https://www.faz.net/-gpf-6ywzd

Amerika und Pakistan : Ein Zeichen des Vertrauensverlusts

Öffentlicher Auftritt: Hafis Said, der Gründer der pakistanischen Terrorgruppe Lashkar-e-Taiba vor wenigen Tagen in Lahore Bild: dapd

Washington hat ein Kopfgeld auf den Terroristen Hafis Said ausgesetzt, der in Pakistan ein unbehelligtes Leben führt. Er tritt sogar im Fernsehen auf.

          Mit Genugtuung und einer unverkennbaren Spitze kommentierte die indische Regierung die Nachricht, dass die Vereinigten Staaten ein hohes Kopfgeld auf den pakistanischen Terroristen Hafis Said ausgesetzt haben. Dies sei „eine klare Botschaft“ an die Terror-Organisation Lashkar-e-Taiba, „an deren Mitglieder „sowie an deren Schutzpatronen“, sagte Außenminister Krishna. Mit „Schutzpatronen“ meinte er die pakistanischen Generäle und Politiker, die nicht nur von der Regierung in Delhi als Unterstützer islamistischer Terroristen gesehen werden.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Hafis Said ist kein Unbekannter. Die indische Regierung verlangt seit langem von Pakistan, den in Saudi-Arabien ausgebildeten Geistlichen einzusperren. Die von Said gegründete und inzwischen im Untergrund arbeitende Lashkar-e-Taiba wird unter anderem für den Anschlag auf das indische Parlament im Jahr 2001 und für die Terrorangriffe auf die Finanzmetropole Bombay verantwortlich gemacht. Im Dezember 2008 erklärte der UN-Sicherheitsrat Said zum Terroristen und verhängte Sanktionen gegen dessen als Wohltätigkeitsorganisation getarnte „Jamaat-ud-Dawa“.

          Pakistan verlangt bis heute Beweise. Kurzzeitig wurde Said unter Hausarrest gestellt, doch als er im Dezember 2010 höchstrichterlich wegen Beweismangels entlastet wurde, befand er sich schon wieder auf freiem Fuß. Bis heute bewegt er sich unbehindert, spricht als Redner auf (vornehmlich antiamerikanischen) Veranstaltungen - zuletzt vor Zehntausenden Demonstranten in Lahore. Er hält Predigten und tritt als gefragter Gast im Fernsehen auf. Mit einem Kopfgeld in Höhe von zehn Millionen Dollar - auf seinen Schwager und Weggefährten Abdul Rehman Makki wurde weitere zwei Millionen Dollar ausgesetzt - rangiert Said nun auf einer Ebene mit dem afghanischen Taliban-Führer Mullah Omar sowie zwei Kommandeuren der Al Qaida. Nur der Al-Qaida-Führer Ayman al Zawahiri, ist dem „Reward for Justice“-Programm des amerikanischen Außenministeriums noch mehr Geld wert: 25 Millionen Dollar.

          Eiszeit zwischen Washington und Islamabad

          Aus Sicht von Fachleuten ist das Kopfgeld für Said ein weiterer Beleg dafür, dass die Vereinigten Staaten kein Vertrauen mehr in die „Antiterror-Partnerschaft“ mit Islamabad haben. Sie hätten die Hoffnung aufgegeben, dass die pakistanischen Behörden Said noch einsperrten, sagt Brahma Challeney vom „Center for Policy Research“ in Delhi. Konsequenzen für den radikalen Islamisten verspricht er sich nicht, weil Said vom pakistanischen Geheimdienst geschützt werde. Islamabad dürfte die Maßnahme als Einmischung in seine inneren Angelegenheiten darstellen; bis zum Abend blieb eine öffentliche Reaktion aus. Saids Organisation sprach von einem „weiteren Anschlag auf den Islam und die Muslime“.

          Die Beziehungen zwischen Washington und Islamabad sind auf dem Tiefpunkt, seit im vergangenen Mai eine amerikanische Sondereinheit Usama Bin Ladin im pakistanischen Abbottabad getötet hat. Was Islamabad als Bruch der territorialen Souveränität kritisierte, wurde in Washington als Bruch des Vertrauens wahrgenommen: das Sicherheitsestablishment Pakistans, so die Überzeugung, muss den Al-Qaida-Chef jahrelang versteckt gehalten haben. Nach einem versehentlichen Angriff von Nato-Soldaten auf pakistanische Truppen - 24 Soldaten wurden dabei getötet - verschärfte Islamabad seine Vergeltungsmaßnahmen im November.

          Pakistan forderte amerikanische Soldaten zur Räumung eines (heimlich geteilten) Stützpunktes in Belutschistan auf und blockierte die Nato-Nachschubrouten für die Isaf-Truppe in Afghanistan. Als der amerikanische Botschafter in Pakistan, Munter, kürzlich eine Rede an der Universität von Peshawar halten wollte, sagten die Behörden die Veranstaltung in letzter Minute ab. Sie könnten dessen Sicherheit nicht garantieren, hieß es.

          Spaltpilz „Massaker von Salalah“

          Seit einigen Wochen versucht Washington, den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen. Nach einer Begegnung Präsident Obamas mit Premierminister Gilani auf dem Atom-Gipfel in Korea trafen sich in der vergangenen Woche ranghohe amerikanische Soldaten mit der pakistanischen Armeespitze in deren Hauptquartier in Rawalpindi. An diesem Mittwoch wird der stellvertretende Staatssekretär im State Departement, Tom Nides, in Islamabad erwartet. Auch sein Ziel dürfte vor allem sein, die Nachschubrouten durch Pakistan frei zu bekommen.

          Islamabad hat in den vergangenen Monaten mehrfach bekundet, dass es nicht einfach zur Tagesordnung zurückkehren will. Selbst eine Entschuldigung für den Vorfall an der pakistanisch-afghanischen Grenze - die Presse spricht vom „Massaker von Salalah“ - werde Pakistan nicht befriedigen, erklärte Außenministerin Hina Rabbani Khar unlängst. Vielmehr müsse nun das gesamte bilaterale Verhältnis überprüft werden. Ort der Debatte ist das Parlament in Islamabad, dem Empfehlungen einer Sicherheitskommission vorliegen. Zu diesen zählen ein sofortiges Verbot amerikanischer Drohnen-Angriffe auf pakistanischem Boden, Straßen-Gebühren für die Nato sowie eine „bedingungslose Entschuldigung“ der Vereinigten Staaten. Bislang drückte Washington nur sein Bedauern über den Grenzzwischenfall aus und entschied zur Empörung der pakistanischen Presse, dass gegen die verantwortlichen Kommandeure keine disziplinarischen Maßnahmen eingeleitet werden.

          Weitere Themen

          Trump: „Wofür haben Sie den Preis bekommen?“ Video-Seite öffnen

          Friedensnobelpreisträgerin : Trump: „Wofür haben Sie den Preis bekommen?“

          Auf diesen Termin im Weißen Haus hat sich der amerikanische Präsidenten Donald Trump offenbar nicht besonders gut vorbereitet. Als die Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad dem Präsidenten berichtet, dass ihre Mutter und ihre sechs Brüder umgebracht wurden, fragt Trump erstaunt: Wo sind sie jetzt?

          Zonale Fahrverbote sollen kommen

          Stuttgarter Verwaltungsgericht : Zonale Fahrverbote sollen kommen

          Eigentlich wollen die CDU und Teile der Grünen ein zonales Fahrverbot in Stuttgart verhindern. Jetzt sollen zunächst vier Straßen für bestimmte Diesel-Autos gesperrt werden. Doch dem Verwaltungsgericht geht das nicht weit genug.

          Topmeldungen

          Die aufgewendete Energie ist enorm, der Ertrag mager: Geförderte Humboldt-Universität in Berlin.

          Exzellenz-Förderung : Noch so ein Sieg

          Ein Wettbewerb, in dem es nur Sieger gibt, ist eigentlich keiner: Welche Universitäten über die Exzellenzinitiative gefördert werden und welche nicht, sagt so gut wie nichts aus.

          Persischer Golf : Vermisst irgendjemand eine Drohne?

          Ein weiterer Zwischenfall im Golf schafft Verwirrung. Iran dementiert amerikanische Angaben über einen Drohnenabschuss. Zugleich macht Teheran ein neues Gesprächsangebot.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.