https://www.faz.net/-gpf-86sby

Flüchtlingskrise auf Kos : Ein Ort, den es in Europa nicht geben dürfte

  • -Aktualisiert am

Lager unter freiem Himmel: Flüchtlinge auf der griechischen Insel Kos Bild: AFP

Auf der griechischen Insel Kos hausen Flüchtlinge als Obdachlose am Strand oder in einem verlassenen Hotel. Sie wollen nur eines: schnell weg.

          10 Min.

          Auf halber Strecke zum Anleger drehen sich die Gäste der Urlaubsinsel Kos gerne noch ein letztes Mal um, bevor sie im Abendrot die Fähre nach Athen besteigen. Sie werfen dann einen wehmütigen Abschiedsblick auf die uneinnehmbar hohen Mauern der Festung, die bunten Sonnenschirme an den Stränden, die Fischrestaurants an der Hafenpromenade und die Ausflugssegler.

          Ghazal Bouta und ihr Mann werfen keinen einzigen Blick zurück. Die junge Mutter mit der schneeweißen Tunika und dem lachsfarbenen Kopftuch schiebt ihre Tochter in einer Kinderkarre mit einer Geschwindigkeit in Richtung Abfahrt, als würde man sie jagen. Um keinen Preis der Welt würden sie das Schiff verpassen wollen, auf das sie seit einer Woche warten.

          Flüchtlingspolitik : Flüchtlingsansturm überfordert Urlaubsinsel Kos

          Familie Bouta hebt sich durch die frischen Kleider und die Karre etwas ab von den anderen Flüchtlingen aus Syrien, die in einer lange Schlange zum Fähranleger laufen. Viele tragen matte Säuglinge über den Unterarm gehängt, an den Händen weitere Kinder und Tüten. Sie alle haben Tage auf der griechischen Insel Kos verbracht, an die sie sich nicht gern erinnern werden. „Es war grauenhaft“, sagt Ghazal Bouta. Das Wort hat Wucht, wenn es jemand wählt, der aus Homs kommt, einer Stadt, von der nach Jahren des Bürgerkriegs außer Trümmern nicht viel übrig ist. Der Ehemann trägt einen Arm bandagiert. Splitterbombe, sagen sie. Deshalb übernimmt seine Frau das Kinderwagenschieben. Das Reden übernimmt sie auch, weil sie als Übersetzerin tadellos Englisch spricht. Und weil sie so wütend ist, dass es einfach heraus muss.

          Bild: F.A.Z.

          Wie Bittsteller, wie den letzten Dreck, wie Tiere habe man sie behandelt, sagt Bouta. Die kleine Familie gehörte zu den Flüchtlingen, die vor einer Woche in einem alten Stadion mitten in der Inselhauptstadt Kos unter sengender Sonne eingesperrt wurden. Alle sollten sich dort versammeln, um registriert zu werden, hatten die Beamten gesagt. Am Montag strömten tausend Menschen hinein, am Dienstag wohl noch einmal so viele. Dann schloss die Polizei die Türen und öffnete sie 18 Stunden lang nicht mehr. Ghazal Bouta und ihr Kind kauerten sich wie die anderen Frauen und Kinder an den Rand des leeren Stadions, wo Mauern und Bäume einen schmalen Schatten werfen. Die Männer standen in der Mitte und warteten.

          Griechenland nimmt am meisten Flüchtlinge auf

          Doch es geschah nicht viel. Zwei oder drei Polizisten nahmen quälend langsam die Pässe entgegen, von denen, die noch welche hatten, und füllten die Zettel aus, die Flüchtlinge brauchen, um in die griechische Hauptstadt weiterreisen zu können, wo sie Asyl beantragen können. Die Augustsonne brannte auf die Steine hinunter und es gab im Stadion kein Trinkwasser, keine Nahrung und fast keine Toiletten. „Können Sie sich das vorstellen?“, fragt Bouta. Nach einem Tag wurden selbst junge starke Männer ohnmächtig. Die Leute von „Ärzte ohne Grenzen“, der einzigen internationalen Hilfsorganisation vor Ort, schlugen Alarm. Als Ghazal Bouta und ihr Mann merkten, wie gefährlich die Lage wurde, kletterten sie mit ihrem zweieinhalb Jahre alten Kind über eine Mauer und einen Müllcontainer in die Freiheit.

          Weitere Themen

          Wegmarken der Merkel-Amtszeit Video-Seite öffnen

          Der Weg der Kanzlerin : Wegmarken der Merkel-Amtszeit

          Die Kanzlerschaft von Angela Merkel geht nach 16 Jahren zu Ende. In dieser Zeit hat die Kanzlerin große Krisen gemanagt und so manche historische Wende eingeleitet. Ein Rückblick auf die Amtszeit von Europas dienstältester Regierungschefin.

          Topmeldungen

          Die AfD-Spitzenkandidaten Alice Weidel und Tino Chrupalla im August in Schwerin.

          Machtkampf in der AfD : Geht Weidel, kommt Höcke?

          Um die AfD war es im Wahlkampf ziemlich still. Der Machtkampf in der Partei ist ausgesetzt. Welche Richtung sie nimmt, entscheidet sich kurz nach der Bundestagswahl.
          Die Banken wollen sie nicht mehr: Jede Menge liquide Mittel

          Kolumne: „Frag den Mohr“ : Sollte ich auf Strafzinsen reagieren?

          Viele Banken zahlen keine Zinsen auf die Geldanlage mehr, sie verlangen sogar Geld dafür. Höchste Zeit, um über die Qualität der Bank und die Geldanlage nachzudenken. Ein schneller Rat in zwei Minuten.

          Satire im Fernsehen : Böhmermann meint es ganz ernst

          Satire darf alles, heißt es. Aber soll sie so politisch einseitig und oberlehrerhaft wie beim ZDF sein? Dort will Jan Böhmermann bestimmen, wer diskursfähig ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.