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Aktivist in Hongkong : „Sie haben sich weggestohlen“

Aktivisten warten am Mittwoch in einem unterirdischen Parkhaus der Polytechnischen Universität auf eine Gelegenheit zur Flucht Bild: Reuters

Noch immer harren 100 Hongkonger Aktivisten in einer von der Polizei belagerten Uni aus. Einer von ihnen hat mit FAZ.NET gechattet.

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          Momo fühlt sich verraten. „Sie haben uns benutzt und dann weggeworfen wie ein Kondom“, schreibt der 17 Jahre alte Hongkonger. Er ist einer von nur noch etwa hundert Aktivisten, die in der Polytechnischen Universität ausharren, eingekesselt von unzähligen Bereitschaftspolizisten in schwerer Montur. Momos Mitstreiter, die ihn aus seiner Sicht betrogen haben, haben die Hochschule aus Erschöpfung, Hunger und Angst verlassen. Etwa eintausend waren es seit Montagabend. „Sie haben sich weggestohlen, ohne uns Bescheid zu sagen“, berichtet Momo der F.A.Z. am Mittwoch über ein Chat-Programm.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Seine Schilderungen geben eine Ahnung davon, welche menschlichen Dramen sich auf dem Gelände der Hochschule abgespielt haben müssen, die immerhin belagert wird, also ausgehungert und zermürbt. Wenn man ihm zuhört, ahnt man auch, dass diese Extremerfahrung den Charakter der Hongkonger Protestbewegung verändern könnte. Es gibt Leute in dieser Bewegung, die die Polytechnische Hochschule schon abgehakt und die noch immer Eingeschlossenen schon abgeschrieben haben. „Die Elitekämpfer wurden evakuiert“, sagt einer, der sich selbst für wichtig hält. „Die, die noch da sind, sind die Tellerwäscher“, sagt er mit so viel Arroganz, das einem der Gedanke kommt, er sei womöglich gar kein Aktivist, sondern ein Agitator der Polizei.

          Solche Leute sind es wohl, die Momo meint, wenn er sagt: „Wir sind unfassbar dumm gewesen, dass wir für sie geblieben sind.“ Ob sie ihm noch unter die Augen treten können, wenn er irgendwann da raus ist? „Idk“, schreibt Momo. Das ist die Kurzform für „I don’t know.“ Nicht auszuschließen, dass solche Gefühle von Verrat und Scham der Protestbewegung Risse zugefügt haben. „Die vergangenen Tage haben zu Spaltungen geführt“, glaubt Momo. Zugleich hat die Besetzung der Hochschule einen Gemeinschaftsmythos geschaffen, der wohl noch lange nachwirken wird.    

          Für Momo ist es die vierte Nacht auf dem Campus. Dabei hätte er leicht gehen können. Denn als Minderjähriger droht ihm vorerst keine Festnahme. Er hätte die breite Backsteintreppe hinunter auf die Straße gehen können, wäre verhört und dann nach Hause geschickt worden. „Ich wollte bei meinen Freunden bleiben“, schreibt er. „Die sind über 18.“ Gedankt haben sie es ihm nicht. „Sie glauben, dass das dumm war.“ Aber Momo hofft, dass er andere damit inspirieren kann, niemals aufzugeben. „Obwohl viele von uns verletzt wurden und viele Leute gegangen sind, haben wir nie daran gedacht, unseren Campus aufzugeben.“

          Seine Familie war verzweifelt und wütend, als er am Dienstag nicht mit den anderen Minderjährigen und ihren Schuldirektoren den Campus verlassen hatte. „Sie unterstützen mich nicht mehr“, schreibt er. „Sie glauben, das sei zu gefährlich.“ Denn die, die noch drin sind, von denen heißt es in Hongkong, sie seien die Radikalsten. Man kann sich vorstellen, dass ihre Familien unter besonderem Druck stehen. Momo beschreibt seine Rolle während der Uni-Besetzung so: „Man hat keine Wahl. Wenn Frontkämpfer gebraucht werden, dann muss man halt das machen.“

          „Wir können nur warten, bis sie weniger werden“

          Er hat seinen Eltern geschrieben, sie sollten an ihn glauben, so wie er selbst glaubt, dass ihm noch immer eine Flucht vom Campus gelingen könne. Die meisten, die das glaubten, wurden allerdings von der Polizei abgefangen. Momo steht mit Sozialarbeitern seiner Schule in Kontakt und mit Leuten, die ihn bei seinen Fluchtplänen unterstützen. „Wir haben jede Ecke ausgekundschaftet, aber überall sind Polizisten. Wir können nur warten, bis sie weniger werden und dann laufen“, meint er.

          Momo glaubt noch immer, dass es richtig war, die Hochschule zu besetzen, auch wenn sie, wie er sagt, „zu viele Freunde verloren haben“. Rund 700 Aktivisten aus der Uni wurden festgenommen. Er schildert Erfahrungen von Kameradschaft, die es in der dezentral organisierten Bewegung bisher nur in Kleingruppen gab. Und berichtet darüber, wie sie durch gegenseitiges Ausfragen das Misstrauen überwanden, dass ihr Gegenüber ein Polizeispitzel sein könnte. Im Moment sehnt sich Momo besonders nach einer Dusche. „Für Körperhygiene habe ich hier keine Zeit“, berichtet er. Vorerst hat er andere Sorgen. Wenn die Polizei den Campus stürme, glaubt Momo, „dann gibt es Krieg“. Was sie dabei gewinnen würden? „Idk.“

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