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Spionagevorwurf aus Russland : Verurteilter Norweger fühlt sich „wirklich missbraucht“

Frode Berg drohen 14 Jahre Lagerhaft. Bild: AP

Der Fall von Frode Berg, der in Russland zu 14 Jahren Lagerhaft verurteilt wurde, lässt nicht nur den norwegischen Geheimdienst schlecht aussehen. Er bezeugt auch, wie sich die recht guten Beziehungen zu Russland eingetrübt haben.

          Das „Metropol“, ein Jugendstil-Juwel im Herzen Moskaus, ist bei betuchten Touristen beliebt. Aber auch beim Geheimdienst FSB, der wenige hundert Meter von dem Hotel entfernt in der Lubjanka residiert. Ende Dezember nahmen Agenten im „Metropol“ den Amerikaner Paul Whelan (der zudem Staatsangehörigkeiten Irlands, Kanadas und Großbritanniens besitzt) fest. Der 49 Jahre alte frühere Soldat und Sicherheitsangestellte sitzt wegen Spionagevorwürfen in Untersuchungshaft im Moskauer Lefortowo-Gefängnis. Sein Fall, der um einen USB-Stick mit sensiblen Daten kreist, ist undurchsichtig.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Etwas klarer wirkt der Fall des gut ein Jahr zuvor am „Metropol“ vom FSB festgenommenen und ebenfalls in Lefortowo inhaftierten Norwegers Frode Berg. Ein Moskauer Gericht hat den 63 Jahre alten pensionierten Grenzschutzbeamten nach nur zwei Prozesstagen mit viel Geheimhaltung am Dienstag zu 14 Jahren Lagerhaft wegen Spionage verurteilt. Sein Fall bezeugt, wie sich die einst recht guten Beziehungen Russlands zum Nachbarn und Nato-Mitglied Norwegen seit dem Ukraine-Krieg eingetrübt haben. Zudem lässt er den Norwegischen Geheimdienst (NIS), der dem Verteidigungsministerium des Landes untersteht, schlecht aussehen.

          Wie Whelan, der regelmäßig Russland bereiste, ist auch Berg ein Freund von Land und Leuten. In seinem Heimatort Kirkenes wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt, setzte er sich seit langem für gute Beziehungen zum benachbarten Gebiet Murmansk ein. Berg war Mitte der siebziger Jahre als Soldat nach Kirkenes gekommen. 1990 wechselte er zu den Grenzern, verstand sich gut mit den Kollegen der anderen Seite, organisierte grenzüberschreitende Skirennen, wirkte noch nach seiner Pensionierung in einem bilateralen Grenzvermessungsgremium.

          Erhöhte Wachsamkeit auf beiden Seiten

          Von guter Nachbarschaft zeugt unter anderem ein kleiner Grenzverkehr, der seit 2012 Bewohnern der Region visumfreies Reisen ermöglicht. Zwischen Kirkenes und Murmansk verkehren Busse. Doch mit der Annexion der Krim 2014 wuchs die Wachsamkeit. Jüngstes Beispiel sind Begegnungen norwegischer, dänischer und britischer Abfangjäger mit russischen Langstreckenbombern über der Barentssee. Im internationalen Luftraum, wie Wladimir Putin hervorhob: „Unsere Militärflugzeuge fliegen nicht über norwegischem Gebiet, sie waren dort nicht und werden, hoffe ich, dort nicht sein“, sagte der russische Präsident vorige Woche auf einem Forum zur Arktis in Sankt Petersburg, auf dem Norwegen durch seine Ministerpräsidentin vertreten war.

          Die Wachsamkeit schlägt sich in erhöhter Aufklärung auf beiden Seiten nieder, der nun Frode Berg zum Opfer gefallen sein dürfte. „Kann solch ein gutherziger europäischer Rentner ein Spion sein?“, hieß es einem russischen Staatsfernsehbericht zu dem Fall. „Eine Ermittlung der russischen Geheimdienste zeigt, dass das sehr gut möglich ist.“ Nach Angaben des FSB trug Berg bei seiner Festnahme 3000 Euro und Briefumschläge bei sich, die an Personen adressiert gewesen seien, die der Spionage verdächtigt würden. Das Geld habe Berg einem Russen gegen Informationen über russische Nuklearunterseeboote übergeben sollen. Bei dem Mann soll es sich um einen früheren Polizisten handeln, der wegen „Staatsverrats“ zu 13 Jahren Haft verurteilt wurde.

          Berg wies jede Schuld zurück. Dennoch bestätigten seine Anwälte die FSB-Version zum Teil. Laut dem Moskauer Verteidiger fuhr Berg „auf Bitten des Militärgeheimdiensts von Norwegen“ als „Kurier“ nach Russland, habe aber nicht verstanden, was er tue und die Risiken nicht erkannt. Berg sei benutzt worden. Der norwegische Anwalt sagte, ein Bekannter mit Geheimdienstverbindung habe Berg einen Mann in der Hauptstadt Oslo vorgestellt, der ihm mehrfach Umschläge mit nach Russland gegeben habe. Als Berg gezögert habe, weiter den Kurier zu geben, sei Druck auf ihn ausgeübt worden: „Willst du nicht ein guter Norweger sein?“ Berg sagte vor Gericht, er fühle sich „wirklich missbraucht“. Er bedauere den „Schaden, den diese Geschichte den Beziehungen Russlands und Norwegens auf offizieller wie auf menschlicher Ebene zufügen kann“. In Oslo gab es Kritik am „unprofessionellen“ Verhalten des NIS.

          Als im September 2018 ein russischer Parlamentsmitarbeiter in Oslo unter Spionageverdacht festgenommen wurde, kam die Hoffnung auf, Berg werde ausgetauscht. Doch wurde der Russe bald wieder freigelassen, was Mutmaßungen über eine Vereinbarung befeuerte, Berg werde nach dem – in Russland unausweichlichen – Schuldspruch begnadigt. Putin wurde während des Arktis-Forums danach gefragt. Erst müsse ein Urteil fallen „und dann sehen wir, was wir damit machen können“, sagte er. Begnadigen könne man nur einen Verurteilten. So verzichtet Berg auf Rechtsmittel und will, wenn das Urteil in zehn Tagen rechtskräftig ist, Putin um Gnade bitten.

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