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Algeriens starker Mann : Ahmed Gaïd Salah überraschend gestorben

Ahmed Gaid Salah am 19. Dezember bei der Amtseinführung des neuen Präsidenten Bild: AFP

Der Tod des Generalstabschefs trifft Algerien in einer kritischen Phase des Übergangs. Das Kräftegleichgewicht zwischen Politik und Armee gerät ins Wanken.

          3 Min.

          Am Donnerstag noch nahm Ahmed Gaïd Salah an der feierlichen Vereidigung des neuen algerischen Präsidenten teil. Am Montagvormittag kam die überraschende Meldung: Algeriens starker Mann ist tot. Der 79 Jahre alte Generalstabschef sei an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben, teilte die staatliche Nachrichtenagentur APS mit. Der neue Staatspräsident Abdelmadjid Tebboune handelte sofort und ernannte einen Nachfolger. Generalmajor Said Chengriha, der bisher das Heer kommandierte, soll vorerst Salahs Aufgaben übernehmen.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Der Tod des Generalstabschefs trifft Algerien in einer kritischen Phase des Übergangs. Nach Tebbounes Wahl am 12. Dezember wirkte Salah zufrieden. Für ihn war damit der wichtigste Teil seiner politischen Mission erfüllt. Seit Salah im Frühjahr den altersschwachen Staatspräsidenten Abdelaziz Bouteflika dazu genötigt hatte, seine fünfte Kandidatur zurückzuziehen, herrschte in Algerien ein verfassungsrechtliches Vakuum. Das Mandat des Übergangspräsidenten Abdelkader Bensalah war im Juli abgelaufen, als der erste Anlauf der Präsidentenwahl am Mangel an Kandidaten scheiterte. Alle politischen Fäden liefen schon damals bei Salah zusammen.

          Zunächst hatte sich der General, der im Januar 80 Jahre alt geworden wäre, auf die Seite der Demonstranten der Hirak-Bewegung gestellt und ihre Reformforderungen unterstützt. Doch bald galten ihre Proteste auch dem Militär, das Bouteflika in sein Amt gebracht hatte. Die Demonstranten wollen, dass die gesamte alte Garde abtritt – darunter auch der Generalstabschef. Noch im März hatte dieser loyal an Bouteflikas Kandidatur für eine fünfte Amtszeit festgehalten. Schon nachdem der Präsident 2013 einen Schlaganfall erlitten hatte, setzte sich Salah dafür ein, dass er Staatsoberhaupt bleibt. Bouteflika zeigte sich erkenntlich und ernannte ihn zum stellvertretenden Verteidigungsminister; das Ressort stellt den größten Haushaltsposten in Algerien.

          Salah war für Bouteflika immer ein verlässlicher Schutzschild – bis er seinen Förderer Anfang April angesichts der Massenproteste zum Rückzug zwang. Unfreiwillig wurde der politisch unerfahrene Berufssoldat zur mächtigsten Figur in dem rohstoffreichen Land: Der Generalstabschef sorgte dafür, dass die Sicherheitskräfte nicht gewaltsam gegen die Demonstranten vorgingen. Gleichzeitig verschloss er sich jedoch ihrer Forderung nach einem politischen Dialog und setzte unbeirrt die Präsidentenwahl am 12. Dezember durch, der dann mehr als 60 Prozent der Wähler fernblieben.

          Als Siebzehnjähriger hatte sich der aus einer berberischen Familie aus dem Nordosten des Landes stammende Salah dem Kampf für die algerische Unabhängigkeit angeschlossen. Später studierte er an einer sowjetischen Militärakademie. Als einer der am längsten amtierenden Generalstabschefs des Landes sorgte Salah für Ruhe nach turbulenten Zeiten. Während des Bürgerkriegs Ende des vorigen Jahrhunderts kommandierte er die Landstreitkräfte. Nach Bouteflikas Amtsantritt 1999 spielte er dann eine wichtige Rolle dabei, Terrorgruppen wie „Al Qaida im Islamischen Maghreb“ zu besiegen.

          Bouteflika verdanke er alles, soll Salah gesagt haben, nachdem der Präsident ihn 2004 zum Generalstabschef ernannte. Noch einflussreicher wurde er, als Bouteflika den militärischen Geheimdienst DRS auflösen ließ. Dessen Chef Mohammed Médiène galt bis dahin als die graue Eminenz im Land.

          Der neue Präsident hat keine Hausmacht

          Nach Bouteflikas Rückzug sorgte Salah dafür, dass von dessen alter Führung praktisch nichts übrigblieb. Im September wurden Mohammed Médiène und sein Nachfolger Athmane Tartag ebenso zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt wie Saïd Bouteflika, der jüngere Bruder des zurückgetretenen Präsidenten. Salah hatte sie und andere Oligarchen als „Bande“ beschimpft, die Algerien ausplünderten und die Verfassung verletzten.

          Nach seinem überraschenden Tod und der Präsidentenwahl muss sich in Algerien das Kräftegleichgewicht zwischen der Politik und der Armee, die seit der Unabhängigkeit immer eine Schlüsselrolle gespielt hatte, spätestens dann neu austarieren, wenn die drei Tage Staatstrauer für Salah vorüber sind. Der neue Präsident Tebboune hat keine eigene Hausmacht. Er war als unabhängiger Politiker angetreten und galt für viele als Kandidat der Armee. Die Protestbewegung lehnt ihn bisher ab, obwohl er den Regimegegnern Gespräche und Zugeständnisse anbietet, die Salah zuvor verweigert hatte.

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