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Anschläge in Boston : Am Tag der Patrioten

Bild: AP

Der doppelte Bombenanschlag von Boston bedeutet nicht nur für die Präsidentschaft Obamas eine Zäsur. Steckt hinter dem Terror Al Qaida oder generierte sich der Gewaltexzess am „Patriots’ Day“ aus dem Milieu des amerikanischen Rechtsextremismus?

          Präsident Barack Obama hat sich vielleicht mit gutem Grund zurückgehalten, als er vor voreiligen Schlussfolgerungen warnte und weder das Wort „Terror“ in den Mund nahm noch von „Terroranschlag“ sprach. Die Erinnerung an den „11. September“ ist nicht soweit verblasst, dass nicht schnell eine Panik unter der Bevölkerung entstehen könnte. Mitarbeiter des Weißen Hauses waren dagegen nicht ganz so scheu, sondern sprachen von einem „klaren Terrorakt“. Was soll es auch anderes sein, wenn Sprengsätze explodieren, die drei Menschen in den Tod reißen und Dutzende verletzen, einige davon schwer?

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          Der doppelte Bombenanschlag von Boston bedeutet jedenfalls nicht nur für die Präsidentschaft Obamas eine Zäsur: Es ist das erste Mal seit jenem furchtbaren Tag im September 2001, als Al Qaida Weltgeschichte schrieb, dass in den Vereinigten Staaten Menschen einem Sprengstoffanschlag zum Opfer fallen. Es hatte zwischenzeitlich Attentatsversuche gegeben, die meistens auf das Konto des islamistischen Terrornetzwerkes gingen oder von ihm inspiriert waren; sie konnten aber von den mittlerweile entsprechend auf- und ausgerüsteten Sicherheitsbehörden vereitelt werden.

          Geschockt, aber unverletzt: Ein Läuferin nach den Anschlägen beim Boston Marathon Bilderstrecke

          Der Anschlag auf Läufer und Zuschauer des „Boston Marathon“ war dagegen „erfolgreich“ – es ist der Albtraum derer, die für die Sicherheit bei Großveranstaltungen verantwortlich sind. Wer die enormen Anstrengungen in Zweifel zog, die im vergangenen Jahr die Veranstalter der Olympischen Sommerspiele in London unternahmen, hat vielleicht jetzt eine Antwort bekommen: Das Risiko eines Anschlag gegen ein „weiches Ziel“ lässt sich nicht völlig ausschalten, aber es lässt sich minimieren, durch Präsenz und Wachsamkeit.

          Täter und Auftraggeber des Anschlags von Boston könnten zu einer Filiale von Al Qaida gehören, die regelmäßig zu Anschlägen gegen Sportgroßveranstaltungen aufruft. Die Sicherheitsorgane ermitteln in diese wie in eine andere Richtung: Die Täter könnten auch im Milieu des amerikanischen Rechtsextremismus zu finden sein. Dafür könnte die – ungeachtet der Opferzahl – amateurhafte Ausführung und die Bauweise des Sprengsatzes sprechen. Auch könnten ein politisches Großthema und das Datum des Anschlags Indizien für einen Täterkreis aus diesem Milieu liefern.

          Seit dem Massenmord in der Grundschule von Newtown wird in Washington wie in den Einzelstaaten verstärkt über eine Verschärfung des Waffenrechts diskutiert. Als am 19. April 1995 der Anschlag auf das Bundesgebäude in Oklahoma-City verübt wurde, war dem eine ebenfalls heftige Debatte über das amerikanische Waffenrecht vorausgegangen. Rechtsextremisten und Leute mit Verbindungen zu sogenannten „Milizen“ gehören zum harten Kern der Waffenfanatiker, sie sind militante Gegner jedweder (bundes-)staatlichen Einmischung. Die Waffenlobby, welche sich gegen ein strengeres Waffenrecht stemmt, würde einen solchen Zusammenhang natürlich verneinen, aber ausgeschlossen ist er deshalb noch lange nicht.

          Am Montag war überdies Feiertag in Massachusetts, es war „Patriots’ Day“. Dieser Tag erinnert an die „Schlachten“ von Lexington und Concord. Das waren die ersten Kämpfe im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Der oder die Täter könnte(n) sich auch als wahre Patrioten gerieren, in einem Kampf gegen eine Obrigkeit, die sich alles zu regeln anmaße und Amerikaner ihrer Freiheit beraube. Phantasien dieser Art, das Recht auf Widerstand eingeschlossen, sind in den Vereinigten Staaten am rechten Rand der Gesellschaft keine Seltenheit. Meistens bleibt es bei einer paranoiden Folklore, manchmal wird daraus blutige Realität. Auch in Boston?

          Explosionen an der Marathonstrecke

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