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Alltag der Mormonen in Utah : Für alle Ewigkeit

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Sarah Boynton wurde ins Gemeindehaus bestellt. Alleine saß sie vier Männern gegenüber. Sie musste ihnen Details ihrer ersten sexuellen Erfahrung schildern und danach Gott laut um Vergebung bitten. „Es war der schrecklichste Moment in meinem Leben.“ Die Männer teilten ihr später schriftlich mit, Gott habe ihnen befohlen, sie von den Sakramenten auszuschließen. Eine Zeitlang zwang die Familie Sarah Boynton, trotzdem zur Kirche zu gehen. Als alle zum Abendmahl gingen, blieb sie alleine sitzen. Kaum dass sie 18 war, verließ sie Kirche und Familie - schweren Herzens, „denn ich kannte ja niemanden, der nicht Mormone war“.

Hohe Selbstmordrate unter jungen Männern in Utah

Bei John Dehlin stand vor zehn Jahren keine Verfehlung, sondern eine besondere Ehre am Beginn der Glaubenskrise: Er wurde berufen, Jugendliche im Frühseminar zu unterrichten. In der Diaspora haben es die heranwachsenden Mormonen nicht so leicht wie in Utah, wo die Kirche neben praktisch jede High School ein eigenes Lehrgebäude gesetzt hat und die Schüler eine tägliche Lücke im Stundenplan haben, um sich dort von hauptamtlichen Religionslehrern unterweisen zu lassen. In Seattle findet der Religionsunterricht morgens um sechs statt. John Dehlin stürzte sich in die Vorbereitung, studierte die Schriften, fraß sich durch Geschichtsbücher. Und entdeckte Dinge, die ihm den Boden unter den Füßen entzogen.

„Es mag seltsam klingen, weil ja alles im Internet steht“, erklärt Dehlin, „aber kaum ein normaler Mormone weiß, dass schon Joseph Smith mit mehreren Frauen verheiratet war - und zwar ohne Wissen seiner Erstfrau.“ Außerdem habe der Mob den Propheten nicht auf Geheiß des Teufels gelyncht, wie er es in der Sonntagsschule gelernt habe, sondern aus Rache. Smith hatte demnach eine Druckmaschine zerstören lassen, weil die Zeitung über seine amourösen Abenteuer berichten wollte. „In meiner Kirche wird Joseph Smith’ Leben Sonntag für Sonntag rauf und runter erzählt“, sagt Dehlin. „Ich fragte mich, wie ich 32 Jahre alt werden konnte, ohne all das zu wissen.“ Einmal von Skepsis befallen, stieß er auch auf wissenschaftliche Studien, nach denen es die von Smith behauptete frühzeitliche Besiedlung Nordamerikas so nicht gegeben haben kann. „Binnen Minuten wurde aus Gottes Wort eine schlechte Geschichte. Ich fühlte mich belogen und betrogen - fast, als hätte ich erfahren, dass mein geliebter Vater ein schlimmes Verbrechen begangen hat.“

Dehlin, der einst an der renommierten Mormonenhochschule Brigham Young University in Provo Politologie studierte, lässt sich nun im weiter nördlich gelegenen Logan zum Psychiater ausbilden. Er will Mormonenfamilien helfen, die zu zerbrechen drohen, weil ein Partner Zweifel an der Religion bekommt - oder, oft noch dramatischer, weil sich ein Sohn oder eine Tochter als Homosexuelle offenbaren. Dehlin spricht von einer überdurchschnittlichen Selbstmordrate unter jungen Männern in Utah. Er führt sie darauf zurück, dass viele Schwule glaubten, ihren mormonischen Familien mit dem Freitod noch am wenigsten Kummer zu bereiten. „Vielleicht glaubt ein Drittel der praktizierenden Mormonen tatsächlich jedes Wort“, meint John Dehlin. „Ein weiteres Drittel ist so glücklich in der Kirche, dass die Leute vor allen Zweifeln die Augen verschließen. Und das letzte Drittel schafft trotz großer Gewissensnöte den Absprung nicht, weil ein Austritt viel zu schmerzhaft wäre.“

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