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Al Dschazira-Korrespondent Aktham Suliman im Gespräch : Wir erleben eine gesellschaftliche Explosion

  • Aktualisiert am

Ägyptens Regierung handelt autoritär und lässt internationale Einrichtungen schließen. Ist die „Arabellion“ schon am Ende? Zumindest das Internet hat weniger bewirkt, als man denkt.

          5 Min.

          Die Aufstände in Tunesien und Ägypten wurden in westlichen Medien als „Facebook-Revolutionen“ bezeichnet. Würden Sie diesen Begriff auch verwenden?

          Ich habe diese Bezeichnung nie für richtig gehalten, denn Facebook und andere neue soziale Medien wie Youtube oder Twitter tragen dazu bei, Dinge zu verbreiten, Kommunikation herzustellen. Aber ob sie Revolution oder Aufstände überhaupt erst möglich machen, daran zweifele ich sehr stark. Die Französische Revolution hatte kein Facebook, die Oktoberrevolution hatte kein Al Dschazira. Ich denke, die inneren gesellschaftlichen Widersprüche in den unterschiedlichen arabischen Ländern sind das Thema. Und ich fürchte, dass wir die Analyse dieser Widersprüche hier im Westen unbewusst ausklammern, Widersprüche, die automatisch dazu führen, dass eine gesellschaftliche Explosion stattfindet, manchmal im negativen, manchmal im positiven Sinne.

          Wenn nicht die jungen Internet-Aktivisten, wer hat die Aufstände gemacht?

          In Tunesien waren und sind die Gewerkschaften sehr stark. Außerdem ist die Analphabetenrate dort sehr niedrig und das Selbstverständnis der Bürger sehr entwickelt, was die Entwicklung beschleunigt hat. In Ägypten spielten andere Faktoren eine Rolle, aber auch hier hat sich in den vergangenen zehn Jahren eine aktive zivile Gesellschaft herausgebildet - das führte zu mehr Individualisierung und einem anderen Verhältnis zum Staat als in anderen arabischen Ländern.

          In Syrien hob Präsident Assad das Verbot von Youtube und Facebook auf. War das eine Liberalisierung, oder fiel dem Staat die Repression dann leichter?

          Jedes Instrument lässt sich so oder so benutzen. Viel gebracht hat Assad der Schritt nicht: Die Menschen gingen kurz darauf auf die Straße gegen ihn. Zweitens, ohne jetzt Kausalitäten herzustellen: Ich glaube nicht, dass die Leute, die im Norden Syriens demonstrieren, das mit den Leuten im Süden über das Internet abgesprochen haben. Deswegen halte ich es auch für falsch, Facebook, Internet und Satellitenfernsehen als Ursache für die Aufstände zu verstehen. Ein wichtiges Begleitinstrument aber, das waren sie auf jeden Fall.

          Warum wurde die Rolle der neuen sozialen Medien im Westen so betont?

          Es ist zur Mode geworden, zumindest einen Teil der Aufstände - und ich spreche bewusst nicht von Revolutionen, weil diese mehr Theorie und Zukunftsvision bedürfen - den neuen sozialen Medien zuzuschreiben. Auf gewisse Weise stimmt es, dass junge Leute aus der Mittelschicht zu den geheimen Anführern dieser Aufstände wurden. Sie gaben den Menschen das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Man hat manchmal in bestimmten autoritären Staaten das Gefühl, bescheuert zu sein, weil die Masse nicht so denkt, wie man selbst. Facebook, Satellitenfernsehen, die ganzen neuen Medien gaben vielen plötzlich eine zuvor nicht dagewesene soziale Haut. Und auch der Schweigespiralenansatz kam zum Greifen: Man konnte plötzlich das Gefühl haben, zur Mehrheit zu gehören und sich frei bewegen zu können mit seiner Meinung, ganz unabhängig davon, ob das tatsächlich stimmte.

          Welche Rolle spielte Al Dschazira?

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