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Amerikas Strategie im Irak : Provozierende Sturheit

  • -Aktualisiert am

Ein Handschlag unter Verbündeten: Barack Obama und Haider al Abadi. Bild: Reuters

Trotz einigen Aufruhrs im vergangenen Jahr hat der amerikanische Präsident Barack Obama eine Äußerung aufgegriffen, um seine Strategie im Kampf gegen die Dschihadisten des „Islamischen Staates“ zu beschreiben. Und wieder polterte der politische Gegner los.

          Barack Obama hat gewiss nicht den Aufruhr vergessen, den er vorigen August mit seiner Statusmeldung zum Kampf gegen den „Islamischen Staat“ (IS) verursachte: „Wir haben noch gar keine Strategie“, sagte der Oberbefehlshaber – und das drei Wochen nach den ersten Luftschlägen im Irak. Republikaner warfen dem Präsidenten Führungsversagen vor, und auch im eigenen Lager machte sich Verzweiflung darüber breit, dass das Weiße Haus nicht einmal eine PR-Strategie zu haben schien. Trotzdem zögerte Obama diese Woche nicht, nach dem G-7-Gipfel und einer Unterredung mit Iraks Ministerpräsident Haider al Abadi in Elmau eine Variation seines viel verspotteten Satzes zum Besten zu geben: „Wir haben bisher noch keine vollständige Strategie.“

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Obamas lautstärkster Gegenspieler, der Republikaner John McCain, ließ sich die Vorlage nicht entgehen. Man müsse sich fragen, polterte der Senator, „ob dieser Präsident die nächsten anderthalb Jahre aussitzen und praktisch nichts unternehmen will, um diesen Genozid, diesen Aderlass, diese schrecklichen Dinge im Mittleren Osten zu stoppen“. Doch mit provozierender Sturheit bleibt der Präsident seiner Linie treu, wonach Amerika nur dann mehr tun könne, wenn sich seine Partner in der Region zu deutlich stärkerem Engagement aufraffen.

          Seit einem Jahr benutzt Obama jede Ausweitung des amerikanischen Einsatzes als Hebel, um vor allem der irakischen Regierung Zugeständnisse abzuringen. In Elmau ging sein Satz über die „Unvollständigkeit“ der Strategie mit dem Hinweis weiter, dass diese eben auch „Zusagen der Iraker erfordere“. Nicht zum ersten Mal hörte der Schiit Abadi von Obama, dass er nur dann zusätzliche Soldaten nach Anbar schicken werde, wenn das vom schiitischen Iran abhängige Bagdad mehr tue, um auch sunnitische Stammeskämpfer in die Armee zu holen.

          Die am Mittwoch von Obama genehmigte Entsendung 450 weiterer amerikanischer Ausbilder in die Provinz fällt Obama sichtlich schwer. Der Präsident dürfte im Stillen seinem Verteidigungsminister Ashton Carter zugestimmt haben, der sich nach der Eroberung der Provinzhauptstadt Ramadi beklagt hatte, dass die irakische Armee „keinen Kampfwillen“ zeige. Zwar ließ er sofort seinen Vizepräsidenten Joe Biden bei Abadi anrufen, um die Wogen zu glätten – im Weißen Haus glaubt niemand, dass es im Irak auf absehbare Zeit einen besseren Kooperationspartner als Abadi geben könnte, und man will ihn nicht vollends in die Arme Teherans treiben. Doch Obama beharrt darauf, dass die Amerikaner nicht für die Iraker die Kohlen aus dem Feuer holen.

          Ein Erfolg für das State Department

          Wenn die amerikanischen Streitkräfte bald auch auf dem irakischen Stützpunkt Al Taqqadum in großem Stil sunnitische Kämpfer ausbilden, dann werden sie dem Feind zwar näher denn je sein: Die Basis liegt auf halbem Weg zwischen Ramadi und der ebenfalls vom IS gehaltenen Stadt Falludscha. Doch Obama, der den IS-Vormarsch in Anbar als „taktischen Rückschlag“ herunterspielt, dreht nur minimal am Rad der militärischen Eskalation. Für den immer lauteren Ruf vieler Politiker und Fachleute, amerikanische Berater sollten die Iraker auf dem Schlachtfeld begleiten und Ziele für Luftschläge markieren, bleibt der Präsident taub. Auch von einem Einsatz von Kampfhubschraubern will er weiterhin nichts wissen. Der IS könnte sie abschießen.

          Die geplante Verstärkung der bisher etwa 3100 amerikanischen Soldaten ist ein Erfolg für das State Department. Dessen Diplomaten weisen seit langem darauf hin, dass der Schlüssel zum Erfolg in der von Sunniten dominierten Provinz Anbar liege. Sie umfasst ein riesiges Gebiet zwischen Bagdad und der Grenze zu Saudi-Arabien, Jordanien und Syrien. Für das Zentralkommando dagegen war lange die Befreiung von Mossul im Nordirak vordringlich. In dieser ersten Provinzhauptstadt, die der IS dauerhaft eroberte, hatte sich Abu Bakr al Bagdadi zum Kalifen erklärt.

          Befreiung von Mossul wohl erst 2016

          Offenbar versprachen sich die Generäle nur von einem solchen Paukenschlag gegen die „Hauptstadt“ der Terroristen eine Wende, die auch das Ansehen des IS schmälern und so den Zufluss von Dschihadisten aus allen Teilen der Welt eindämmen könnte. Sowohl in Bagdad als auch in Washington wurde allerdings im Februar das Briefing eines hohen Pentagon-Offiziers, der detailliert einen angeblich für den Frühling geplanten Sturm auf Mossul schilderte, mit heftigem Kopfschütteln quittiert. Beide Seiten kamen überein, dass die Bedingungen für eine Rückeroberung nicht gegeben waren. Die Oberhand behielt der IS, der sich in Anbar breitmachte.

          Von ihrem zweiten Stützpunkt in dieser Provinz sollen die Amerikaner die Iraker nun nicht nur einer Grundausbildung unterziehen, sondern konkret auf die Rückeroberung von Ramadi vorbereiten. Über die Befreiung von Mossul, so heißt es in Washington, könne man dann womöglich erst 2016 nachdenken. Bis Mittwochmittag hatte Obama freilich auch die Truppenverstärkung noch nicht befohlen. Dass der Kampf gegen den IS Jahre dauern werde, hat er von Anbeginn gesagt.

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