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Alexis Tsipras : Der pokernde Asterix von Athen

Der Anführer der Radikalen Linken, Alexis Tsipras, hat das Erpressungspotential von Griechenlands Misere erkannt Bild: AFP

Der Anführer der Radikalen Linken, Alexis Tsipras, traf an diesem Dienstag in Berlin Gregor Gysi und Klaus Ernst. Anders als die Deutschen kann der begeisterte Comicleser auf einen weiteren Wahlerfolg hoffen. Wohin will der Grieche sein Land führen?

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          Charles Dallara, der Direktor des Internationalen Bankenverbands IIF, warnte nach der Parlamentswahl in Griechenland eindringlich vor dem „Grexit“, dem Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone. Die Folgen seien höchstwahrscheinlich nicht beherrschbar und lägen für die anderen Eurostaaten irgendwo „zwischen Katastrophe und Armageddon“.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Ein „Grexit“ bedrohe nicht nur die Europäische Zentralbank und alle Finanzinstitutionen, sondern die Weltwirtschaft, sagte der Amerikaner und forderte eine „substantielle Änderung“ der europäischen Krisenpolitik: weniger kurzfristige Kürzungen, dafür mehr langfristige Haushaltsdisziplin und strukturelle Reformen, außerdem noch mehr finanzielle Unterstützung für Krisenstaaten. Sonst: finanzieller Weltuntergang, Ansteckung der anderen Krisenländer. Weltbankpräsident Zoellick schloss sich an: „Die Kernfrage ist nicht Griechenland, sondern Spanien und Italien.“

          „Europa in großer Gefahr“

          Alexis Tsipras, Chef des von splitterparteilichen Anfängen zur zweitstärksten politischen Kraft Griechenlands aufgestiegenen „Bündnisses der radikalen Linken“, sagt zu derselben Frage: „Die Austeritätsmaßnahmen bringen Europa in große Gefahr. Wenn Griechenland zur Drachme zurückkehrt, wird die Eurozone am nächsten Tag eine große Katastrophe erleben.“

          Sofort nach Griechenlands Austritt würden sich die Märkte nämlich das nächste Ziel aussuchen, „und das wird Italien oder Spanien sein“, so Tsipras.

          Dallara und Zoellick stehen ebenso wenig im Verdacht, Linksradikale zu sein, wie sich Tsipras Sympathie für Banken und Banker nachsagen lässt. Alle drei vertreten nur ihre Klientel. Die einen die Banken, die bei einem Bankrott Griechenlands auf jenem Rest ihrer Forderungen sitzen blieben, den sie noch nicht der Allgemeinheit aufbürden konnten. Der andere seine Wähler, die einen allzu menschlichen Wunsch haben: Sie möchten morgen nicht schlechter leben als gestern.

          So kommt es, dass sich zwar nicht die Ziele, aber die Argumente der Banker und des Linksradikalen überschneiden. Tsipras ist kein Wirtschaftsfachmann, aber er übernimmt zentrale Argumente der Finanzmoguln (abgesehen von deren Forderung nach Strukturreformen, die er ablehnt), zum Teil sogar wörtlich. Er hat das Erpressungspotential von Griechenlands Misere erkannt. Tsipras lernt schnell. Das hat ihn schon immer ausgezeichnet.

          Sensation bei der Wahl

          Schon bei der Bürgermeisterwahl in Athen im Oktober 2006 wurde das deutlich. Tsipras, damals 32 Jahre alt, trat für eine linke Kleinstpartei an und führte einen für Athener Verhältnisse ungewöhnlichen Wahlkampf. Er ging in die Stadtteile, unterstützte Bürgerinitiativen, putzte Klinken. Das wäre den Kandidaten der beiden damaligen Volksparteien Pasok und Nea Dimokratia nie eingefallen. Sie hielten große Kundgebungen ab, und ihre Wahlkampfstäbe verteilten Posten, versprachen Jobs. Wie immer. Tsipras hatte nichts zu verteilen, aber er konnte den Leuten zuhören. Am Wahlabend dann die Sensation: 10,5 Prozent für Tsipras.

          Bald darauf übernahm er die Führung des „Bündnisses der radikalen Linken“, Syriza. Giorgos Papandreou, damals noch Chef der in jenen Jahren das linke Spektrum dominierenden sozialistischen Pasok, erkannte die Gefahr, die sich da links von seiner Partei zusammenbraute. Er warb für ein Bündnis und lud Tsipras im März 2008 sogar ein, auf dem Pasok-Parteitag zu sprechen. Der nahm an - und versetzte Papandreou hinterher eine schallende Ohrfeige: „Sie wollen uns zwei oder drei Ministerien zum Spielen geben, am Rande des Gartens. Liebe Freunde der Pasok, wir danken euch für euer freundliches Angebot, aber wir schlagen es aus.“

          Die Nachricht war eindeutig: Als Juniorpartner war Tsipras nicht zu haben. Der fesche Nachwuchsdemagoge, Jahrgang 1974, erkannte früh, dass der Zuspruch für die beiden Volksparteien von Wahl zu Wahl abnahm. Das Zweiparteiensystem sei tot, verkündete er schon, als die Bonzen von Nea Dimokratia und Pasok noch glaubten, sie könnten sich ewig beim Regieren abwechseln.

          Tsipras hebt sich durch jugendlich wirkende Frische von der hellenischen Gerontokratie ab. Der begeisterte Comicleser - nichts gegen Obelix, aber für die griechische Linke sei Asterix das bessere Vorbild, sagte er in einem Interview - trägt zwar Anzüge, aber nie Krawatte. Während die anderen Parteiführer vergangene Woche in ihren Limousinen zu den Krisentreffen bei Staatspräsident Papoulias vorfuhren, parkte Tsipras sein Motorrad vor dem präsidialen Anwesen. Einmal kam er zu Fuß. Er kann es sich erlauben, durch die Stadt zu gehen. Anders als die Politiker der etablierten Parteien wird Tsipras nicht beschimpft oder mit Joghurt beworfen. Das kam ihm auch im Wahlkampf zugute. Tsipras konnte unter die Leute gehen, ohne dass solche Auftritte zum PR-Debakel wurden.

          Doch wie lange noch? Der Asterix von Athen pokert unfassbar hoch, sein Einsatz ist das Schicksal von elf Millionen Griechen. Tsipras droht damit, dass Griechenland bei seinem Untergang ganz Europa und vor allem Deutschland mitreißen werde. „Nicht nur Griechenland wird Probleme haben, wenn wir zu einem ungeordneten Staatsbankrott geführt werden. Ein griechischer Bankrott würde Deutschland 500 Milliarden Euro kosten“, sagte er im Februar in einem Interview.

          Aber mit solchen Drohungen verhält es sich wie mit Atombomben. Wer sie besitzt, hat Macht. Aber wer sie einsetzt, vernichtet auch sich selbst. An die Macht gelangt, würde deshalb auch Alexis Tsipras, der potentielle Herr über die Athener Schuldenbombe, verhandeln und Kompromisse eingehen müssen - also zu einem jener Politiker werden, die die Griechen so verabscheuen.

          Klaus Ernst, der Vorsitzende der Linkspartei, deren Fraktionschef im Bundestag, Gregor Gysi und der Anführer der „Radikalen Linken“ in Griechenland, Alexis Tsipras

          „Alternativen zu Austeritätspolitik“

          Die Wahlen in Griechenland und Frankreich zeigten, dass eine Linkspartei durchaus erfolgreich sein könnte, sagte der Vorsitzende der deutschen Linkspartei, Klaus Ernst, bei einem gemeinsamen Auftritt mit dem Vorsitzenden des griechischen linksradikalen Bündnisses Syriza, Alexis Tsipras, in Berlin. Zusammen mit Gregor Gysi, dem Vorsitzenden der Linke-Fraktion im Bundestag, stellten die Vorsitzenden „Alternativen zu Austeritätspolitik und Bankenrettung“ vor. Tsipras sagte, er bitte „um die Solidarität der Völker in Deutschland und Frankreich“.

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