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Am Ground Zero des Virus : Verheddert in Wuhan

Anders als angekündigt, endet die Taxifahrt nicht vor dem gebuchten Mercure-Hotel, sondern vor dem Hotel „Kleiner Schwan“, das der Staat für Quarantänepatienten gemietet hat. Anstelle einer Rezeptionistin sitzt in der Lobby eine Krankenschwester im Ganzkörperschutzanzug, die einen Corona-Test vornehmen soll. Drei Tage, so heißt es überraschend, werde die Deutsche hier zwangsweise einquartiert und dürfe ihr Zimmer nicht verlassen, bis das Ergebnis zweier Nukleinsäure-Tests vorliege. Zwei sind es deshalb, weil die Verlässlichkeit der Tests als ungenau eingeschätzt wird. Für die Malaysierin gilt diese Regel nicht – obwohl sie sich sicher bei ihrer deutschen Reisepartnerin angesteckt hätte, wenn diese infiziert wäre. Dabei hat auch die Deutsche nach der Rückkehr aus dem Ausland Mitte März die vorgeschriebene Heimquarantäne von zwei Wochen absolviert.

Auf der Basis welcher Verordnung diese Maßnahme verfügt wurde und warum sie nicht für andere ausländische Journalisten gilt, die in den Tagen zuvor angereist sind, wissen die Distriktmitarbeiter nicht. Sie hätten lediglich Anweisung von ihrem „Lingdao“, ihrem Vorgesetzten erhalten, die Ausländer in dieser Weise festzusetzen. In solchen Fällen kommt in China das Außenministerium ins Spiel, zu dessen Aufgaben es zählt, ausländischen Journalisten im gefürchteten Dschungel lokaler Behördenwillkür beizustehen. Der zuständige Mitarbeiter bemüht sich redlich, doch gegen das Corona-Einsatz-Team des Wuhaner Stadtbezirks Jianghan ist er machtlos. Von einer entsprechenden Verordnung hat man im Außenministerium noch nicht gehört.

Später wird der „Lingdao“ zugeben, dass es keine entsprechende Verordnung gibt, sondern lediglich eine „interne“ Anweisung eines noch höher gestellten „Lingdaos“, deren genauen Wortlaut man nicht wiedergeben könne. Sie gelte allein für den Stadtteil, in dem sich das Mercure-Hotel befindet. Das zeigt, wir kleinteilig die Präventionsmaßnahmen in Wuhan kalibriert werden. Entweder sind die Regeln in jenen Stadtteilen strikter, in denen die Zahl der Infizierten höher war oder ist. Oder sie hängen davon ab, wie groß die Sorge des zuständigen „Lingdaos“ ist, dass sein Viertel durch schlechte Zahlen in Misskredit gerät und er so seine Aufstiegschancen verschlechtert. Welcher Behörde der „Lingdao“ angehört, lässt sich nicht in Erfahrung bringen. Auf Nachfrage, ob er dem Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention unterstellt sei, antwortet er nur, die Sache sei „zu kompliziert“.

Ansonsten kümmert sich der Mann mit großer Aufmerksamkeit um die Ausländer. Er lässt sie vom „Kleinen Schwan“ in ein besseres Hotel bringen, in dem sie die einzigen Gäste sind, weil es für chinesische Austauschschüler und Auslandsstudenten hergerichtet wurde, die in ihren Gastländern gestrandet sind und in naher Zukunft mit Charterflügen heimgeholt werden sollen.

In Deutschland heißt es nun oft, die Zustimmung der Bevölkerung zu einschränkenden Maßnahmen hänge davon ab, ob sie nachvollziehbar erklärt würden. In China spielen solche Überlegungen keine Rolle. Das macht die Maßnahmen für den einzelnen schwerer erträglich. Ob es sie mehr oder weniger effektiv macht, ist ungewiss.

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