https://www.faz.net/-gpf-70dxo

Alltag der Mormonen in Utah : Für alle Ewigkeit

  • -Aktualisiert am

Auch zur Pflege ihrer Ehe ermuntert die Kirche die Gläubigen

In Provo machen Elizabeth und Ryan Elder nicht den Eindruck, als hätten sie nie im Internet nachgelesen, was ihrer Religion alles nachgesagt wird. Doch es ficht sie nicht an. Montags haben die Elders Familienabend. So ziemlich alle anderen Familien in Provo auch, denn die Kirche möchte es so. „Die ganze Stadt ist montags dicht“, sagt die Mutter. Wenn sich alle im Wohnzimmer unter dem süßlichen Bild vom Tempel versammeln, liest der Vater eine „Lektion“ vor. Jeden Monat bekommen die Elders geeignete Texte für verschiedene Altersstufen und Anlässe im Kirchenmagazin frei Haus geliefert. Dann beten die Elders zusammen, singen Lieder, spielen Spiele. Manchmal hält sogar Colin, der Erstgeborene, eine kleine Predigt. Der Junge ist erst sieben, aber selbst seine drei Jahre alte Schwester Shaley hat in der Sonntagsschule schon geübt, Geschichten von Jesus zu erzählen. Colin sagt von sich, er sei schon ziemlich gut im freien Vortrag.

Mittwochabends betreut Ryan Elder eine Jugendgruppe der Gemeinde. Den Freitag hat er sich mit seiner Frau für kleine Eskapaden zu zweit reserviert; auch zur Pflege ihrer Ehe ermuntert die Kirche die Gläubigen. Elizabeth Elder ist als Mutter gleichsam automatisch Mitglied der riesigen „Relief Society“ und tut Gutes, wo sie kann und soll. Sonntags verbringt die Familie gut drei Stunden in der Kirche. Der Bischof führt die Gemeinde ehrenamtlich und als Laie. Er hat Ryan und Elizabeth Elder gebeten, am nächsten Sonntag Predigten zu halten. Sie machen das oft. „Jeder kommt mal dran.“

Zweimal im Monat klopfen Missionare an ihre Tür

Wie den meisten Männern der Gemeinde hat der Bischof Ryan Elder zudem zwei Familien zugeteilt, die er jeden Monat zu besuchen hat. „Home teaching“ heißt das: Elder kommt am frühen Abend vorbei, die Familie versammelt sich, er predigt kurz und fragt dann, ob jemand in der Familie krank ist oder anderweitig Hilfe benötigt. Meist bringt er die Sache möglichst rasch hinter sich und schreibt dem Bischof abends eine E-Mail: Alles klar bei Familie Soundso. Sollte doch einmal eine Familie Not leiden, hat der Bischof ein Budget, mit dessen Hilfe Arztbesuche ermöglicht oder Dächer geflickt werden können. Denn am ersten Sonntag des Monats fasten die Mormonen und spenden der Gemeinde ihr gespartes Essensgeld. Die zehn Prozent vom Nettoeinkommen jedes Mormonen dagegen, welche die Kirche beansprucht, werden dagegen direkt an die Zentrale in Salt Lake City überwiesen. Wofür sie das Geld ausgibt, ist nicht immer so offensichtlich wie beim Bau der Kongresshalle vor zwölf Jahren. 21.000 Menschen fasst der Saal, der vor allem für die Generalkonferenz der Kirche in jedem April und Oktober gebraucht wird.

Wenn Ryan Elder einmal nicht im Namen der Kirche unterwegs ist, kommt ein anderes Gemeindemitglied zu den Elders und schaut bei ihnen nach dem Rechten. Auch den Frauen werden Mitschwestern zugeteilt. „Aber da steckt nicht so viel dahinter, wir besuchen uns einfach und freunden uns an“, sagt Elizabeth Elder, die ihren Mann um das „home teaching“ nicht beneidet. Eine lästige soziale Kontrolle wollen die Elders in den Hausbesuchen aber nicht sehen - obwohl sie zugeben, dass sie vor ihrem Umzug von Michigan nach Utah Angst hatten, dass sich das Leben unter ihresgleichen „etwas klaustrophobisch“ anfühlen könnte. „Aber inzwischen genieße ich es“, sagt Elizabeth Elder, „dass fast alle unsere Nachbarn und die anderen Eltern an der Schule mit uns zur Kirche gehen. So kennt man sich besser und geht viel netter miteinander um.“ Die Kirche lehre sie, kein Urteil über andere Menschen zu fällen, sagt Ryan Elder. „Die Frage lautet“, ergänzt seine Frau, „wie würde Jesus wollen, dass wir mit dieser Person umgehen.“

Sarah Boynton und John Dehlin haben die Grenzen dieser Warmherzigkeit erfahren. Zweimal im Monat, sagt die Frau, die sich seit 18 Jahren als Ex-Mormonin sieht, klopften Missionare an ihre Tür, die sie zurück auf den Pfad der Tugend und heim in den Schoß der Kirche führen wollten. Es sind junge Leute, und Sarah Boynton ist seit ihrer traurigen Jugend oft umgezogen. „Aber sie scheinen alles über mich zu wissen.“ John Dehlin spricht von einem kühlen Empfang, wenn er an manchen Sonntagen seinen Zweifeln trotze und in Logan zur Kirche gehe. „Ich bin praktisch der Einzige aus der Gemeinde, der nie berufen wird, eine Predigt zu halten oder so. Aber ich liebe den Gesang, und meine Seele kommuniziert mit den Heiligen.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Schüler im Lockdown - dazu gehört auch: keine Freunde treffen.

Kultusminister zu Corona : „Wir nehmen den Kindern gerade alles weg“

Keine Freunde treffen, Hobbys und Feiern verboten und nun auch noch die Schulen zu: Diese Situation könne man nicht beliebig lange fortführen, warnt Niedersachsens Kultusminister Tonne. Auch BKK-Verbandschef Knieps fordert, die Schulen wieder zu öffnen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.