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Albinos in Tansania : Mord aus Aberglauben

  • -Aktualisiert am
In einer Schule in Kabanga im Westen von Tansania finden Albinos Schutz
          7 Min.

          Sie hat sie nicht kommen hören; nicht das Aufstemmen der windschiefen Tür und auch nicht das Tappen ihrer Füße, als sie den Schlafraum der armseligen Hütte betraten. Wach geworden sei sie erst, als sie vom Schein einer Taschenlampe geblendet wurde und ihr gleichzeitig jemand mit einer Machete auf die Schulter klopfte. "Sei ruhig", habe jemand gezischt, "sonst stirbst du." Das Nächste, was die zwölf Jahre alte Mindi Fimbo wahrnahm, waren die Schatten von zwei Männern, die sich auf ihre fünf Jahre alte Schwester Mariam stürzten, die neben ihr auf einer Matte schlief - ihre kleine Schwester, die Mindi stets vor den Hänseleien der anderen Kinder beschützt hatte. "Zeru Zeru" hatten sie Mariam gerufen, was heißen soll, sie sei ein Geist. Das Mädchen litt an Albinismus.

          Mindis Erzählung stockt, das Mädchen schaut sich hilfesuchend um, findet den Blick ihres Großvaters, dem jetzt ebenso wie der Enkelin Tränen in den Augen stehen. Der Alte nickt dem Mädchen zu. "Der eine Mann hat Mariam gepackt", flüstert Mindi, "und der andere hat sofort zugeschlagen." Mit einem Machetenhieb, dessen trockenes Geräusch sie niemals vergessen wird, schlugen die Männer Mariam den Kopf ab. Im Schein der Taschenlampe sah Mindi, wie die Männer Mariam danach das linke Bein gleich unterhalb ihres Gesäßes abhackten, dann das rechte. "Sie haben ihr Blut in einer Schale aufgefangen und es getrunken. Dann haben sie den Kopf und die Beine in einen Sack gepackt und sind verschwunden."

          Starker Zauberer, unglaublicher Reichtum

          Mindi war derart geschockt, dass es Minuten gedauert hat, bis sie in der Lage war, in den Nebenraum der Lehmhütte zu stürzen, in der ihr Großvater schlief. "Opa hört nicht gut", sagt Mindi Fimbo. Ihr Großvater hatte nichts mitbekommen. Die Täter wussten das nur allzu gut. Genauso wie sie wussten, dass das kleine Albino-Mädchen nie bei seinen Eltern, sondern immer bei seinem Großvater übernachtete. Die Mörder waren Nachbarn des alten Mabula Fimbo.

          Für einen kleineren Zauber reichen auch schon Finger. Oder ein Auge
          Für einen kleineren Zauber reichen auch schon Finger. Oder ein Auge : Bild: Reuters

          Der Mord an Mariam Fimbo ereignete sich am 21. Februar 2008. Sie war das 36. Opfer einer unheimlichen Reihe bestialischer Ritualmorde, die seit nunmehr drei Jahren die Gemeinschaft der Albinos in Tansania terrorisiert. Knapp 50 Tote hat der Wahnsinn bislang gefordert, die meisten davon in der Region von Mwanza am Viktoriasee. Der Hintergrund sind Zauberei und der Glaube an deren Verheißungen. Man sagt, dass ein starker Zauberer seinem Kunden unglaublichen Reichtum bescheren kann, sofern der Zauber mit den Gliedmaßen eines Albinos ausgeführt wird, mit ihren Ohren, ihren Geschlechtsteilen oder ihren Zungen. Für einen kleineren Zauber reichen auch schon Finger. Oder ein Auge.

          Albino-Körper werden für Unsummen gehandelt. 1,8 Millionen Shilling (rund 11.000 Euro) bringt ein abgehacktes Bein. Der Irrsinn hat bereits Nachahmungstäter im benachbarten Burundi gefunden, wo elf Albinos getötet wurden. Die Mörder hatten ausgesagt, ihre "Ware" in Tansania verkaufen zu wollen. Die Kunden der makabren Hexengerichte sind Goldgräber, die gemahlene Albino-Knochen in ihre Schächte werfen, in der Hoffnung, auf eine fette Goldader zu stoßen. Es sind die Fischer am Viktoriasee, die Albino-Haut an ihre Boote nageln, damit ihnen anschließend Barsche mit Gold im Bauch ins Netz gehen. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Selbst Politiker und Sportler stehen im Verdacht, die Dienste der blutigen Hexenmeister in Anspruch zu nehmen. "Nur darüber spricht niemand", sagt Al-Shaymaa John Kwegyir, die Albino-Beauftragte der tansanischen Regierung.

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