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50 Jahre Kennedy-Attentat : Enttäuschung über den fremden Freund

Überschäumende Begeisterung: Kennedy 1963 in Berlin Bild: AP

Der Tag, an dem Kennedy starb, gehört zum Welterinnerungserbe - besonders in der Bundesrepublik. Heute hat sich die Romantik der deutsch-amerikanischen Beziehungen verflüchtigt.

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          Die Historiker sind sich noch immer nicht einig darin, welchen Rang John F. Kennedy unter den amerikanischen Präsidenten des 20. Jahrhunderts einnimmt. Allgemein wird gewürdigt, wie er die Kuba-Krise im Oktober 1962 bewältigt hat, dass er für einen Aufbruch in den Weltraum warb und wie er für die Bürgerrechtsbewegung eintrat. Während seiner Präsidentschaft wurden freilich auch die deutsche und damit die europäische Teilung zementiert; den Bau der Mauer nahm Kennedy hin. Zudem begab sich Amerika unter ihm auf die abschüssige Bahn des Vietnam-Krieges, der knapp sechzigtausend Amerikaner und Millionen Vietnamesen das Leben kostete.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          War Kennedy also ein großer Präsident? Oder machten ihn vielleicht erst die Schüsse von Dallas in den Augen einer entsetzten Weltöffentlichkeit zu einem sehr großen Staatsoberhaupt? Schon zu Lebzeiten wurde er als Lichtgestalt verklärt. Ein Hoffnungsträger war er gewiss, seine Reden zogen die Leute in ihren Bann: Kennedy war das junge Gesicht des politischen, gesellschaftlichen und technologischen Aufbruchs der Vereinigten Staaten nach den als Zeit der Starre empfundenen fünfziger Jahren; seine Familie übte auf die Massendemokratie im neuen Fernseh-Zeitalter eine einzigartige Faszination aus.

          Aber erst sein gewaltsamer Tod am 22. November 1963 machte diesen jugendlichen Präsidenten, dessen Leiden, Vorlieben und Schwächen so vielen nicht bekannt waren, vollends zum Mythos - zum Mythos gerade wegen des schmerzlichen Verlustes und weil unvollendet blieb, was so viel zu versprechen schien. Der Tag, an dem Kennedy starb, gehört zum Welterinnerungserbe.

          Nicht zuletzt und ganz besonders in Deutschland. Die Deutschen trauerten um den amerikanischen Präsidenten, als sei einer der ihren aus dem Leben gerissen worden. Sie hatten Kennedy erst fünf Monate vorher erlebt, in Köln und Wiesbaden, in Frankfurt und in Berlin. In der geteilten Stadt, in der er das Recht der Deutschen auf Wiedervereinigung bekräftigte - Adenauer kam das wie eine Erlösung vor - und wo er den einfachen und doch fulminantesten Satz des Kalten Krieges sprach („Ich bin ein Berliner“), wurde Kennedy mit einer Begeisterung empfangen, die ihn sprachlos machte. Einen Tag wie diesen, den 26. Juni 1963, „werden wir, solange wir leben, nie mehr erleben“, sagte er später auf dem Rückflug.

          Die Liebe hat sich abgekühlt

          Das mag auch umgekehrt so gewesen sein. Die Begeisterung für Amerika, die Schutz- und Besatzungsmacht, war vorher trotz der lebensrettenden Luftbrücke nicht annähernd so aufschäumend gewesen wie in den Junitagen des Jahres 63. Und es vergingen 45 Jahre, bis die Deutschen wieder in einem amerikanischen Politiker einen Heilsbringer und Hoffnungsträger sahen. Als an der Berliner Siegessäule im Sommer 2008 Hunderttausende Barack Obama zujubelten, als sei er nicht von dieser Welt - oder „einer von uns“ -, war das Idol noch nicht einmal Präsident.

          Aber dieser Ausflug in die deutsch-amerikanische Romantik ist mehr oder weniger zu Ende. Die Deutschen haben nämlich zu ihrem Leidwesen festgestellt, dass auch dieser Präsident durchaus von dieser Welt ist; dass er Dinge tut, die eben amerikanische Präsidenten zu tun pflegen, wenn sie die Interessen ihres Landes im Auge haben, und dabei die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen. Obama, Schönredner und kühler Machttechnokrat zugleich, ist nicht mehr der Liebling der allermeisten Deutschen; die Liebe hat sich merklich abgekühlt, vor allem, aber nicht nur seit Bekanntwerden der NSA-Spähaktionen. Viele Deutsche sind enttäuscht von ihrem „fremden Freund“ (Klaus Harpprecht) und sehen in den Vereinigten Staaten keinen vertrauenswürdigen Partner. Manche geben sich jetzt naiver, als es das Bündnis erlaubt; manche allerdings auch forscher, als es ein Bündnis verträgt, das für unsere Sicherheit und unseren Wohlstand auch künftig nicht ganz unwesentlich ist.

          Die Autokolonne von Präsident John F. Kennedy am 22. November 1963 in der Innenstadt von Fort Worth, Texas Bilderstrecke

          Der Legende nach hat Kennedy seinem Nachfolger einen Brief hinterlassen, den der bei großer Niedergeschlagenheit öffnen solle. Der Brief habe diesen knappen Ratschlag enthalten: „Besuchen Sie Deutschland.“ Eigentlich könnten die Deutschen sich darauf etwas einbilden und die Amerikaner auch. Aber das war eben Frucht eines Reiseerlebnisses vor einem halben Jahrhundert. Die Wahrheit ist, dass das deutsch-amerikanische Verhältnis über jugendliche Schwärmerei hinaus ist. Es ist ein Spiegel unserer Zeit, ihrer weltpolitischen Gegebenheiten und der entsprechenden Interessenkonstellationen.

          Die Vereinigten Staaten, hat Barack Obama vor ein paar Jahren gesagt, sind nicht mehr der Schutzpatron Europas. Als die Deutschen die Nachricht von dem Geschehen in Dallas hörten, war das anders. Damals war der Kalte Krieg noch ziemlich kalt. Heute blickt Amerika verstärkt nach Asien, und Deutschland ist die stärkste Macht in Europa. Das bedeutet nicht, dass deswegen zwangsläufig die gegenseitige Empathie dahinschwindet. Aber beide Partner betrachten sich heute mit einer größeren Nüchternheit. Oder Reife.

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