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„Charlie Hebdo“-Anschlag : Die Jagd nach den Hintermännern

Aqap-Kommandeur Nasser bin Ali al Anassi bezichtigt seine Organisation als Organisator des Anschlags auf „Charlie Hebdo“. Bild: EPA/AL-MALAHEM MEDIA/HANDOUT

Immer mehr Spuren deuten darauf hin, dass der jemenitische Ableger von Al Qaida tatsächlich hinter dem Angriff auf die Zeitschrift „Charlie Hebdo“ steckt. Französische Ermittler setzen weitere Puzzleteile zusammen.

          Es mehren sich die Hinweise, dass der Angriff auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in direktem Zusammenhang mit dem jemenitischen Al-Qaida-Ableger steht. In einem nun im Internet veröffentlichten Video hat sich die Gruppe zu dem Anschlag bekannt. „Die gesegnete Schlacht um Paris betreffend erklären wir, die Organisation Al Qaida auf der Arabischen Halbinsel (Aqap), dass wir die Verantwortung für diese Operation aus Vergeltung für den göttlichen Botschafter übernehmen“, sagte der Aqap-Kommandeur Nasser bin Ali al Anassi. „Es wurden Helden rekrutiert, und sie haben gehandelt.“ Al Qaida habe das Ziel des Anschlags ausgewählt, die Operation finanziert und deren Chef rekrutiert. „Die Operation ist im Auftrag von Ayman al Zawahiri und im Einklang mit dem Willen Usama Bin Ladins durchgeführt worden“, sagte al Anassi.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Nicht endgültig geklärt ist weiterhin die Art der Zusammenarbeit der Brüder Kouachi mit dem Terroristen Amedy Coulibaly, der hinter der Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt steckt. In dem jüngsten Aqap-Video wird das Zusammenwirken als zufällig dargestellt. Coulibaly hatte sich in einem Video als Anhänger der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) dargestellt, die mit Al Qaida verfeindet ist und um Aufmerksamkeit konkurriert. Andererseits kennt Chérif Kouachi den Extremisten Coulibaly schon seit 2005; beide waren zur gleichen Zeit im Gefängnis. Es wäre also gut möglich, dass sie sich abgesprochen haben.

          Von französischen Ermittlern wurde darauf hingewiesen, dass das Video vom Mittwoch im Einklang mit den Angaben der Kouachi-Brüder steht. Chérif Kouachi hatte am Freitag während der Belagerung der Druckerei in Dammartin-en-Goële mit einem Journalisten des Fernsehsenders BFM-TV telefoniert. In dem erst nach Ende des Einsatzes ausgestrahlten Mitschnitt sagte der jüngere der Brüder, er arbeite im Auftrag von Al Qaida im Jemen. Anwar al Aulaqi habe ihn ausgebildet. Der amerikanisch-jemenitische Dschihad-Ideologe Aulaqi diente als Al-Qaida-Anwerber im Jemen und wurde im September 2011 bei einem amerikanischen Drohneneinsatz getötet.

          Saïd Kouachi soll nach Augenzeugenberichten in der Redaktion von „Charlie Hebdo“ ebenfalls gesagt haben, er handle im Auftrag von Al Qaida. Schon am Freitag war eine Erklärung von Al Qaida im Jemen aufgetaucht, die den Terrorangriff von Paris als Vergeltungsaktion darstellte, mit der „die Ehre des Propheten in Paris verteidigt wurde“.

          Gründliche Vorbereitung der Anschläge

          Französische Ermittler haben der Zeitung „Le Figaro“ bestätigt, dass Saïd Kouachi schon 2009 in den Jemen reiste. Der Franko-Algerier besuchte Arabischkurse an der „Sanaa Language School“ in der jemenitischen Hauptstadt. Wer die Kosten des Sprachaufenthalts trug, ist unklar, aber alles deutet darauf hin, dass Al Qaida Kouachi schon angeworben hatte, denn der junge Mann war mittellos und ohne Eltern. Im Alter von 14 Jahren kam Saïd Kouachi zusammen mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder in ein Heim der Stiftung Claude Pompidou in der Corrèze, der Wahlheimat von Präsident François Hollande. Dort blieb er bis zu seinem 18. Geburtstag und schlug sich dann mit Gelegenheitsjobs durch.

          In Sanaa war Saïd Kouachi in einem Studentenheim in der Altstadt untergebracht. Dort soll er nach Informationen des „Wall Street Journal“ Freundschaft mit einem anderen Sprachschüler, dem Nigerianer Umar Faruk Abdulmutallab, geschlossen haben. Abdulmutallab ist in Amerika inhaftiert, weil er versucht hatte, am 25. Dezember 2009 auf dem Flug von Amsterdam nach Detroit einen in seiner Unterwäsche versteckten Sprengsatz zu zünden. Saïd Kouachi soll sich auch 2010 und 2011 überwiegend im Jemen aufgehalten haben. Er wurde jedoch immer seltener in der Sprachschule gesichtet. Chérif Kouachi reiste im Juli 2011 nach Oman. Die französischen Ermittler vermuten, dass er nicht in Oman blieb, sondern in den benachbarten Jemen weiterreiste, um seinen Bruder zu treffen.

          Die Oman-Reise deutet auf eine der vielen französischen Überwachungspannen hin: Eigentlich hätte Chérif Kouachi, der 2005 wegen Zugehörigkeit zu einer terroristischen Vereinigung verurteilt und 2010 von der Polizei von neuem verhört worden war, das französische Staatsgebiet nicht verlassen dürfen. Der zuständige Staatsanwalt François Molins bestätigte, dass Chérif Kouachi in den Jemen gereist war. Wie aus Dokumenten, die von den jemenitischen Sicherheitsbehörden nach Frankreich übermittelt wurden, hervorgeht, haben die Brüder im Sommer 2011 in der Wüste von Marib ein Aqap-Trainingslager besucht. Sie seien dort auch mit Anwar al Aulaqi zusammengekommen. Am 15. August kehrten beide Brüder nach Frankreich zurück, ohne von der Polizei behelligt zu werden. Ebenso wie Amedy Coulibaly standen sie auf der amerikanischen Flugverbotsliste.

          Ihren Anschlag auf „Charlie Hebdo“ bereiteten die Brüder gründlich vor. So berichtete die Wochenzeitung „Le Canard Enchaîné“ am Mittwoch, dass vor knapp einem halben Jahr zwei Männer in bedrohlichem Tonfall einen Passanten in der Rue Appert befragten, wo genau der Redaktionssitz von „Charlie Hebdo“ liege. Der Befragte, ein Journalist von einer in der Nähe untergebrachten Agentur, war über das Verhör auf offener Straße so irritiert, dass er es im Polizeikommissariat des 11. Arrondissement meldete. Er beschrieb die beiden Männer und hinterließ ihr Autokennzeichen. Die Polizisten nahmen alles auf - aber erst nach dem Blutbad wurden die Unterlagen wieder hervorgeholt.

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