konnte man die Pläne eines Verwirrten ahnen? Oder war Zehaf-Bibeau doch kaltblütiger, als es zunächst den Anschein hatte? Sein Ziel wird er vermutlich nicht erreichen. Kanada ist stolz darauf, dass seine Institutionen nicht zu Festungen ausgebaut sind wie beim Nachbarn Amerika. So soll es auch bleiben, versicherten Politiker. Und Premier Harper beteuerte, dass sich Kanada nicht einschüchtern lasse. Kanada ist an den Luftschlägen gegen die Terrormiliz Islamischer Staat beteiligt. Nach der „brutalen und gewalttätigen Tat“ kündigte Harper ein stärkeres Engagement seines Landes im Kampf gegen den internationalen Terrorismus

          Ottawa : Polizei sieht keine Gefahr mehr

          Ein Freund des Attentäters berichtete laut „Globe and Mail“, dass er Michael Zehaf-Bibeau vor etwa drei Jahren in einer Moschee in Burnaby bei Vancouver getroffen habe. Er sei nicht durch extremistische Ansichten aufgefallen, habe aber immer wieder vom Teufel gesprochen, der hinter ihm her sei. „Ich glaube, er muss psychisch krank gewesen sein.“

          Zuletzt habe er Zehaf-Bibeau vor drei Wochen in einer Moschee getroffen, berichtete der Bekannte weiter. Er habe von Plänen gesprochen, wieder nach Libyen zu gehen - um dort Arabisch zu lernen und sich mit dem Islam zu beschäftigen.

          Der Sicherheitschef des kanadischen Parlaments, Kevin Vickers, habe wohl Schlimmeres verhindert, berichtete der Nachrichtensender CNN. Abgeordnete und Bedienstete verdankten ihre Sicherheit, ja sogar ihr Leben Vickers, twitterte der Abgeordnete Craig Scott. Er habe den Attentäter vor den Fraktionsräumen erschossen. Eine Darstellung, die von den kanadischen Behörden zunächst nicht bestätigt wurde.

          Vickers ist als Waffen- und Zeremonienmeister auch für Haustechnik und vor allem für die Sicherheit verantwortlich. Der erfahrene Sicherheitsbeamte ist seit 2006 im Amt und war laut CNN zuvor Mitglied der berittenen Polizei. „Kevin ist ein Held“, sagte Matt Miller vom „Vancouver Observer“ dem Sender. Miller war zum Zeitpunkt des Attentats im Parlamentsgebäude. Vickers’ Bruder John sagte CNN, es sei seines Wissens das erste Mal gewesen, dass Kevin Vickers seine Waffe im Dienst benutzt habe.

          Weitere Themen

          Neuverschuldung des Bundes steigt auf fast 100 Milliarden Euro Video-Seite öffnen

          Von Scholz gebilligt : Neuverschuldung des Bundes steigt auf fast 100 Milliarden Euro

          Das Bundeskabinett hat den Haushaltsentwurf von Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) gebilligt. Dieser sieht für das kommende Jahr eine weitere Neuverschuldung von gut 96 Milliarden Euro vor. Ab 2022 will die Regierung wieder die Schuldenbremse im Grundgesetz einhalten, doch sollen bis 2024 neue Kredite von gut 22 Milliarden Euro aufgenommen werden.

          Topmeldungen

          Migranten im neuen Lager Kara Tepe auf Lesbos. Griechenland und die EU planen hier ein „Pilotprojekt“ für eine neue Asylpolitik.

          Migrationspakt : Die EU steht auf dem Spiel

          Die EU kommt einer realistischen Lösung der Migrationsfrage näher. Wer dagegen Öl ins Feuer gießt, gefährdet nicht nur das Asylrecht.
          Für welche Marke wird hier produziert? Textilfabrik in Bangladesch.

          Lieferkettengesetz : Wer hat meine Schuhe gemacht?

          Die Politik feilt am Lieferkettengesetz. Dann müssen Unternehmen nachvollziehen, woher ihre Vorprodukte kommen. Technisch ist das möglich und auch die Blockchain könnte helfen. Doch es gibt einen Haken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.