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Al Qaida : Bricht Bin Ladin mit Zarqawi?

Neue Drohung: Usama bin Ladin Bild: AFP

Nach 13 Monaten Schweigen hat sich der Führer von Al Qaida wieder zu Wort gemeldet. Es bleiben Fragen: Deutet die jüngste Botschaft einen Bruch mit der Terrorstrategie seines Stellvertreters im Irak an? Ist Bin Ladin ernsthaft krank oder schwer verwundet?

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          Nachdem der Sender Al Dschazira ein zehn Minuten langes Tonband mit einer Botschaft Usama Bin Ladins ausgestrahlt hat, stellen sich Sicherheitsfachleute die Frage, was daraus über die Lage und das Vorgehen von Al Qaida zu schließen ist: Warum hat sich der Führer von Al Qaida nach 13 Monaten Schweigen mit einer Tonaufnahme in schlechter Qualität wieder zu Wort gemeldet? Und ist Bin Ladins Waffenstillstandsangebot an die Vereinigten Staaten mehr als nur Teil einer psychologischen Kriegsführung?

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Nur eines steht für den amerikanischen Geheimdienst CIA schon fest: daß die Stimme auf dem Band „höchstwahrscheinlich“ diejenige Bin Ladins war. Umgehend hat der Sprecher des amerikanischen Präsidenten dessen Angebot aber zurückgewiesen: „Wir verhandeln nicht mit Terroristen, wir legen ihnen das Handwerk", sagte er.

          Ernsthaft erkrankt oder schwer verwundet?

          Mehr als ein Jahr war Bin Ladins Stellvertreter, der Ägypter Zawahiri, die Stimme von Al Qaida gewesen. Mehrfach hatte er sich mit professionellen Videos an die Welt gewandt. Nun meldete sich Bin Ladin lediglich mit einem Tonband zu Wort, dessen technische Qualität erheblich schlechter war als die der Videos von Zawahiri.

          Diese Bild von Zarqawi veröffentlichten die Amerikaner im Dezember 2005

          Dia Rashwan, ägyptischer Fachmann zum radikalen Islam, schließt daraus, daß Bin Ladin und Zawahiri in verschiedenen Umfeldern leben müssen. Der in Dubai arbeitende Sicherheitsexperte Mustafa Alani schließt zudem nicht aus, daß Bin Ladin ernsthaft krank oder schwer verwundet sein könnte: Sonst hätte er sich mit einem Video, dessen Wirkung ungleich größer ist als die eines Tonbands, zu Wort gemeldet.

          „Professionelle politische Botschaft“

          Gegenüber Al Dschazira bezeichneten sowohl Dia Rashwan als auch der in London lebende saudische Theologe Said Bin Zughair das Waffenstillstandsangebot an das amerikanische Volk als den wichtigsten Teil der Botschaft Bin Ladins. Die Passage hatte gelautet: „Wir bieten euch einen langfristigen Waffenstillstand unter gerechten Bedingungen an, damit wir den Irak und Afghanistan wiederaufbauen können." Diese Lösung sei keine Schande, denn sie verhindere, daß „weitere Milliarden von Dollar an die Händler des Kriegs verschwendet würden“, so Bin Ladin. Wenn das amerikanische Volk Frieden und Stabilität wolle, sei dies die Antwort. Bin Zughair nannte dies eine „professionelle politische Botschaft“.

          Der saudische Theologe erinnerte daran, daß Bin Ladin am 15. April 2004 nach den Terroranschlägen von Madrid auch den Europäern ein ähnliches Waffenstillstandsangebot gemacht habe. In derselben Botschaft hatte er auch Rache für die Ermordung des Gründers von Hamas, Scheich Yassin, angekündigt. Die Staaten Europas gingen nicht auf das Angebot ein. Im Juli 2005 kam es dann zu den Anschlägen von London. Mit Anschlägen drohte Bin Ladin nun auch den Vereinigten Staaten, sollte das Angebot ignoriert werden.

          „Staatsmännisches Friedensangebot“

          Umstritten ist, ob Bin Ladin zu diesen Anschlägen überhaupt in der Lage wäre. Im vergangenen Herbst hatte ein Vertreter des pakistanischen Geheimdiensts erklärt, Bin Ladin halte sich mit einigen „Dutzend“ überwiegend arabischen Helfern im schwer zugänglichen pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet auf und trete nur über langwierige Kurierwege mit der Außenwelt in Verbindung. Lange seien keine Telefongespräche oder E-Mails mehr von oder um ihn abgefangen worden.

          Daher ist es unwahrscheinlich, daß das jüngste Tonband eine Reaktion auf den Angriff auf vermutete Stellungen Zawahiris am 13. Januar war. Der Sicherheitsfachmann Alani ist zudem skeptisch, ob Bin Ladin seine Drohungen überhaupt verwirklichen könnte, denn sollte es Anschlagspläne geben, würde er nicht darüber sprechen. Der Terrorexperte Jeremy Bennie von der Fachzeitschrift „Jane's Defence Weekly“ kommentierte hingegen, Bin Ladin wolle die Botschaft verbreiten, Al Qaida könne weiter zu den Zeitpunkten, die sie selbst bestimme, Anschläge verüben.

          Ungewiß bleibt indes, wieweit Bin Ladin überhaupt noch an operativen Planungen beteiligt ist. In Afghanistan selbst scheint sich Al Qaida neu zu organisieren, seit vier hochrangigen Mitgliedern im vergangenen Jahr die Flucht aus dem amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis Bagram geglückt ist. Andererseits bezieht Bin Ladin mit seinem „staatsmännischen Friedensangebot“ und seinem Plädoyer für den Wiederaufbau des Iraks gegen die Terrorstrategie Zarqawis Stellung, den er Ende 2004 zu seinem Stellvertreter im Irak ernannt hatte. Sollte er von Zarqawi abrücken, würde er zumindest auf die wachsende Abneigung in der arabischen Welt gegen Zarqawis Terror eingehen.

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