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Israel benennt Ort nach Trump : Wo Trump und Russland sich ganz nah sind

In israelischen Bruchim wird die amerikanische Flagge gehisst– am Sonntag soll dort der Ort „Ramat Trump“ ausgerufen werden: die „Trump-Höhe“. Bild: AFP

In eine abgelegene Siedlung auf dem Golan hält die Weltpolitik Einzug: Israel benennt einen Ort nach Trump. Dort scheint die Zeit wie stehengeblieben.

          Wladimir kommt aus seiner gestrüppverhangenen Hütte heraus. Langsam, er ist nicht mehr so gut zu Fuß wie 1991, als sie hier alles wiederaufbauten. Neben Wladimirs Haus steht der alte Antennenmast, drei Meter hoch, auf dem Betondach eines ehemaligen syrischen Bunkers. Kurz vor der Mastspitze hängen vier witterungsversehrte Sirenen. Darunter hat jemand eine gitterartige Fernsehantenne befestigt, von ihr führt ein Kabel zu Wladimirs Nachbarn, in eine der Hütten, die von den israelischen Militärplanern kreisförmig um den Bunker herum angelegt wurden.

          Das war in den achtziger Jahren, als die arabische Bevölkerung nach dem Sechstagekrieg vertrieben worden war und Einheiten der israelischen Armee dafür abgestellt waren, Juden in den eroberten Gebieten anzusiedeln. Doch wollte kaum jemand hierher, in die Abgeschiedenheit der Golanhöhen. Wer kam, ging bald wieder. 1991 unternahm die israelische Regierung einen neuerlichen Versuch, Menschen anzusiedeln. Diesmal mit russischen Einwanderern, die nach dem Fall der Sowjetunion zu Hunderttausenden nach Israel strömten. Wladimir Belozerkowskij war da schon im Land, arbeitete für die israelische Elektrizitätsgesellschaft. In Rehovot trat er einem Likud-Ortsverband für Einwanderer bei. Eines Tages kam der damalige Wohnungsminister Ariel Scharon und bat ihn, die Ansiedlung einiger der neuen russischen Familien im Golan mitzuorganisieren. Sie schalteten Anzeigen in russischsprachigen Zeitungen. Wladimir machte mit.

          Mit vierzig russischen Einwanderern zog er schließlich in den Norden, um die Ortschaft Bruchim zu gründen. Bald verdreifachte sich ihre Zahl. Es gab Arbeit in einer Fabrik für Obstverpackungen, auch dort wurde Russisch gesprochen, und das erste Jahr durften die neuen Bewohner mietfrei wohnen. Heute ist Wladimir einer der Letzten, die noch nicht wieder weggezogen sind. Bruchim wirkt wie aus der Zeit gefallen. Die meisten Gemeinschaftsräume stehen leer, manchen fehlen ganze Wände. Unkraut zieht in die Häuser.

          Wladimir spürt den zionistischen Geist in sich

          Wladimir war 1974 aus der Sowjetrepublik Moldau nach Israel gekommen, über den Umweg Wien. Sein Bart ist weiß geworden, er trägt kurze Hose und eine Schiebermütze auf den schütteren Haaren. Ein wenig erschlafft geht er über einen Betonweg und schließt den Schuppen auf, in dem sein Hometrainer, eine Werkbank und sein Schaukelstuhl stehen. Wladimir erzählt. Als er damals auf dem Wiener Flughafen wartete, um nach Israel weiterzureisen, waren zwei Leute einer jüdisch-amerikanischen Organisation auf ihn zugekommen. Sie hatten versucht, ihn im letzten Augenblick noch von einer Auswanderung in die Vereinigten Staaten zu überzeugen. Aber Wladimir sagt, er fühlte den zionistischen Geist in sich. „Ich wollte nur nach Israel.“ Ganz im Gegensatz zu den russischen Einwanderern, die er später nach Bruchim führte: „Diese Leute hätten sich von einer Minute auf die andere für ein anderes Land als Israel entschieden, wenn sie dort nur ein besseres Angebot bekommen hätten.“ Nie habe er gedacht, dass die Mentalitätsunterschiede so groß sind. „Im Kopf sind sie immer in Russland geblieben.“

          Vierzehn Russen sind noch in Bruchim, die Kinder zogen fort ins Landesinnere, die Alten nicht, weil sie es sich woanders nicht leisten können. Sie sind scheu, machen die Türen zu, wenn Fremde kommen. Wladimir sagt, die Behörden hätten immer wieder versucht, sie mit der hebräischsprachigen Bevölkerung zu mischen. Es schlug fehl. „Ich blieb über die Zeit der Einzige, der wirklich Hebräisch kann.“

          Seit der Annexion 1981 werden die Golanhöhen zivil verwaltet. Bis heute leben dort nur 20.000 Juden. Wladimir sagt, er habe so viel in diesen Ort gesteckt, dass er sein Leben lang bleibe. Jetzt ist er 74. Er habe immer aufs Land gewollt, wo es ruhig und menschenleer ist. Die Vögel zwitschern, die Pinien wiegen sich im beständigen Wind am Rand der Berge.

          Am Sonntag ist das aber erst mal vorbei. Dann soll in Bruchim der Ort „Ramat Trump“ ausgerufen werden: die „Trump-Höhe“. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat versprochen, einen Ort nach Donald Trump zu benennen, weil der amerikanische Präsident die Annexion der Golanhöhen gebilligt und sie als israelisches Staatsgebiet anerkannt hat. Auf dem verfallenen Basketballplatz will das Kabinett öffentlich tagen. Die Regierung verspricht hundert neue Häuser, zur Hälfte für religiöse, zur anderen für säkulare Israelis. Doch gibt es einen Haken: Die Regierung ist nach der gescheiterten Koalitionsbildung nur kommissarisch im Amt. Sie kann keine finanziellen Zusagen machen.

          „Der Name Trump schafft eine Atmosphäre, die Business bringt“

          Das Ziel von Haim Rokach, dem Vorsitzenden des Golan-Regionalrats, ist die Verdopplung der jüdischen Bevölkerung auf dem Golan binnen zehn Jahren. Rokach fühlt sich von einer höheren Macht unterstützt. „Wenn man sich die Ereignisfolge anschaut, erst die Wahl Trumps, dann die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt von Israel, die Verlegung der Botschaft, dann die Anerkennung, dass der Golan auf immer Israel bleibt, Netanjahus Entscheidung, hier jetzt zu bauen – jemand von ganz oben entscheidet das für uns Menschen.“ Sogar der Kasinomilliardär Sheldon Adelson, der Trumps Wahlkampf maßgeblich bezahlte, soll hier in der Nähe ein neues 200-Betten-Hotel versprochen haben. „Der Name Trump schafft eine Atmosphäre, die Business bringt“, sagt Rokach. Die Gelegenheit müsse genutzt werden. „Wir sind die Peripherie der Peripherie.“ Auf den Golanhöhen gibt es keinen dauerhaften privaten Landbesitz, Interessenten müssen deshalb lediglich Infrastruktur bezahlen: rund 50.000 Euro für Wasser- und Stromanschluss, dazu die subventionierten Kosten für ein Haus. Rockach erwartet viele junge Familien.

          Wladimir sagt, es sei hier schon viel versprochen worden über die Jahrzehnte. „Ich kann festhalten: Wir wohnen immer noch in denselben Häusern.“ Auch Bruchim sei einst für den Übergang geplant worden, bis eine moderne Siedlung ausgehoben ist. Mittlerweile existiert so eine Siedlung zwar in der Nachbarschaft. Aber Wladimir und seine Nachbarn hatten kein Geld für den Umzug. Nach der Armee und der Verteilung russischer Einwanderer ist Trump jetzt der dritte Versuch, Israelis in Bruchim anzusiedeln. „Ich glaube das erst“, sagt Wladimir, „wenn ich es sehe.“

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