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Alternative zur WM in Russland : Wo Abchasien Fußball-Weltmeister ist

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Der Ball ist drin: Zwei Mitglieder der abchasischen Nationalmannschaft bejubeln ein Tor im Spiel gegen Tibet bei der Conifa-WM in London. Bild: AFP

Es gibt eine Fußball-Welt jenseits der Fifa. Bei der „Conifa-WM“ kicken völkerrechtlich nicht anerkannte Gebiete, Kleinststaaten und Minderheitenregionen gegeneinander. Das bunte Turnier ist fröhlich – aber politisch umstritten. Ein Besuch.

          „Tibet, Tibet, Tibet“. Der kleine Fanblock im Queen-Elizabeth-Stadion im Nordlondoner Stadtteil Enfield macht ordentlich Lärm. Es wird gejubelt und sogar geweint. „Toll, dass unsere Nationalmannschaft hier mitspielt“, ruft eine in eine Tibet-Flagge gehüllte Frau und wischt sich eine Träne der Rührung aus dem Gesicht. Ein paar Meter weiter wird auf Russisch gesungen. Aus der scheppernden Lautsprecheranlage ertönt die Hymne der kaukasischen Rebellenrepublik Abchasien.

          Tibet gegen Abchasien ist eines der ersten Gruppenspiele der diesjährigen „Conifa“-Weltmeisterschaft und gleich eines der politisch brisantesten Duelle. Vor dem Stadion hat sich ein kleines Grüppchen georgischer Demonstranten versammelt. Georgien beansprucht das von Russland unterstütze Abchasien als Teil seines Staatsterritoriums. „Abchasien ist Georgien“, sagt die Aktivistin Maia Iashvili-Nicholson mit wütender Stimme. Dass Abchasien sich nach dem Sieg beim letzten Turnier sogar „amtierender Weltmeister“ nennen darf, schmerzt sie besonders. „Die Conifa ist gegen internationale Ordnung und Frieden“, hat sie auf ein Plakat geschrieben.

          Conifa – die englische Abkürzung steht für„Konföderation unabhängiger Fußballverbände“, ein 2013 gegründeter Dachverband, der alle zwei Jahre Weltmeisterschaften für Teams veranstaltet, die keine Mitglieder des großen Weltfußballverbandes Fifa sind, sich aber trotzdem als „Nationalmannschaften“ fühlen. Das Turnier nennt sich offiziell „World Football Cup“. Wenn man „Football World Cup“ sagen würde, bekäme man Probleme mit der Fifa, die sich die Rechte an der Bezeichnung gesichert habe, erklären die Conifa-Macher mit einem Augenzwinkern.

          Für den „World Football Cup 2018“, der noch bis zum 9. Juni in mehreren kleinen Stadien in London ausgetragen wird, haben sich 16 Teams qualifiziert. Ministaaten wie das pazifische Tuvalu sind dabei, die britische Isle of Man, das nordamerikanische Kaskadien, aber auch Regionen und Gebiete, dessen sportliche Identität immer wieder eng mit ernsthaften politischen Forderungen in Verbindung gebracht wird.

          Mit der Mannschaft sind auch manche Fans aus Tibet mit nach London gekommen und fiebern am Spielfeldrand mit Bilderstrecke

          So machen sich Tibets Fußballfans auf der Tribüne gegen chinesische Unterdrückung stark, Abchasiens Unterstützer trommeln für völkerrechtliche Anerkennung ihres Gebiets, ebenso wie die Anhänger Nordzyperns. Aus Italien ist „Padanien“ für das Turnier qualifiziert, eine Region, die einst von der rechtspopulistischen Lega Nord erfunden wurde. Auch die Kicker des Szeklerlandes, der großen ungarischen Minderheit in Rumänien, werden in ihrer Heimat politisch vereinnahmt. Ihre Vertreter wünschen sich mehr politische Autonomie.

          Ist die Conifa-WM also vor allem eine Bühne für Separatisten? Sascha Düerkop muss diese Frage in diesen Tagen immer wieder beantworten.Der 31-jährige Deutsche ist Generalsekretär der Conifa, eine ehrenamtliche Tätigkeit, die ihn seinen gesamten Jahresurlaub kostet. Auch seine Doktorarbeit hat der Mathematiker, der an der Hochschule Fulda als wissenschaftlicher Mitarbeiter angestellt ist, schon aufgegeben, weil sein Engagement als Hobby-Funktionär zu viel Zeit raubt. „Die Conifa positioniert sich nicht politisch, bei uns geht es um den Fußball“, sagt er.

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