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Amazonien-Synode : Modellcharakter für alle getauften Seelen

Papst Franziskus während der Abschluss-Messe der Bischofssynode mit einem Mädchen aus dem Amazonas-Gebiet in Rom Bild: dpa

In Rom ist die Amazonien-Synode zu Ende gegangen. Die Debatte über eine Abschaffung des Zölibats und das weibliche Diakonat könnte nun erheblich voranschreiten.

          3 Min.

          Überaus kommunikativ verlief die Amazonien-Synode, die am Sonntag nach drei Wochen Dauer mit einer Papstmesse im Petersdom zu Ende ging. So jedenfalls erzählten es übereinstimmend Teilnehmer der Debatten im Plenum und in den Arbeitsgruppen, die hinter verschlossenen Türen stattfanden. Man habe frei reden können, sei respektvoll angehört worden. Was aber außerhalb des Vatikans geschah, erinnerte eher an einen Glaubenskrieg. Für die Beratungen eines Gremiums, das selbst keine bindenden Beschlüsse fassen kann, sondern dem Papst bloß Vorschläge unterbreitet, birgt das erhebliches Aufregungspotential.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Die Synode trug den Titel „Amazonien: Neue Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie“. Doch ein Regionaltreffen mit begrenzter Bedeutung nur für die rund zweieinhalb Millionen Indigenen, die in den neun Ländern des Amazonasbeckens leben, war die Veranstaltung gerade nicht. Vielmehr sollen die Empfehlungen für Amazonien sowie die von der Synode erhofften Kirchenreformen für das Gebiet Modellcharakter haben für alle rund 1,3 Milliarden getauften Seelen der Weltkirche: Wozu sonst hätte Papst Franziskus die 181 Bischöfe, Priester und geweihten Ordensleute nach Rom einfliegen lassen sollen, statt sie etwa nach Brasilien zu bitten, was auch erheblich umweltverträglicher gewesen wäre?

          Ein gewagtes Unternehmen

          Schon das Zahlenverhältnis zeigt die Gewagtheit des Vorhabens der Amazonien-Synode: Wenn nach jüngsten Schätzungen nur noch etwa 50 Prozent der Indigenen in Amazonien katholisch sind – die charismatischen Pfingstkirchen sind wie überall in Lateinamerika auch im Regenwald auf dem Vormarsch und machen der katholischen Kirche immer mehr Gläubige abspenstig –, warum sollen dann die besonderen Lebenserfahrungen von gerade einmal einem Promille aller Katholiken auf der Welt für den ganzen großen Rest von eminenter Bedeutung sein?

          Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, nahm als eine Art informeller Führer der überaus einflussreichen Delegation aus dem deutschsprachigen Raum an der Synode teil. Die Deutschsprachigen und Deutschstämmigen waren so zahl- und wortreich bei der Amazonien-Synode vertreten, dass sich der amerikanische Vatikan-Beobachter John Allen Jr. die Frage nicht verkneifen konnte, ob der Rhein in den Amazonas münde. Marx hob am Samstagabend vor der Presse hervor, die Synode habe „Bedeutung für die ganze Welt“. Aber nicht, weil es um die Aufweichung des Zölibats gegangen sei – dies sei ohnedies „nie ein Thema gewesen“ für die Synode, wie Marx immer wieder betonte. Vielmehr habe die Synode gezeigt, dass drei nicht-politische Akteure im Begriff seien, eine „neue Allianz“ für die Zukunft der Menschheit zu schmieden: die religiös Verantwortlichen, die Wissenschaft und die Jugend.

          Klage über das „Attentat gegen die Natur“

          In diese ökologische Kerbe schlug auch Franziskus bei seiner Abschlusspredigt vor den versammelten Synodenteilnehmern im Petersdom. Der Papst beklagte das „vernarbte Antlitz Amazoniens“ – Ergebnis der Ausplünderung seit den Zeiten des Kolonialismus, die auch heute noch „unseren Geschwistern und unserer Schwester Erde Wunden zufügt“. Auch im 33 Seiten umfassenden Schlussdokument der Synode, über dessen Paragraphen in der Synodenaula einzeln abgestimmt werden musste, nimmt die Klage über das fortgesetzte „Attentat gegen die Natur“ durch eine menschen- und schöpfungsfeindliche Raubwirtschaft breiten Raum ein.

          Bei den Abstimmungen der 181 wahlberechtigten „Synodenväter“ – die rund 35 Frauen hatten kein Stimmrecht – erhielten jene Abschnitte des Schlussdokuments die breiteste Zustimmung, in welchen „ökologische Sünden“ als „Tat gegen Gott“ angeprangert werden. Die knappsten Ergebnisse – erforderlich zur Annahme eines betreffenden Abschnitts war jeweils die Zweidrittelmehrheit von 120 Stimmen – gab es nicht zufällig bei jenen Paragraphen, in welchen die Priesterweihe für verheiratete Männer mit längerer Erfahrung als Diakone sowie die Weihe von Frauen für das Diakonat gefordert werden. 128 Synodenväter stimmten für die Priesterweihe von Verheirateten in Amazonien, 41 waren dagegen. Die Öffnung des Weiheamts des Diakonats für Frauen empfahlen 137 Synodenväter, 30 stimmten dagegen.

          Nun ist es an Franziskus

          Es ist nun an Franziskus, die Empfehlungen „seiner“ Amazonien-Synode in einem nachsynodalen Schreiben aufzunehmen oder nicht. Vieles spricht dafür, dass der Papst in dem Schreiben, das bis Jahresende vorliegen soll, dem Schlussdokument der Synode im Wesentlichen folgt und die Debatte über eine Lockerung, womöglich über die Abschaffung des Zölibats sowie über das weibliche Diakonat in der Weltkirche damit weiter vorantreiben wird.

          Darin, sowie im überzogenen „Anschmiegen“ der christlichen Verkündung an die heidnischen Riten der AmazonasVölker, sehen konservative Kritiker von Franziskus ihrerseits einen Sündenfall des Papstes und seiner Gefolgschaft. Der Vorwurf der Häresie war schon im Vorfeld der Amazonien-Synode erhoben worden. Am Montag kam es dann zum Eklat: Der selbsternannte italienische Exorzist Davide Fabbri entwendete aus der Kirche Santa Maria in Traspontina fünf dort ausgestellte Pachamama-Figuren und warf das „heidnische Teufelszeug“ in den Tiber. Dafür gab es Beifall von konservativen Katholiken. Die nackte schwangere Pachamama ist in der Mythologie der Inka die Fruchtbarkeitsgöttin und symbolisiert zugleich „Mutter Erde“. Die Figuren waren von indigenen Synodenteilnehmern zur Eröffnungsmesse in den Petersdom getragen worden. Papst Franziskus entschuldigte sich am Freitag in seiner Eigenschaft als Bischof von Rom für das Verschwinden der Figuren. Die waren inzwischen von der Polizei geborgen worden. Bei der Abschlussmesse im Petersdom waren sie aber nicht wieder dabei.

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