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Am Ground Zero des Virus : Verheddert in Wuhan

Straßen kreuzen sich in der chinesischen Metropole Wuhan. Bild: AFP

Bei Reisen in China findet man sich derzeit leicht in einem Labyrinth ungeschriebener Gesetze wieder. Aus Angst vor einer zweiten Infektionswelle werden in Wuhan die Einschränkungen wieder verschärft.

          4 Min.

          Wer in diesen Tagen in China auf Reisen geht, kann sich leicht verheddern. Schon die Wahl eines falschen Hotels reicht aus, um sich im Labyrinth der surrealen chinesischen Bürokratie wiederzufinden, deren Regeln sich ständig ändern und je nach Verantwortlichem unterschiedlich ausgelegt werden. In diesem Fall spielt die Geschichte in Wuhan, jener Stadt im Zentrum Chinas, in der die Coronavirus-Pandemie ihren Anfang nahm. Vor einer Woche wurde die Abriegelung der Stadt aufgehoben. Ein- und Ausreisen sind jetzt wieder möglich, doch von Normalität ist Wuhan weit entfernt. Es herrscht so große Nervosität, dass in manchen Lebensbereichen die gelockerten Einschränkungen schon wieder verschärft werden.

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Ein erstes Vorzeichen, dass es unangenehm werden könnte, gibt es am Bahnhof. Der Beamte, der die beiden Ausländer registrieren soll, macht trotz seines Ganzkörperschutzanzugs drei Schritte zurück, als die Deutsche auf ihn zukommt. Die Reporterin soll ihren Pass aufgeschlagen auf den Tisch legen und dann zurücktreten. Wenn sie durch ihre Schutzmaske spricht, dreht er ihr ängstlich den Rücken zu. Die Furcht des Mannes vor einer Ansteckung ist verständlich, wenn man bedenkt, durch welch ein Martyrium diese Stadt gegangen ist. Zumal in Wuhan derzeit viel von symptomfreien Infizierten die Rede ist, die eine Entdeckung der Virenträger noch schwieriger und die Krankheit noch unheimlicher macht.

          Die Kontrolle ist lückenlos

          Angst ist nicht immer rational. Vor der anderen Ausländerin, einer Malaysierin, deren Vorfahren Chinesen waren, fürchtet sich der Beamte gar nicht. Seine selektive Wahrnehmung wird durch die offizielle Infektionsstatistik befeuert, die den Eindruck erweckt, dass die Gefahr einer zweiten Infektionswelle in China fast ausschließlich von importierten Fällen aus bestimmten Ländern ausgeht. Dieses Bild ist so stark in vielen Köpfen verankert, dass es wenig Fantasie braucht sich vorzustellen, dass in China irgendwann ganz vergessen sein wird, dass Sars-CoV-2 in Wuhan seinen Ursprung hatte. Wann die gefürchteten Ausländer zuletzt das Land verlassen haben, gerät dabei schnell zur Nebensache.      

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          Ein staatlich beauftragter Taxifahrer in Schutzkleidung steht bereit, um die beiden Ausländer in ihr Hotel zu fahren. Schon das zeigt, wie groß die Zahl der Menschen ist, die der chinesische Staat für den Kampf gegen das Coronavirus mobilisiert hat. Die Kontrolle ist lückenlos. Am Hotel warten bereits drei weitere Personen, um die Ausländer in Empfang zu nehmen. Sie waren schon seit der Buchung am Vortag informiert, denn in Corona-Zeiten braucht das Hotel die Genehmigung der Bezirksverwaltung, um Ausländer aufzunehmen. Das Mercure-Hotel liegt drei Kilometer vom Huanan-Markt entfernt, auf dem das Virus nach bisherigen Erkenntnissen von einem exotischen Tier, mutmaßlich einem Gürteltier auf einen Menschen übergesprungen sein könnte. In diesem Stadtteil sind besonders viele Wuhaner an der Lungenkrankheit Covid-19 erkrankt und verstorben, weshalb die Vorschriften hier besonders streng eingehalten werden.

          Anders als angekündigt, endet die Taxifahrt nicht vor dem gebuchten Mercure-Hotel, sondern vor dem Hotel „Kleiner Schwan“, das der Staat für Quarantänepatienten gemietet hat. Anstelle einer Rezeptionistin sitzt in der Lobby eine Krankenschwester im Ganzkörperschutzanzug, die einen Corona-Test vornehmen soll. Drei Tage, so heißt es überraschend, werde die Deutsche hier zwangsweise einquartiert und dürfe ihr Zimmer nicht verlassen, bis das Ergebnis zweier Nukleinsäure-Tests vorliege. Zwei sind es deshalb, weil die Verlässlichkeit der Tests als ungenau eingeschätzt wird. Für die Malaysierin gilt diese Regel nicht – obwohl sie sich sicher bei ihrer deutschen Reisepartnerin angesteckt hätte, wenn diese infiziert wäre. Dabei hat auch die Deutsche nach der Rückkehr aus dem Ausland Mitte März die vorgeschriebene Heimquarantäne von zwei Wochen absolviert.

          Auf der Basis welcher Verordnung diese Maßnahme verfügt wurde und warum sie nicht für andere ausländische Journalisten gilt, die in den Tagen zuvor angereist sind, wissen die Distriktmitarbeiter nicht. Sie hätten lediglich Anweisung von ihrem „Lingdao“, ihrem Vorgesetzten erhalten, die Ausländer in dieser Weise festzusetzen. In solchen Fällen kommt in China das Außenministerium ins Spiel, zu dessen Aufgaben es zählt, ausländischen Journalisten im gefürchteten Dschungel lokaler Behördenwillkür beizustehen. Der zuständige Mitarbeiter bemüht sich redlich, doch gegen das Corona-Einsatz-Team des Wuhaner Stadtbezirks Jianghan ist er machtlos. Von einer entsprechenden Verordnung hat man im Außenministerium noch nicht gehört.

          Später wird der „Lingdao“ zugeben, dass es keine entsprechende Verordnung gibt, sondern lediglich eine „interne“ Anweisung eines noch höher gestellten „Lingdaos“, deren genauen Wortlaut man nicht wiedergeben könne. Sie gelte allein für den Stadtteil, in dem sich das Mercure-Hotel befindet. Das zeigt, wir kleinteilig die Präventionsmaßnahmen in Wuhan kalibriert werden. Entweder sind die Regeln in jenen Stadtteilen strikter, in denen die Zahl der Infizierten höher war oder ist. Oder sie hängen davon ab, wie groß die Sorge des zuständigen „Lingdaos“ ist, dass sein Viertel durch schlechte Zahlen in Misskredit gerät und er so seine Aufstiegschancen verschlechtert. Welcher Behörde der „Lingdao“ angehört, lässt sich nicht in Erfahrung bringen. Auf Nachfrage, ob er dem Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention unterstellt sei, antwortet er nur, die Sache sei „zu kompliziert“.

          Ansonsten kümmert sich der Mann mit großer Aufmerksamkeit um die Ausländer. Er lässt sie vom „Kleinen Schwan“ in ein besseres Hotel bringen, in dem sie die einzigen Gäste sind, weil es für chinesische Austauschschüler und Auslandsstudenten hergerichtet wurde, die in ihren Gastländern gestrandet sind und in naher Zukunft mit Charterflügen heimgeholt werden sollen.

          In Deutschland heißt es nun oft, die Zustimmung der Bevölkerung zu einschränkenden Maßnahmen hänge davon ab, ob sie nachvollziehbar erklärt würden. In China spielen solche Überlegungen keine Rolle. Das macht die Maßnahmen für den einzelnen schwerer erträglich. Ob es sie mehr oder weniger effektiv macht, ist ungewiss.

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