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Wiedergutmachung : Reparationen gegen Rassismus?

Ein paar Hand- oder Fußschellen im National Museum of African American History and Culture in Washington Bild: AFP

Mehrere demokratische Präsidentschaftskandidaten nehmen die Forderung auf, Afroamerikanern Reparationen für Sklaverei und Rassismus zu zahlen. Ein Konzept dafür haben sie nicht.

  • -Aktualisiert am

          Könnten Milliarden Dollar Jahrhunderte der Versklavung und der rassistischen Gewalt sühnen? Das ist eine scheinbar theoretische Frage, doch sie interessiert immer mehr Menschen in Amerika. Die Forderung nach Reparationen für Afroamerikaner ist nicht neu. Der demokratische Abgeordnete John Conyers Jr., der kürzlich aus dem Kongress ausschied, brachte seit 25 Jahren in jeder neuen Legislaturperiode den gleichen Antrag ein: der Kongress möge eine umfassende Studie zur Sklaverei und ihren langfristigen Folgen in Auftrag geben und anschließend über geeignete Sühnemaßnahmen diskutieren. Drei demokratische Präsidentschaftskandidaten erkannten in den vergangenen Wochen das politische Potential des Themas und sprachen sich dafür aus, über Reparationen zu diskutieren: die Senatorinnen Elizabeth Warren und Kamala Harris sowie Julian Castro, ehemaliger Minister für Wohnungswesen und Stadtentwicklung unter Präsident Barack Obama.

          Dass die Sklaverei untrennbar mit dem wirtschaftlichen Aufstieg der Kolonien und später der Vereinigten Staaten verbunden war, ist für viele Bürger unstrittig, doch die unbequemsten Fragen betreffen das 20. Jahrhundert und die Gegenwart, in der weiße Privilegien weiterwirken. Es war der Schriftsteller Ta-Nehisi Coates, der das Thema mit einem Aufsatz 2014 wieder stärker in die öffentliche Debatte brachte. „The Case for Reparations“ erschien in der Zeitschrift „The Atlantic“ und zeichnete viele der Faktoren nach, die dazu führen, dass Schwarze noch heute strukturell im Nachteil sind. Seitdem ist die Forderung nach Reparationen nicht mehr verstummt, dieser Wahlkampf ist aber der erste, in dem sich früh mehrere Kandidaten dazu positionieren.

          Die drei Demokraten reagierten mehr auf eine öffentliche Stimmung, als dass sie ein Konzept vorstellten. Und das Wort Reparationen ist mehrdeutig. Harris etwa sprach vom Ausgleich ungleicher Startchancen und von Investitionen in schwarze Communities, nicht von Barzahlungen an Einzelne. Die demokratischen Bewerber wissen, dass sie kaum Chancen haben, wenn sie die etwa dreizehn Prozent Afroamerikaner im Land nicht für sich begeistern können. Die sind tatsächlich die loyalste Wählergruppe der Demokraten, seit die Partei in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts begann, die Bürgerrechtsbewegung zu unterstützen und dadurch ihren durchaus einflussreichen Segregationisten-Flügel im Süden nach und nach an die Republikaner verlor.

          Während andere eher vage blieben, erteilte einer individuellen Entschädigungen eine Absage: Bernie Sanders, der kürzlich in einer CNN-Sendung ausweichend und etwas genervt auf die konkrete Frage nach Reparationen antwortete. Am Montag sprach er dann mit dem „Breakfast Club“-Moderator Charlamagne tha God, dessen New Yorker Radioshow von vielen jungen Afroamerikanern gehört wird und der über zwei Millionen Follower bei Twitter hat. Sanders hat es sich zum Ziel gesetzt, seine Fehler von 2016 nicht zu wiederholen. Damals setzte er nach Meinung vieler Kritiker zu stark auf rein wirtschaftspolitische Botschaften und kümmerte sich zu wenig um die nicht-weißen Wählerinnen und Wähler und um das Problem des strukturellen Rassismus. „Also, Bernie, 44 der 45 Präsidenten des Landes waren weiße Männer, denken Sie, wir brauchen einen weiteren?“ wollte der Radiomoderator nun von dem 77 Jahre alten Sanders wissen. „Also, ich denke, wir brauchen diesen hier, ja“, parierte Sanders.

          Bernie Sanders ist gegen Barzahlungen als Wiedergutmachung

          In Bezug auf seine Kampagne 2016 gestand er ein: „Wir sind dafür kritisiert worden, dass wir zu weiß waren, und das war eine berechtigte Kritik. Wir sind kritisiert worden, weil wir zu männlich waren, und das war auch berechtigt. Das wird sich ändern.“ Charlamagne tha God, der mit bürgerlichem Namen Lenard Larry McKelvey heißt, ließ sich davon nicht ablenken. Das Thema, das viele in seiner Fangemeinde interessierte, sollte auf den Tisch: Ist Sanders für Bar-Reparationen oder nicht? „Nein“, sagte der Senator aus Vermont. „Sie meinen, einen Scheck für jeden Afroamerikaner? Gut, das heißt dann auch einen Scheck an (die Nachfahren von) jedem Ureinwohner, die ausgelöscht wurden, als die Siedler kamen. Ich denke, wir gehen besser voran und bauen Amerika gemeinsam auf.“

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