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Logbuch der Alan Kurdi (3) : Kräfte sparen

  • -Aktualisiert am

Das Deck der „Alan Kurdi“ Bild: FAZ.NET / Julia Anton

Die „Alan Kurdi“ hat abgelegt. Bis sie in der Such- und Rettungszone vor Libyen ankommt, wird es allerdings noch eine Weile dauern – bis dahin sind die Gedanken der Crew bei der „Sea-Watch 3“.

          Das Pflaster gegen Seekrankheit kratzt ein bisschen hinter dem Ohr. Außerdem macht es müde, da hilft selbst Kaffee nichts. Am ersten Vormittag auf See ist es deshalb ungewöhnlich ruhig auf der „Alan Kurdi“. Diejenigen, denen der Seegang zu schaffen macht, haben sich nach dem Frühstück nochmal hingelegt – in ihre Kajüte, auf die Bänke im Aufenthaltsraum oder einfach an Deck.

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Zumindest die freiwillige Crew hat noch etwas Zeit, sich an das Schaukeln der Wellen und aneinander zu gewöhnen. 20 Personen aus sechs verschiedenen Nationen verbringen die nächsten Wochen auf dem ehemaligen Forschungsschiff. Einen großen Teil der Mission nimmt aber zunächst die Anfahrt ein: Die angesteuerte Such- und Rettungszone (SAR-Zone) zwischen Libyen, Malta und Italien ist fünf bis sechs Tage Fahrt von Burriana entfernt, je nach Wetter.

          Zu Beginn waren die meisten Schiffe der Nichtregierungsorganisationen (NGOs) noch im Hafen der maltesischen Hauptstadt Valletta stationiert. Doch inzwischen ließen die Malteser sie nicht mehr einlaufen, erklärt Einsatzleiter Gorden Isler. Italienische Häfen seien ebenfalls keine Option. Die letzten Missionen der Sea-Eye sind deshalb bereits vom deutlich weiter entfernten Palma de Mallorca gestartet. Für die turnusgemäße Kontrolle im Trockendeck kam die „Alan Kurdi“ aber in die Werft in Burriana, sie gilt als erfahren im Umgang mit NGOs. Der Weg in die SAR-Zone kostet die Crew deshalb aber mindestens einen weiteren Tag – und auch eine entsprechend höhere Menge an Treibstoff.

          Neben „Geht‘s dir schon besser?“ ist am Donnerstag und am Freitagvormittag die häufigste Frage auf dem Schiff „Gibt es Neuigkeiten von der Sea-Watch 3?“ Deren Kapitänin Carola Rackete ist am Vortag nach einer zweiwöchigen Blockade mit mehr als 42 Geflüchteten an Bord ohne Genehmigung in italienische Gewässer eingefahren. Wegen eines erst vor Kurzem von der italienischen Regierung verabschiedeten Dekrets drohen Rackete unter Umständen eine Haftstrafe und bis zu 50.000 Euro Bußgeld. „Ich weiß, was ich riskiere, aber die 42 Geretteten sind erschöpft. Ich bringe sie jetzt in Sicherheit“, erklärte die Kapitänin. Salvini äußerte sich verärgert auf Twitter: Italien werde die Flüchtlinge auf keinen Fall aufnehmen, die Häfen seien geschlossen. Die insgesamt deutlich gesunkenen Zahlen derer, die in diesem Jahr in Europa angekommen, sieht er als Erfolg seiner Politik. Der Innenminister sieht den Flaggenstaat der „Sea-Watch 3“, die Niederlande, in der Verantwortung für die Geflüchteten an Bord.

          Die italienischen Behörden haben die Crew der „Sea-Watch 3“ inzwischen kontrolliert und zwei weitere Gerettete als medizinischen Notfall an Land gebracht. Auf der „Alan Kurdi“ steht man hinter Rackete und ihrer Crew. „Wir sind besorgt und verurteilen politische Strategie Italiens, die völkerrechtlichen Verpflichtungen der Kapitänin zu konterkarieren. Matteo Salvinis jüngste Entscheidungen sprechen für sich selbst“, fasst Isler zusammen. Gemäß internationalem Seerecht müssen aus Seenot Gerettete in den nächsten sicheren Hafen gebracht werden. Libysche Häfen gelten dabei nicht als sicher. Gleichzeitig sind andere Küstenstaaten aber nicht verpflichtet, Schiffen mit Geretteten das Anlegen zu erlauben, solange das Schiff sich nicht selbst in einer Notlage befindet. Auf die „Alan Kurdi“ lässt sich die Situation der „Sea-Watch 3“ dabei nicht übertragen: Das Schiff ist kleiner als die „Sea-Watch 3“ und fährt unter deutscher Flagge.

          Aufgeben will die Sea-Eye mit Blick auf die Blockaden und der Kriminalisierung der privaten Seenotrettung auf dem Mittelmeer nicht. Mehr als zwei Wochen lang war kein einsatzbereites Schiff einer NGO in der SAR-Zone. „Die Menschen fahren trotzdem los. Wie viele sterben, lässt sich kaum noch dokumentieren.“ Neben der Crew der Sea-Eye hat auch das Schiff der spanischen NGO „Proactiva Open Arms“ am Mittwoch abgelegt, sie wird vor der „Alan Kurdi“ da sein. Die Crewmitglieder hoffen, dass sich die EU-Staaten möglichst bald auf einen Verteilmechanismus einigen. In den Sommermonaten steigen die Überfahrten für gewöhnlich an, manche Boote schaffen es sogar bis Lampedusa, andere werden vom maltesischen oder italienischen Militär gerettet oder noch von der libyschen Küstenwache abgefangen. Wieder andere werden gemeldet, aber nie gefunden.

          Auch am Nachmittag bleibt es ruhiger auf der „Alan Kurdi“. Wer sich fit fühlt, schrubbt das Deck oder geht kleinere Reparaturen an, die noch ausstehen. Am Freitag wird bei einem Zwischenstopp in Palma noch fehlender Proviant und Ersatzteile aufgestockt. Alles in allem heißt es aber: Kräfte aufsparen für die SAR-Zone.

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