https://www.faz.net/-gpf-7ineb

Algerische Lähmung : Bouteflikas ungewisse Zukunft

Den Stillstand diskutieren: Ein Café nahe der Altstadt von Algier Bild: Nick Hannes/Reporters/laif

Die Zukunft des kranken Präsidenten Abdelaziz Bouteflika ist nicht geregelt – und die Mächtigen in Algerien sind sehr nervös. Über einen möglichen Nachfolger wird noch immer gerätselt.

          4 Min.

          An Erneuerungsversprechen mangelt es nicht. Als der kranke algerische Präsident Abdelaziz Bouteflika vor einigen Wochen zum ersten Mal wieder eine Sitzung des Kabinetts leitete, ging es ihm um nicht weniger als um sein Versprechen, „unseren Kindern ein blühendes Land zu hinterlassen“. In der entsprechenden Erklärung war von Hoffnung, Effizienz und Transparenz in der Führung die Rede. Für jene Algerier, die nicht zur Staatsführung oder zu deren Profiteuren gehören, klingen solche Worte immer wieder zynisch. Denn ein echter Erneuerungswille ist nicht vorhanden. Die Wochenendausgabe der Zeitung „El Watan“ veröffentlichte Anfang des Monats auf ihrer Titelseite eine bissige Karikatur. Sie zeigte den Präsidenten als verwöhntes Kleinkind, das lieblos und rabiat mit seinen Spielfiguren – Männern in Uniform und Anzügen – umspringt. So gehe der Präsident, seit er 1999 an die Macht kam, mit den Institutionen, den Gesetzen und der Verfassung des Landes um, lautet die Botschaft. Vertreter der Zivilgesellschaft, Offiziere im Ruhestand und Oppositionspolitiker fordern, es müsse endlich echten Wandel geben, es müsse Platz für eine neue Generation geschaffen werden.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          In Algier herrscht dieser Tage selbst nach landestypischen Maßstäben auffällige Unruhe. Im April 2014 soll die Präsidentenwahl stattfinden. Doch Bouteflika hat seine Zukunft oder Nachfolge noch immer nicht geregelt. Der Präsident war im April nach Frankreich gebracht worden, weil er nach offizieller Darstellung einen „Mini-Schlaganfall“ erlitten hatte. Erst im Juli kehrte er zurück. Berichte und Spekulationen über seinen Gesundheitszustand waren mit harter Hand unterbunden worden. Doch die Frage, wie es nun weitergeht in dem Land, in dem trotz der Umbrüche in der Region weitgehend Stillstand herrscht, wird immer wieder gestellt. Die Krankheit des Präsidenten paralysiere das Land, hieß es am Wochenende in einem Zeitungskommentar. Nicht nur die kritische Presse ist ungeduldig.

          „Wahrscheinlich weiß er selbst nicht, was er vorhat“

          „Sie sind zurzeit sehr, sehr nervös“, sagt Adlène Meddi, Chefredakteur der Wochenendausgabe von „El Watan“. Er meint die Mächtigen des Landes, die unter dem Wort „Le pouvoir“ (die Macht) zusammengefasst werden. Weder ist klar, ob Bouteflika nicht nur alters-, sondern auch amtsmüde ist; es wird nicht ausgeschlossen, dass sich der Staatschef dafür entscheidet, noch einmal anzutreten, oder seine Amtszeit durch eine Verfassungsänderung verlängert. Noch immer wird gerätselt, wer Bouteflika nachfolgen könnte, sollte es tatsächlich einen neuen Kandidaten brauchen. „Wahrscheinlich weiß er selbst nicht, was er vorhat“, witzeln algerische Journalisten. Von „Theater“, gar einer „Komödie“ sprechen sie, wenn es um die auffällig kurzen Auftritte des Präsidenten im Staatsfernsehen geht. Sie können oft nur darüber spekulieren, was innerhalb des opaken Netzes an der Spitze des Staates ausgeheckt wird.

          Da wären der Präsident und sein Clan, der Geheimdienst DRS, die Armee, die Administration, die Präsidentenpartei Front de Libération Nationale (FLN), mächtige Familien und Wirtschaftsgrößen. Alle Akteure haben ihre eigenen Interessen, die es zu berücksichtigen gilt. Schon lange herrscht in der Führung Unmut über die „Analphabètes“ im Apparat, also jene, die ihre Posten lediglich guten Verbindungen verdanken. Auch soll es in der Armee Frust unter jungen Offizieren, die im Ausland studiert haben, geben, die sich ausgeschlossen fühlen, weil noch immer die alte und gestrige Garde die wichtigen Entscheidungen fälle.

          Weitere Themen

          Wieder Ausschreitungen in Beirut Video-Seite öffnen

          Bei Protesten : Wieder Ausschreitungen in Beirut

          Die Proteste richten sich gegen die politische Elite des Landes und führten Ende Oktober zum Rücktritt von Saad al-Hariri als Ministerpräsident.

          Topmeldungen

          Klimapaket : Weg frei für billigere Bahntickets

          CO2-Preis und Pendlerpauschale sollen steigen. Dafür werden Bahnfahrten günstiger. Die Bundesregierung und die Bundesländer haben sich jetzt doch weitgehend auf einen Kompromiss beim Klimapaket verständigt.

          Nach Wahlsieg : Die Heldengeschichten der Tories

          Nach dem Sieg in der Unterhauswahl will Boris Johnson die Bürokratie stärker auf seine Politik ausrichten, munkelt man – in Westminster löst das Unruhe aus. Wer zum Erfolg des Premiers entscheidend beigetragen hat, ist hingegen glasklar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.