https://www.faz.net/-gq5-85t9x

Anschlag auf Marines : Einsamer Wolf mit komischem Namen

Abdulazeez feuerte durch die Tür und die Fenster des Büros. Bild: dpa

Mohammad Youssef Abdulazeez wird als höflich und zurückhaltend beschrieben, doch was trieb den Todesschützen von Chattanooga zu seinem Anschlag auf das Militär?

          3 Min.

          Noch ist wenig bekannt über den 24 Jahre alten Schützen, der am Donnerstag in Chattanooga im Bundesstaat Tennessee vier Soldaten getötet, drei weitere Personen verletzt hat und von Polizisten schließlich selbst erschossen worden war. Bekannt ist, dass der Mann mit zwei Schwestern und seinen Eltern in einem gepflegten Vorort der Großstadt Chattanooga aufwuchs. Er spielte Wiffle-Ball, eine Variante des amerikanischen Nationalsports Baseball. Bekannte beschrieben ihn gegenüber amerikanischen Medien als höflich und zurückhaltend. Manchmal fuhr er zu schnell, einmal wurde er festgenommen wegen Trunkenheit am Steuer. Er übte Kampfsport aus und trainierte offenbar junge Leute im Ringen. Zudem verfasste er Blogeinträge. Bis dahin klingt alles nach einer ziemlich unspektakulären, ziemlich amerikanischen Entwicklung eines Jungen zum Mann.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Was ihn davon allerdings trennte, war seine Herkunft. Der Todesschütze ist ein in Kuweit geborener Jordanier namens Mohammad Youssef Abdulazeez, der mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten übersiedelte und die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm. Im Jahr 2012 absolvierte er ein Ingenieursstudium an der Universität von Tennessee in Chattanooga. Abdulazeez war ein guter Student, berichten Mitschüler. Er absolvierte ein Praktikum bei einem Wasserwerk.

          Sein Jahrbuch aus dem Abschlussjahr der Highschool zeigt einen jungen hübschen glatt rasierten Mann mit aufgeweckten Augen. Daneben hatte er einen sarkastischen Eintrag geschrieben: „Mein Name löst nationalen Sicherheitsalarm aus. Was macht Euer Name?“ Das war ein erster zarter Hinweis, dass Abdulazeez sein Leben nicht als unbeschwert empfand. Den nächsten spürte das Sicherheitsunternehmen Site auf, das Spuren von islamistischen Terroristen im Internet und in sozialen Netzwerken sucht. Sie berichtete von einem Blogeintrag vom 13. Juli. Darin bezeichnet Abdulazeez sein Leben als kurz und trostlos. Er forderte seine Mitmenschen auf, jede Gelegenheit zu nutzen, sich Allah zu unterwerfen.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Ermittler versuchen Spekulationen einzudämmen

          Facebook-Bilder der Familie zeigen, dass sich Abdulazeez in den vergangenen Monaten einen Bart wachsen ließ. In den vergangenen drei Monaten tauchte er regelmäßig zu Freitagsgebeten in einer Moschee auf, die auch seine Familie besuchte. Von einer Radikalisierung des jungen Mannes sei aber nichts zu merken gewesen. Ein Freund berichtet, er sei eine Zeitlang von der Bildfläche verschwunden. Der Vater habe ihm gesagt, Abdulazeez sei in der alten Heimat. Noch ein anderer Hinweis fügt sich ins Bild: Der Vater des jungen Mannes stand vor einigen Jahren im Verdacht, Geld an Organisationen gespendet zu haben, die in Verbindung mit Terroristen standen.

          Trotz dieser Indizien versuchten die Ermittler zunächst, jegliche Spekulationen einzudämmen. Die Bundespolizei FBI teilte in ersten Stellungnahmen mit, es gebe keine Hinweise darauf, dass der junge Mann Verbindungen zu internationalen Terrororganisationen habe. Die Ermittler behandeln den Anschlag als terroristischen Akt eines Einzeltäters. Sie erwarteten indes, dass die Terrororganisation „Islamischer Staat“ die Verantwortung für das Attentat übernimmt. Das habe aber zunächst nichts zu bedeuten. Jedoch fügen sich Einzeltaten in ein neues Muster des Terrorismus, der ohne übergeordnete Koordination stattfindet, hieß es aus dem FBI.

          Vier Marineinfanteristen starben im Kugelhagel

          Rätselhaft blieben zunächst nicht nur die Motive, sondern auch die Umstände des Anschlags: Abdulazeez war am Donnerstagmittag offenbar mit seinem Auto auf den Parkplatz eines Rekrutierungsbüros der amerikanischen Streitkräfte gefahren. Abdulazeez feuerte durch die Tür und die Fenster des Büros. Anschließend floh er mit seinem Ford Mustang und fuhr mit hohem Tempo zu einem Stützpunkt der Marineinfanterie. Herbeigerufene Polizisten verfolgten ihn. An der Kaserne eröffnete er abermals das Feuer. Polizisten und Soldaten schossen zurück. Vier Marineinfanteristen starben im Kugelhagel, zwei weitere Soldaten und ein Polizist wurden verletzt. Am Ende fand auch Abdulazeez den Tod. Das Feuergefecht hatte Augenzeugen zufolge rund vierzig Minuten gedauert.

          Ungeklärt blieb, wie der Attentäter zu seinen Waffen und der Munition gelang. Ermittler sagen, er hatte mehrere Waffen, darunter Schnellfeuergewehre mit großer Durchschlagskraft bei sich gehabt. Der Sender CNN berichtete von einer Waffe, die einer Kalaschnikow ähnelt. Ermittler fanden später mehrere Magazine bei Abdelazeez, die jeweils dreißig Patronen enthalten können. Er soll viele hundert Schüsse abgegeben haben. Die Einschüsse am Rekrutierungsbüro der Marines zeigen, dass der Mann seine Waffe auf Dauerfeuer eingestellt hatte und sie waagerecht hin und her bewegte.

          Weitere Themen

          „Eine gute Nachricht“ Video-Seite öffnen

          Merkel zum Brexit-Deal : „Eine gute Nachricht“

          Bei ihrer Ankunft in Brüssel hat Bundeskanzlerin Angela Merkel betont, dass sie besonders erfreut sei, dass irische Premier mit dem Deal zufrieden sei. Die Einigung auf einen neuen Deal sei eine „gute Nachricht“.

          Topmeldungen

          Ruinerwold in Aufruhr : Polizei nimmt auch Vater der isolierten Familie fest

          Fassungslos reagieren die Einwohner des niederländischen Dorfes Ruinerwold auf die mutmaßliche Freiheitsberaubung einer ganzen Familie zu der immer mehr Details ans Licht kommen. Nun hat die Polizei einen zweiten Verdächtigen verhaftet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.