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Anhörung im Kongress : Giganten ganz klein

  • -Aktualisiert am

Amazon-Chef Jeff Bezos stellt sich den Fragen der Abgeordneten im Justizausschuss. Bild: Reuters

Die Chefs von Amazon, Facebook, Google und Apple teilen das Netz unter sich auf. Sie entscheiden über Gewinner und Verlierer, wie Cäsaren über Leben und Tod der Gladiatoren. Endlich hat Amerika ihnen den Kampf angesagt.

          2 Min.

          Es war ein ungewöhnlicher Anblick. Die milliardenschweren Chefs von Amazon, Apple, Google und Facebook versammelt auf einem einzigen Bildschirm in Raum 2141 des amerikanischen Kapitols, ganz hygienisch, per Video zugeschaltet.

          Fünfeinhalb Stunden lang wurden sie von den Abgeordneten des Justizausschusses in die Mangel genommen. Vier betont unschuldige Gesichter über betont unaufregenden Krawatten vor betont bescheidenen Bürowänden; Karree an Karree auf der digitalen Anklagebank.

          „Unsere Gründerväter haben sich keinem König gebeugt, und wir sollten uns nicht den Kaisern der Online-Wirtschaft beugen“, so eröffnete der demokratische Vorsitzende des Ausschusses die Anhörung, und in diesem Ton ging es weiter. Es gebe ein Wort für das, was die vier da trieben, sagte ein anderer Demokrat: „Monopol.“

          Die Republikaner im Ausschuss hatten andere Sorgen. Sie warfen den Tech-Giganten eine linke Schlagseite vor. Ihre Vorwürfe vom Kaliber „Mails der Republikanischen Partei landen grundsätzlich in Spam-Ordnern“ konnten die Unternehmer leicht kontern.

          Die gut informierten Angriffe der Demokraten hatten es dagegen in sich. Ein Jahr lang haben sie die Technologie-Giganten unter die Lupe genommen, Hunderttausende Dokumente durchgeackert, zig Fachleute und Konkurrenten angehört. „Kopieren Sie Ihre Wettbewerber?“, fragte eine Demokratin Facebook-Chef Mark Zuckerberg, woraufhin dieser stotterte und schließlich zugab: „Wir haben sicher bestimmte Funktionen übernommen.“

          Amazon stehe für „Mobbing, Angst und Panik“, hielt eine andere Demokratin Konzernchef Jeff Bezos vor und schilderte ihm dem Fall einer kleinen Geschäftsinhaberin, die ihre Bücher nicht mehr über Amazon verkaufen darf. „Bitte nehmen Sie uns wieder auf“, fleht die Dame in einer eingespielten Audiobotschaft Bezos direkt an. „Vierzehn Leben hängen an diesem Unternehmen.“

          Der Amazon-Chef bemühte sich, zerknirscht dreinzuschauen, doch der Eindruck blieb: Diese mächtigen vier entscheiden über Gewinner und Verlierer, wie Cäsaren über Leben und Tod der Gladiatoren.

          Ein Spektakel, sicher. Aber eins, das jedem Verfechter der amerikanischen Demokratie gefallen sollte. Als solcher präsentierte sich auch Jeff Bezos, erzählte seine persönliche Geschichte vom amerikanischen Traum: Der Vater Migrant, die Mutter mit 17 schwanger, der Sohn, gegen alle Wahrscheinlichkeit, reichster Mann des Planeten.

          Es wäre eine schöne Geschichte, wenn Bezos selbst nicht für den amerikanischen Albtraum vom Kartell stünde. Ja, in Amerika kann man ganz klein anfangen und ganz groß rauskommen. Aber, und auch das ist zum Glück typisch amerikanisch: Reichtum und Machtfülle, und mögen sie noch so groß sein, schützen einen nicht vor parlamentarischer Kontrolle.

          Die Marktgiganten schlugen sich wacker, obwohl sie ständig unterbrochen wurden. Ihre immer gleichen Argumente waren am Ende völlig ausgeleiert. Wir sind doch gar nicht so groß, wir schaffen Arbeitsplätze, wir dürfen den Markt nicht China überlassen, und, jedes Mal, wenn sie gar keine Antwort hatten: Wir schauen uns das an.

          Die Geduld der Abgeordneten aber schwindet. Einfach werden sie die Giganten zwar nicht zerschlagen können, aber die Zeiten, in denen das Silicon Valley als Wiege einer besseren Welt verklärt wurde, sind endgültig vorbei.

          Der Kongress hat den großen vier den Kampf angesagt. Und diesen Kampf können die Internetcäsaren nicht mit ihren üblichen Mitteln gewinnen. Einschüchtern, kopieren, ausschließen, übernehmen: das ist diesmal keine Option.

          Livia Gerster

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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