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Polizeigewalt in Amerika : Immer in Notwehr, immer gegen Schwarze

Offene Konfrontation: Ein Afroamerikaner zeigt im Dezember 2014 bei den Demonstrationen wegen des Falls Eric Garner einem Polizisten, was er von ihm denkt Bild: dpa

Wieder erschießt in Amerika ein weißer Polizist einen unbewaffneten Schwarzen. Der Fall Walter Scott ist ein weiterer Punkt einer Eskalation. Ein Überblick über zwölf Monate, in denen der Rassenkonflikt in Amerika so offen zutage getreten ist wie schon lange nicht mehr.

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          Ferguson, New York, Missouri, und jetzt North Charleston: Wieder ist ein Schwarzer in Amerika von einem weißen Polizisten erschossen worden - und wieder war er offenbar unbewaffnet. Der jüngste Vorfall verstärkt die Spannungen zwischen Weißen und Schwarzen in den Vereinigten Staaten weiter, deren Verhältnis sich nach zahlreichen Fällen tödlicher Polizeigewalt gegen Afroamerikaner vielerorts dramatisch verschlechtert hat. 

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Ein Überblick über zwölf Monate, in denen sich der Graben zwischen Schwarzen und Weißen in Amerika wieder dramatisch vertieft hat.

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          4. April 2015. In der Stadt North Charleston im  amerikanischen Bundesstaat South Carolina hält ein weißer Polizist bei einer Verkehrskontrolle den Mercedes des Afroamerikaners Walter Scott an, weil an dem Wagen ein Bremslicht defekt ist. Nach einem kurzen Gerangel rennt der offenbar Unbewaffnete davon, der Polizist feuert daraufhin acht tödliche Schüsse ab.

          Der Polizist gibt an, er habe in „Todesangst“ gehandelt, weil er sich von dem 50 Jahre alten Familienvater bedroht gefühlt habe. Bei der Verkehrskontrolle habe der Afroamerikaner versucht, ihn zu überwältigen und ihm seine Elektroschock-Waffe entrissen.

          Ein Video, das kurz darauf auftaucht und mutmaßlich von einem Passanten stammt, zeigt hingegen, dass der Beamte dem Schwarzen mehrere Male in den Rücken schießt, als dieser zu fliehen versucht. Der Polizei wird wegen Mordes angeklagt.

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          9. März 2015. In Chamblee, einem Vorort von Atlanta im Bundesstaat Georgia, erschießt ein Polizist einen unbewaffneten, offenbar geistig verwirrten Afroamerikaner. Bewohner einer Apartmentanlage hatten die Polizei informiert, weil der Mann „an Türen klopft und nackt über den Boden kriecht“. Als ein Beamter eintrifft, rennt der Mann nach Polizeiangaben auf ihn los. Als er trotz einer Aufforderung nicht stehenbleibt, weicht der Polizist demnach zurück und feuert zwei Schüsse ab. Beide Kugeln treffen das Opfer in den Oberkörper.

          Der Tod von Michael Brown in Ferguson schürte im ganzen Land die Angst vor neuerlichen massiven Rassenunruhen

          Der Polizeichef von Atlanta, Cedric Alexander sagt danach, man könne davon ausgehen, dass der Afroamerikaner an einer geistigen Erkrankung gelitten habe. Eine Untersuchungskommission wird eingerichtet. Sie soll unter anderem herausfinden, warum der Polizist sofort feuerte und etwa nicht den Elektroschocker benutzte, den er bei sich trug.

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          6. März 2015. In der Stadt Aurora in der Nähe von Denver erschießen Polizisten einen unbewaffneten Afroamerikaner auf der Flucht.

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          6. März 2015. In Madison im Bundesstaat Wisconsin erschießt ein Polizist einen unbewaffneten Schwarzen. Die Polizei gibt an, der Beamte habe den 19 Jahre alten Jugendlichen zu Hause aufgesucht, weil dieser mutmaßlich gewalttätig gewesen sei. Als er von drinnen Lärm hörte, habe der Beamte die Tür aufgebrochen und auf den Jugendlichen geschossen, weil dieser ihn angegriffen habe. Der Jugendliche stirbt im Krankenhaus. Der Vorfall löst abermals wütende Proteste von Schwarzen gegen Polizeigewalt in Amerika aus.

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          4. März 2015. Bei einer Auseinandersetzung mit der Polizei wird in Los Angeles ein afroamerikanischer Obdachloser erschossen. Der offenbar per Haftbefehl gesuchte Kriminelle versuchte nach Polizeiangaben, bei einer Kontrolle nach der Waffe eines Beamten zu greifen. Die Polizisten feuern daraufhin mindestens fünf Schüsse auf ihn ab.

          Filmregisseur Spike Lee nimmt im Dezember 2014 an einer Demonstration gegen Polizeigewalt gegen Schwarze in Washington teil

          Bei dem als „Africa“ bekannten Obdachlosen handelt es sich nach Angaben der Polizei um den 39 Jahre alten Franzosen Charley Saturmin Robinet, der im Jahr 2000 gemeinsam mit Komplizen eine Filiale der Wells-Fargo-Bank überfallen hatte. Diese Angabe wird vom französischen Generalkonsul in Los Angeles, Axel Cruau, hingegen dementiert. Der echte Charley Saturmin Robinet lebe in Frankreich und habe mit der Tat nichts zu tun.

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          23. Dezember 2014. In Berkeley im Bundesstaat Missouri erschießt ein weißer Beamter einen 18 Jahre alten Jugendlichen an einer Tankstelle. Nach Angaben der Polizei soll dieser bei einer Routinekontrolle eine Waffe auf den Polizisten gerichtet haben. Wenig später veröffentlicht die Polizei Videoaufnahmen von mehreren Überwachungskameras. Auf ihnen ist zu sehen, wie der Jugendliche seinen Arm in Richtung des Beamten hebt und anscheinend eine Pistole auf ihn richtet.

          Nach Angaben der Behörden fuhr der Polizist wegen eines angeblichen Diebstahls zu der Tankstelle, um den mutmaßlichen Dieb und einen Komplizen zu stellen. Als der Jugendliche eine Waffe auf ihn gerichtet habe, habe der Beamte seine Pistole gezogen, sei rückwärts gegangen und gestolpert. Dabei habe er drei Schüsse abgegeben, eine Kugel traf den Jugendlichen. Die Polizei leitet eine Untersuchung ein. Nach dem Vorfall in Berkeley kommt es in der Stadt zu teils massiven Protesten. Mehrere hundert Demonstranten werden zwischenzeitlich festgenommen.

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          21. Dezember 2014. In New York erschießt ein Afroamerikaner zwei Polizisten - vermutlich aus Rache für die mehrfachen Fälle tödlicher Polizeigewalt gegen Schwarze. Die beiden Beamten werden im Stadtteil Brooklyn aus nächster Nähe mit einer halbautomatischen Waffe regelrecht hingerichtet, danach erschießt der 28 Jahre alte Täter sich selbst. In einem Eintrag in dem sozialen Netzwerk Instagram, der danach dem Täter zugeordnet wird, heißt es: „Heute schicke ich Schweine in den Himmel. Sie bringen einen von uns um ... lasst und zwei von ihnen umlegen.“ Der Eintrag verweist über Hashtags auf die Fälle von Eric Garner und Michael Brown.

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          9. Dezember 2014: In Phoenix im Bundesstaat Arizona wird ein Afroamerikaner nach einer Polizeikontrolle erschossen, weil er seine Hand nicht aus der Hosentasche nehmen will. Doch in der Tasche des vierfachen Familienvaters sind Tabletten, aber keine Waffe. Die Polizeibeamten geben nach dem Vorfall an, sie hätten den Mann, der der Drogenhandels verdächtigt worden sei, aufgefordert, die Arme zu heben. Doch stattdessen habe dieser an seinen Gürtel gefasst.

          Auf dem New Yorker Times Square demonstrieren im November 2014 Schwarze gegen die Entscheidung der Jury, Darren Wilson nicht vor ein Gericht zu bringen.

          Ein Augenzeuge wird in amerikanischen Medien hingegen mit der Aussage zitiert, er habe den Beamten nicht mit dem Verdächtigen sprechen sehen, bevor die tödlichen Schüsse fielen. Wieder kommt es im ganzen Land zu schweren Protesten.

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          23. November 2014. In Cleveland im Bundesstaat Ohio wird der 12 Jahre alte Tamir Rice von einem Polizisten erschossen. Der Junge hatte auf einem Gehweg mit einer Waffenattrappe gespielt und im Spiel auf einen Passanten gefeuert. Als kurz darauf Polizisten eintreffen und der Junge mit der Hand an seinem Gürtel auf die Beamten zuläuft, schießt einer der Polizisten, ein 26 Jahre alter Weißer, auf den Jungen. Nach dem Vorfall gibt die Polizei an, die Waffenattrappe von Tamir Rice habe täuschend echt ausgesehen. Auch hätten die Beamten den Jungen mehrfach vergeblich dazu aufgefordert, die Hände zu heben. Anwohner, die die Szene beobachtet haben, berichten hingegen, es sei offensichtlich gewesen, dass es sich um eine Spielzeugpistole gehandelt habe.

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          9. August 2014. In Ferguson im Bundesstaat Missouri wird der afroamerikanische Schüler Michael Brown von dem Polizisten Darren Wilson erschossen. Wilson hatte den unbewaffneten 18-Jährigen angehalten, weil dieser gemeinsam mit einem Freund zu Fuß in der Mitte der Straße ging. Über den Tathergang gibt es widersprüchliche Angaben. Nach Zeugenaussagen soll Brown, der unbewaffnet war, seine Hände erhoben haben, als Wilson plötzlich das Feuer eröffnete. Wilson und andere Zeugen behaupten hingegen, Brown habe sich in bedrohlicher Haltung auf den Beamten zubewegt. Demnach hätte Wilson aus Notwehr zwölf insgesamt zwölf Schüsse auf den 18-Jährigen abgegeben. Er wird von sechs Kugeln getroffen und stirbt noch am Tatort. Sein Leichnam bleibt stundenlang auf der Straße liegen.

          Die Entscheidung löst landesweit erbitterte Proteste und Unruhen aus und verstärken die seit langem latenten Spannungen zwischen Weißen und Schwarzen in Amerika dramatisch. Schon am Tag nach Browns Tod gibt es in Ferguson Plünderungen und Unruhen. Am 16. August verhängt der Gouverneur den Ausnahmezustand in der Stadt, es gilt eine nächtliche Ausgangssperre. Zwei Tage später wird wegen der anhaltenden Gewalt der Einsatz der Nationalgarde angeordnet.

          Im November 2014 entscheidet eine Geschworenenjury in Clayton, dass sich Wilson wegen der tödlichen Schüsse nicht vor Gericht verantworten muss. „Es existiert kein hinreichender Verdacht für irgendwelche Anklagepunkte“, sagt Staatsanwalt Robert McCulloch. In der Jury sitzen zwei schwarze und drei weiße Frauen sowie ein schwarzer und sechs weiße Männer. Nach der Verkündung des Urteils kommt es in Ferguson und anderen Städten des Landes abermals zu heftigen Auseinandersetzungen. Die Angst vor landesweiten Rassenunruhen wächst.

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          17. Juli 2014. In New York City stirbt der Afroamerikaner Eric Garner an den Folgen eines Polizeieinsatzes. Polizeibeamte hatten ihn zuvor wegen des Verdachts gestoppt, illegal Zigaretten zu verkaufen. Ein Amateurvideo, das bald darauf im Internet kursiert, zeigt, dass Garner sich bei der Festnahme dagegen wehrt, dass ihm Handschellen angelegt werden.

          Nach dem Urteil der Geschworenenjury im Fall Ferguson kam es nicht nur in St. Louis, sondern im ganzen Land zu heftigen Ausschreitungen

          Ein Polizist nimmt ihn daraufhin in den Würgegriff, was nach den Vorschriften der New Yorker Polizei verboten ist. Garner keucht mehrfach „Ich kann nicht atmen“, doch der Polizist setzt den Würgegriff fort. Auch unternehmen die Polizisten keine Versuche der Wiederbelebung. Garner stirbt wenig später im Krankenhaus. Der Vorfall sorgt in New York für heftige Proteste.

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