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Amerika : Leistungsschau der Konservativsten

  • -Aktualisiert am

Im Ton des Predigers: Ted Cruz Bild: AFP

Auf der Konferenz von National Harbor tummeln sich die Idole des rechten Republikanerflügels. Sie überbieten einander in Angriffen gegen Obama - und gehen für 2016 in Stellung.

          4 Min.

          Chris Christie schlägt sich wacker. Für den Gouverneur von New Jersey ist der Auftritt auf der „Conservative Political Action Conference“ (CPAC) kein Heimspiel. Einer wie er muss froh sein, dass er überhaupt zur Leistungsschau der republikanischen Präsidentschaftskandidaten eingeladen wurde. Viele aus der Tea-Party-Bewegung, die jedes Jahr zu CPAC kommen, nannten Christie im November 2012 einen Verräter: Tage vor der Präsidentenwahl hatte der Gouverneur Barack Obama dafür gelobt, dass der Bund so schnell half, nachdem Wirbelsturm „Sandy“ seinen Staat heimgesucht hatte. Außerdem will dem Gouverneur seit Monaten nichts mehr gelingen. Auf dem sogenannten moderaten Flügel der Republikaner schnürt ihm Jeb Bush die Luft ab. Der übergewichtige Christie, an dem noch vor einem guten Jahr kein Weg vorbei zu führen schien, kommt in der Presse schlecht weg und dümpelt in Umfragen um die fünf Prozent.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für politische Nachrichten und Politik Online.

          „Diese Eliten-Typen von den Medien versuchen jeden Tag, mich umzubringen“, sagt Chris Christie, „aber sie kriegen mich nicht klein.“ Die zu Tausenden nach National Harbor vor die Tore Washingtons geströmten Aktivisten spenden dem Gouverneur immerhin ein bisschen Mitleid, als er sie daran erinnert, wie nah sein Amtssitz an New York und damit an der Redaktion der linksliberalen „New York Times“ liege. Christie darf dieses Jahr keine Rede halten, sondern wird von Laura Ingraham in die Mangel genommen, einer unter Konservativen bewunderten Radiomoderatorin. Ingraham hält ihm seine miesen Umfragewerte, seine Unbeherrschtheit und seine Unbestimmtheit gegenüber illegalen Einwanderern vor. Ingraham lässt Christie spüren, dass er bei CPAC ein Fremdling ist. Was er sich denn für die Fastenzeit vorgenommen habe, fragt sie den Gouverneur, den die Saalkamera meist im massigen Profil einfängt. „Ich habe meinem Pastor angeboten“, pariert Christie, „bis Ostern auf die ,New York Times‘ zu verzichten.“

          Dümpelt in Umfragen um die fünf Prozent: Chris Christie
          Dümpelt in Umfragen um die fünf Prozent: Chris Christie : Bild: AP

          Für Ted Cruz hingegen gelten andere Regeln. Er ist hier zu Hause. Er darf allein auf die Bühne, darf die Stimmung mit zwei Witzen auf Kosten der Demokraten und Hillary Clintons anheizen, um dann im Ton des Predigers zu erklären, wie er das „Wunder von Amerika“ wiederbeleben wolle. Wie alle, die sich im Lauf des Donnerstags und Freitags an die aus ganz Amerika angereisten Studenten, Veteranen, Amtsträger und anderen Konservativen wenden, hat auch der texanische Senator seine Kandidatur für das Weiße Haus noch nicht offiziell erklärt. Offener als seine Rivalen erklärt er den Konkurrenzkampf aber für eröffnet.

          „Jeder Kandidat hier sagt, er sei der konservativste von allen“, warnt Cruz. Man müsse also fragen, wer tatsächlich etwas unternommen habe gegen Obamas Gesundheitsreform, gegen Obamas Schuldenpolitik oder gegen Obamas Amnestie für illegale Einwanderer. Soll heißen: Es gibt Schwätzer, und es gibt Ted Cruz.

          Damit erinnert der Texaner die Zuhörer daran, dass er sich im Senat stets Kompromissen verweigert hat, auch wenn für die reine Lehre keine Mehrheit absehbar war. Vor anderthalb Jahren hatte Cruz den Verwaltungsstillstand mit erzwungen, weil er Obama dazu nötigen wollte, die Gesundheitsreform zurückzunehmen. In dieser Woche widersetzte sich Cruz allen Anstrengungen der Kongressführer, das Heimatschutzministerium auch dann zu finanzieren, wenn Obama seine Dekrete zur Einwanderungsreform nicht zurücknimmt. Man müsse die Kandidaten auch daran messen, ruft Cruz in den Saal, „ob sie sich gegen andere Republikaner gestellt haben, um auf der Seite des Volkes zu stehen“. Am Ende wird auch er befragt. Doch vom Fox-News-Moderator Sean Hannity hat Cruz nichts zu befürchten. Was die fünf Prioritäten eines Präsidenten Ted Cruz wären, fragt Hannity und schlägt dem Senator kumpelhaft auf die Schulter. Cruz will die Gesundheitsreform zurückdrehen, die Bundessteuerbehörde abschaffen, das Umweltschutzamt stutzen, „alle Verfassungsrechte schützen“ und „Amerikas Führungsrolle als leuchtende Stadt auf einem Berg“ wiederherstellen.

          Obama revolutionierte Kampagnen

          Die Stichworte bleiben die gleichen - egal ob sich Louisianas Gouverneur Bobby Jindal, Cruz’ Senatskollegen Marco Rubio und Rand Paul oder der seit einigen Wochen im konservativen Lager immer schriller gefeierte Gouverneur von Wisconsin, Scott Walker, dem CPAC-Publikum präsentieren. Doch zwei Räume weiter stört ein gewisser Ned Ryun das konservative Glück mit einem Vortrag zum Thema „Warum wir das Rennen ums Weiße Haus 2016 (verdientermaßen) verlieren werden“. Man könne sich bei CPAC ja wirklich toll fühlen, weil die Konservativen immer die besten Ideen hätten, sagt Ryun. „Aber das nützt nichts, wenn wir nicht endlich lernen, wie man gewinnt.“ Am Wahltag 2012 seien in den zehn entscheidenden Staaten 300.000 Freiwillige für Barack Obama unterwegs gewesen, die insgesamt 18 Millionen Gespräche mit Wählern geführt hätten, am Telefon oder an Haustüren. Der Republikaner Mitt Romney dagegen habe nur 34.000 Helfer ins Feld geführt - und die hätten den Tag weitgehend damit verbracht, ihre abgestürzte Datenbank wiederzubeleben.

          Der Kampagnenberater Ryun hört gar nicht mehr auf, von Obamas Weitsicht zu schwärmen: Tage nach seinem Sieg 2008 habe der Präsident begonnen, seine Wiederwahl vorzubereiten. Wie einst Henry Ford den Autobau habe Obama Kampagnen revolutioniert, weil seine Leute genau ermittelt hätten, wen sie wann wie ansprechen mussten. Während die Republikaner bestenfalls in dreizehn Monaten Gewissheit haben dürften, wer von den mehr als zwölf im großen CPAC-Saal um die Gunst des Publikums buhlenden Politikern im November 2016 für sie antritt, könne Hillary Clinton in aller Ruhe Obamas Konzept kopieren.

          Auf keinen Fall, warnt Ryun, dürften die Konservativen erst nächstes Jahr beginnen, in den sogenannten Schlachtfeldstaaten Büros einzurichten, Freiwillige zu trainieren, Wähler zu registrieren und Datenbanken zu befüllen. Ryuns alarmistischer Ton gefällt nicht allen Zuhörern. „Wenn Obama seine Wahlkampagne angeblich so toll organisiert hat“, fragt ein Mann in der letzten Reihe etwas unwirsch, „warum hat er dann bei der Gesundheitsreform so versagt?“

          Ned Ryun will nicht über politische Thesen, sondern über Techniken reden. Doch im Hauptsaal vergisst kein Redner, die sofortige Auslöschung von „Obamacare“ zu versprechen, natürlich „bis auf den letzten Buchstaben“. Von ihren Sitzen reißt es die Zuhörer aber vor allem dann, wenn die Einheizer Obama als unfähigen Oberbefehlshaber beschimpfen oder verkünden, man müsse jeden einzelnen Dschihadisten jagen und töten. Scott Walker, der in Wisconsin in einer harten Auseinandersetzung den Gewerkschaften die Flügel gestutzt hat, gelobt ohne erkennbare Zweifel, dass er auch den „Islamischen Staat“ bezwingen könnte: „Wenn ich mit 100 000 Demonstranten fertig werde“, verkündet er, „dann kann ich mich auf der ganzen Welt durchsetzen.“

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