https://www.faz.net/-gpf-9lkpr

Staatspräsident Bouteflika : Der Mann, der ganz Algerien war

„Ich bin ganz Algerien“, verkündete Bouteflika während seines Wahlkampfs vor 20 Jahren. Bis zuletzt schien er zu glauben, dass es nur mit ihm Stabilität und Ruhe in seinem Land geben könne. Der 1937 in der marokkanischen Stadt Oujda geborene Bouteflika verkörpert die Geschichte Algeriens, das sich im Jahr 1962 von Frankreich löste. Im Unabhängigkeitskrieg war er Befehlshaber an der „Mali-Front“ in der Sahara. 1963 wurde er mit 26 Jahren Außenminister und blieb es bis 1978, als sein Mentor und Förderer Houari Boumedienne starb und ihn selbst eine Finanz- und Korruptionsaffäre ins Ausland trieb.

Bouteflika erlebte damals am eigenen Leib, dass die Armee bei der Nachfolgeregelung des Präsidenten das letzte Wort hat – so wie jetzt auch. Erst Ende der achtziger Jahre kehrte er nach Algerien zurück. Er hatte in Frankreich, der Schweiz und den Vereinigten Arabischen Emiraten gut gelebt. In seiner Heimat begann gerade der Bürgerkrieg, dessen tiefe Wunden er zehn Jahre später zu heilen versuchte.

Generalamnestie mit kleinen Einschränkungen

Die erste Amnestie, die Bouteflika dem bewaffneten Arm der FIS anbot, war schon weitgehend ausgehandelt, als er 1999 sein Amt übernahm. Im Sicherheitsapparat setzte sich Bouteflika gegen die sogenannten Ausrotter durch, die den bewaffneten Gegnern nur mit Gewalt begegnen wollten. Eine politische Auseinandersetzung mit den Islamisten, die der Gewalt abschworen, blieb jedoch in den Anfängen stecken. Die „nationale Versöhnung“ war Bouteflikas wichtigstes politisches Projekt. Zwei Volksabstimmungen ließ er dazu abhalten.

Im Referendum im September 2005 stimmten fast hundert Prozent der Wähler für die von ihm vorgeschlagene „Charta für Frieden und nationale Aussöhnung“, eine Art Generalamnestie mit kleinen Einschränkungen. Sie sollte nach seiner Vorstellung helfen, nach dem Jahrzehnt des Terrors „eine neue Seite aufzuschlagen“. Angeblich hoffte Bouteflika, dafür den Friedensnobelpreis zu erhalten.

Andere Reformen kamen dagegen kaum voran. Als Präsident profitierte Bouteflika zusammen mit den Kräften, die ihn stützten, vom hohen Ölpreis. Dann fiel dieser vor fünf Jahren um mehr als 50 Prozent. Die algerische Wirtschaft hängt zu mehr als 90 Prozent von den Erlösen aus dem Export von Erdgas und Erdöl ab; sie machen rund zwei Drittel der Steuereinnahmen aus. Mit den reichlich sprudelnden Rohstofferlösen erkaufte sich Bouteflikas Regime den sozialen Frieden und stellte gleichzeitig eine kleine Elite zufrieden, die sich immer schamloser bereicherte.

In Algier legte man zum Beispiel ein ehrgeiziges Bauprogramm auf, das die akute Wohnungsnot bekämpfen sollte. Aber es gelang nicht, Arbeitslosigkeit und Armut in den Griff zu bekommen sowie die Infrastruktur des riesigen Landes entscheidend voranzubringen, das vom Wohlstand anderer Ölstaaten weit entfernt blieb. Ein Drittel der jungen Algerier hat heute keine Arbeitsstelle. Nach dem Beginn der Arabellion im Frühjahr 2011 und später flammten auch in Algerien immer wieder Proteste auf, die jedoch die Machthaber nie ernsthaft gefährdeten.

Weitere Themen

Topmeldungen

Armin Laschet nach der Präsidiumssitzung der CDU am Montag in Berlin

Laschet in Not : Warten auf die Wende

Die launige Stimmungsdemokratie tut Laschet nicht den Gefallen einer „Wende“ durch die Medien. Auf die konnte sich die CDU noch nie verlassen. Aber das war und ist nicht die Schwäche der Union, sondern ihre Stärke.
Justin Trudeau, Parteivorsitzender der Liberalen, wird den Prognosen nach Premierminister von Kanada bleiben.

Prognosen : Trudeaus Liberale gewinnen Kanada-Wahl

Premier Justin Trudeau hatte Neuwahlen ausgerufen, um in Kanada mit absoluter Mehrheit regieren zu können. Ersten Ergebnissen zufolge haben seine Liberalen die Wahl gewonnen – doch ob es für mehr als die Hälfte der Mandate reicht, blieb zunächst unklar.
Frank Plasberg wollte anhand von Leitfragen die Unterschiede zwischen den Parteien deutlich machen.

TV-Kritik Hart aber fair : Die Nato wird wohl nicht aufgelöst

Frank Plasberg hat sich kurz vor der Wahl etwas Besonderes ausgedacht. Mit Leitfragen will er die Unterschiede zwischen den Parteien deutlich machen. Doch am Ende entgleitet es ins Aberwitzige.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.