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Alltag der Mormonen in Utah : Für alle Ewigkeit

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Familie für immer: die Elders Bild: Andreas Ross

Dank Zigtausender Blogs kann jeder, der sich seit Mitt Romney dafür interessiert, im Leben der Mormonen aus Utah stöbern. Hier geht die Familie über alles - und kein Tod darf sie trennen.

          „Es gibt keinen Unterschied zwischen Elisa am Sonntag und Elisa am Mittwoch. Höchstens, dass ich sonntags ein Kleid trage.“ Heute ist Donnerstag, Elisa Scharton trägt eine enge weiße Bluse zur Jeans, die Sonnenbrille hält das blondierte Haar zurück. „Wir Mormonen trennen nicht zwischen geistlichem und echtem Leben.“ Wenn die vierfache Mutter aber in ihrem Blog beschreibt, wie sie in Salt Lake City die Modeläden abklappert, um eine orangefarbene Stretch-Hose zu kaufen, blitzt ihre Sieben-Tage-die-Woche-Religion allenfalls in Einschüben auf: „Ich weiß, dass Begehrlichkeiten schlecht sind, aber die Hose ist superschön, ok? UND sie gibt mir eine MENGE Selbstbewusstsein.“

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Ein gutes Selbstwertgefühl ist nichts Unschickliches in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Wer sich durch Elisa Schartons Internetportal mormonmommyblogs.com klickt, wird in den Einträgen Tausender Mütter kaum auf Zweifel oder unbeantwortete Lebensfragen stoßen, sondern haufenweise heitere Anekdoten aus dem Familienalltag finden. Angeblich wird jeder dritte amerikanische „Mommy Blog“ in Utah verfasst, wo von nur 2,8 Millionen Einwohnern weit mehr als die Hälfte Mormonen sind. Vielen Amerikanern mögen sie als sonderliche Geheimbündler gelten, weil kein Außenstehender ihre weltweit mehr als 150 Tempel betreten darf. Doch was in Utahs Küchen oder Sandkästen gebacken wird, steht vieltausendfach im Internet. Man könnte meinen, alle Mütter unter vierzig hätten sich verschworen, einander im Internet für ihre Blaubeermuffins oder Tischdeko-Ideen zu loben.

          Im Namen verstorbener Vorfahren ins Taufbecken gestiegen

          Elizabeth Elder stöbert gern auf der Website von Elisa Scharton, und auch sie bloggt regelmäßig. Ihr viertes Kind wurde vor sieben Monaten geboren, kurz nachdem die Familie aus Michigan in die besonders mormonisch geprägte Universitätsstadt Provo südlich von Salt Lake City zog. „Deine Kinder werden dir nicht täglich dafür danken, dass du das Haus so schön sauber hältst“, sagt sie in gespielter Verzweiflung. „Also ist es schön, wenn man ein Foto ins Netz stellt und dann die Kommentare der anderen Mütter liest.“ Wie Elisa Scharton in Salt Lake City und wie so viele weitere Glaubensschwestern ist Elizabeth Elder bestens ausgebildet, sie ist examinierte Grundschullehrerin. Doch ihre Kirche hat sie schon als junges Mädchen gelehrt, dass die Mutterschaft das Bedeutsamste in ihrem Leben sein würde. Manchmal, gibt sie zu, falle es ihr schwer, daheim zu bleiben, während ihr Mann Ryan zu seinen Studenten an die Brigham Young Business School fährt. „Aber ich weiß, dass wir Mütter für Gott genauso wichtig sind.“

          „Ich blogge für meine Kinder und Kindeskinder“: Elisa Scharton

          Vor ein paar Jahren haben die Kirchenoberen die Frauen offiziell zum Bloggen ermuntert. Dass nicht nur Shopping-Triumphe, sondern auch gebloggte Ehekräche und Kinderpipiunglücke für immer im World Wide Web hängenbleiben, facht hier die Mitteilungslust noch an. Die Mormonen schildern ihren Alltag, damit es spätere Generationen einfacher haben als sie, das Leben ihrer Vorfahren zu ergründen. Auch Elisa Scharton fahndet immer wieder nach ihren Urahnen. Die Kirche unterhält dazu die mit gut drei Milliarden Einträgen größte Datenbank der Welt.

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