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Amerika und Israel : Nichts als Sonnenschein?

  • -Aktualisiert am

Benjamin Netanjahu und Barack Obama gehen wieder Seit an Seit Bild: AP

Im März war der Empfang für den israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu in Washington noch frostig gewesen - diesmal war es anders. Auf die Peitsche folgt offenbar das Zuckerbrot. Das hat auch mit amerikanischer Innenpolitik zu tun.

          Wenn nur die dumme Sache mit den verschwundenen Pistolen nicht passiert wäre. Das Gepäck eines Leibwächters des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu ging am Mittwoch auf dem kurzen Flug von Washington nach New York verloren, weil es versehentlich nach Los Angeles verladen wurde. Als die Taschen wieder auftauchten, hätten die vier Glock-Pistolen des Leibwächters gefehlt, teilte ein Sprecher des israelischen Inlandsgeheimdiensts Schin Bet mit. Man habe keine Ahnung, wann und wo die Pistolen verschwunden seien.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Doch der rätselhafte Vorfall warf keinen wirklichen Schatten auf das fünfte offizielle Treffen Netanjahus mit Präsident Barack Obama vom Dienstag. Beide Seiten bemühten sich nach dem 80 Minuten währenden Vier-Augen-Gespräch im „Oval Office“ sichtlich, von nichts als Sonnenschein zu berichten. Obama beschrieb die Unterredung mit Netanjahu als „exzellent“. Berichte über ein angespanntes Verhältnis zum israelischen Regierungschef seien reine Journalistenfiktion, man habe sich immer bestens verstanden.

          „Unzerbrechliche“ Beziehung

          „Ich habe Ministerpräsident Netanjahu vertraut, seit ich ihn zum ersten Mal noch vor meiner Wahl zum Präsidenten getroffen habe“, sagte Obama. Er sei überzeugt, Netanjahu wolle Frieden und sei auch bereit, dafür politische Risiken einzugehen. Mit fast den gleichen Worten hatten einst die Präsidenten Bill Clinton und George W. Bush ihre israelischen Partner Jitzchak Schamir und Ariel Scharon gepriesen.

          Diesmal gab es auch wieder den gemeinsamen Fototermin vor dem Kamin

          Die Beziehungen zwischen Amerika und Israel seien „unzerbrechlich“, bekräftigte Obama. Washington werde von seinem Verbündeten niemals fordern, „ein Risiko einzugehen, das seine Sicherheit untergraben würde“. Vielsagend war ein Versprecher Obamas, der fast schon wie geplant wirkte: „Wir sind der festen Überzeugung, dass sich Israel angesichts seiner Größe, Geschichte und Umgebung gegen jede Bedrohung, die gegen uns ausgesprochen wird - die gegen es ausgesprochen wird -, mit besonderen Sicherheitsvorkehrungen wappnen muss.“

          Obama äußerte die Hoffnung, dass Palästinenser und Israelis „deutlich vor Ablauf des Moratoriums“ für den Weiterbau israelischer Siedlungen im Westjordanland vom 26. September direkte Friedensgespräche aufnehmen. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas beharrt bisher darauf, dass Israel zunächst einen unbefristeten Siedlungsstopp verkündet, ehe man von den indirekten Gesprächen unter Vermittlung des amerikanischen Sonderbotschafters George Mitchell zu direkten Verhandlungen übergeht.

          Triumphierender Netanjahu

          Wie stark sich Netanjahu nach dem überaus freundlichen Empfang fühlte, zeigte er in Gestik und Rhetorik beim gemeinsamen Auftritt mit Obama vor der diesmal - anders als beim frostigen Empfang vom März - zum Händeschüttel-Ritual vor dem offenen Kamin herzlich eingeladenen Presse. Mark Twain paraphrasierend stellte Netanjahu fest: „Berichte über ein Ende der speziellen amerikanisch-israelischen Beziehungen sind nicht nur verfrüht, sondern schlichtweg falsch.“

          Und dann lobte er Obama ausgerechnet für dessen Kairoer Rede an die Muslime, in welcher der Präsident doch „vor der ganzen islamischen Welt“ gesagt habe, dass „das Band zwischen Israel und den Vereinigten Staaten unzerreißbar“ sei. „Und das kann ich heute bestätigen“, sagte ein triumphierender Netanjahu.

          „Auf die Peitsche folgt das Zuckerbrot“

          Denn tatsächlich haben Obama, Vizepräsident Joseph Biden und Außenministerin Hillary Clinton mit den ostentativen Brüskierungen Netanjahus der vergangenen Monate diesem keine substantiellen Zugeständnisse abringen können. Nachdem Washington bei Netanjahu mit der Peitsche nicht weitergekommen sei, versuche man es jetzt mit dem Zuckerbrot, schrieb ein israelischer Kommentator am Mittwoch.

          Netanjahu war bei seinem Besuch im März klug genug gewesen, sich bei einer Rede vor der begeisterten Jahresversammlung der mächtigen jüdischen Lobbyorganisation Aipac deren vorbehaltloser Rückendeckung zu versichern. Aipac äußerte nach Obamas Versöhnungsgesten vom Dienstag prompt die „uneingeschränkte Übereinstimmung“ mit den Lobpreisungen des Weißen Hauses für den Partner Israel und dessen gegenwärtigen Regierungschef.

          Es ist ein offenes Geheimnis, dass Obama angesichts seit Monaten katastrophaler Umfrageergebnisse für den seit 2007 von den Demokraten beherrschten Kongress jede jüdische Stimme bei den Kongresswahlen am 2. November braucht. Deshalb arbeitet er nun energisch gegen seinen bisherigen Ruf bei vielen amerikanischen Juden an, er sei der israelfeindlichste amerikanische Präsident der jüngeren Geschichte. Als Netanjahu zum Abschluss seines Empfangs im Weißen Haus sagte, es sei nach seinen fünf offiziellen Besuchen in Washington nun an der Zeit, „die Balance wiederherzustellen“ und den Präsidenten und die First Lady endlich in Israel begrüßen zu dürfen, antwortete Obama ohne Zögern: „Ich bin bereit.“

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