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Foto: Julia Anton

„Ohne euch wären wir
wahrscheinlich tot“

Von JULIA ANTON
Foto: Julia Anton

02.08.2019 · Sie kreuzen im Mittelmeer, sie starren durch Ferngläser, sie warten auf Notrufe, und sie retten Migranten. Dann beginnt der heikelste Teil der Mission. Drei Wochen an Bord der „Alan Kurdi“.

F ür Gorden Isler ist es jedes Mal ein Wunder, wenn die „Alan Kurdi“ in See sticht. Er sagt das nicht leichtfertig dahin. Immerhin ist das Schiff fast siebzig Jahre alt. Das merken vor allem die drei Ingenieure, die im Maschinenraum bei mehr als vierzig Grad im Dauereinsatz sind: Ständig klappert oder spritzt irgendetwas, das eigentlich nicht klappern oder spritzen sollte. Das einstige Forschungsschiff gehört seit vorigem Jahr dem deutschen Verein „Sea-Eye“, der Migranten vor dem Ertrinken im Mittelmeer bewahren will. Am Mittwoch hat Isler mitgeteilt, dass am frühen Morgen vor Libyen vierzig Menschen aufgenommen worden seien. Sogar ein Baby, zwei Kleinkinder und eine schwangere Frau hätten in dem Schlauchboot gesessen. Die Migranten hätten berichtet, sie seien nachts in der rund dreißig Seemeilen entfernten libyschen Küstenstadt Tagiura aufgebrochen.


„Was auf dem Mittelmeer passiert, ist unfassbar.“
Marcel Ditt, Politikstudent

Isler weiß, dass der Crew der heikelste Teil der Mission noch bevorsteht: die Suche nach einem „sicheren Hafen“. Schließlich war der 37 Jahre alte Hamburger, von Beruf eigentlich Versicherungsmakler, beim vorigen Mal selbst an Bord. Als Einsatzleiter musste er Anfang Juli damit umgehen, dass die „Alan Kurdi“ wieder einmal zwischen die Fronten des europäischen Migrationsstreits geriet. „Sea-Eye“ will, dass die Öffentlichkeit von seiner Arbeit erfährt. Deshalb war auch die Autorin dieser Zeilen 22 Tage lang an Bord.

Die freiwilligen Crewmitglieder berichten von menschlichen Gesten in größter Not. Video: F.A.Z.

Die Reise beginnt in Burriana, einem spanischen Hafen nahe Valencia. Die „Alan Kurdi“ ist 39 Meter lang und eigentlich nur für zwanzig Besatzungsmitglieder und Passagiere zugelassen. Sie fährt unter deutscher Flagge, doch in der Crew sind fünf Nationalitäten vereint. Der Großteil trifft fünf Tage vor Abfahrt in Burriana ein: acht „professionelle“ Seeleute, darunter Kapitän Waldemar Mischutin, und zehn Freiwillige. Für den pensionierten Arzt Rainer Blendin ist es der vierte Einsatz. Der Rettungssanitäter und Politikstudent Marcel Ditt sowie die Medizinstudentin Marianne Kohler sind zum ersten Mal dabei, ebenso die Italienerin Marica Sabia, die seit zehn Jahren mit Migranten arbeitet. In der Vorstellungsrunde hört man immer wieder einen Satz: „Was auf dem Mittelmeer passiert, ist unfassbar.“

Die „Alan Kurdi“ wurde nach dem Jungen benannt, dessen Leiche 2015 an einem türkischen Strand gespült wurde. Als das Schiff Ende Juni zu seiner vierten Mission aufbricht, hat die Internationale Organisation für Migration (IOM) für 2019 bereits mehr als 340 Todesfälle im zentralen Mittelmeer gezählt. Ende Juli, nur einen Monat später, sind es schon 576. Im Vergleich zu den Vorjahren ist das wenig, aber Isler traut den Zahlen nicht: „Es ist ja kaum mehr jemand vor Ort, der dokumentiert, was auf dem Mittelmeer passiert.“

Grafik: Christine Sieber

Nach einigen Übungstagen legt die „Alan Kurdi“ ab. Die Kajüten mit ihren Doppelstockbetten befinden sich unter Wasser im Bauch des Schiffes. Eine Ebene darüber liegen Hauptdeck, Hospital, Kombüse und Aufenthaltsraum. Darüber kommt die Brücke und ganz oben das „Affendeck“, wo zum Beispiel Wäsche aufgehängt wird. Unter Deck staut sich die Hitze. Duschen darf die Crew an jedem zweiten Tag. Vor Abfahrt sind mehr als 2000 Liter Flaschenwasser, jeweils mehr als hundert Kilo Reis, Couscous und Pasta sowie Unmengen von Obst und Gemüse an Bord verstaut worden. Planmäßig ist die Besatzung zwar nur drei Wochen unterwegs, doch sie muss damit rechnen, in eine Blockade zu geraten. Die „Sea-Watch 3“ etwa harrt zum Zeitpunkt des Aufbruchs schon seit zwei Wochen vor Lampedusa aus. Auch die „Alan Kurdi“ hatte bereits zweimal rund zehn Tage vor Malta auf Einfahrt in einen Hafen warten müssen.


„Es ist ja kaum mehr jemand vor Ort, der dokumentiert, was auf dem Mittelmeer passiert.“
Gorden Isler, Einsatzleiter

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