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Akihito wendet sich ans Volk : Wenn der Kaiser spricht, steht es wirklich schlecht

  • -Aktualisiert am

Bild: reuters

Am Mittwoch hat sich Kaiser Akihito zum ersten Mal in der Geschichte mit einer Fernsehansprache an das japanische Volk gewandt. Damit müsste allen klar sein, wie dramatisch die Lage ist. Bloß nicht den Oppositionsparteien: Sie streiten und spinnen Intrigen, als wäre nichts geschehen.

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          Es war bei der letzten gewaltigen Katastrophe, vor der Japan stand, als die Bürger Japans die Stimme ihres Kaisers das erste Mal hörten. Die geschlagenen Japaner lagen auf Knien, als der Kaiser Hirohito per Radio die Kapitulation Japans nach dem Zweiten Weltkrieg ankündigte. Am Mittwoch führte die Erdbeben- und Atomkrise dazu, dass der Kaiser sich zum ersten Mal mit einer Fernsehansprache an das japanische Volk wandte.

          Alle Programme wurden unterbrochen, um die Ansprache von Kaiser Akihito zu zeigen. Die modernen Japaner lagen nicht auf den Knien, aber überrascht waren sie doch. Ein sehr ernst wirkender Kaiser Akihito sagte, er sei zutiefst besorgt über die Krise am Atomkraftwerk Fukushima, die eine Katastrophe von noch nie dagewesenem Ausmaßes sei. Er hoffe, dass die Anstrengungen der Techniker eine Verschlechterung der Lage vermeiden könnten. „Ich hoffe aus der Tiefe meines Herzens, dass die Bevölkerung sich Hand in Hand mit Mitleid begegnet und diese schwierige Zeit überwindet“, sagte der 77 Jahre alte Akihito, der Sohn von Kaiser Hirohito. Er bete dafür, dass noch Opfer des Tsunami gerettet werden könnten und dankte den Rettungskräften für ihren Einsatz.

          Es war das erste Mal, dass der Kaiser direkt auf ein aktuelles Ereignis reagiert. Zugleich war es für die Japaner außerhalb der Katastrophengebiete, die den Ernst der Lage bisher nicht realisiert haben, ein untrügliches Anzeichen dafür, dass es wirklich schlecht steht. Der Kaiser ist nach der japanischen Verfassung das Symbol der Einheit der Nation. Und Einheit hätte die Nation derzeit bitter nötig.

          Kaiser Akihito wandte sich am Mittwoch im Fernsehen an das japanische Volk

          Während der Kaiser Trost und Zuspruch verbreitet, geben Japans Politiker dagegen in schweren Zeiten kein gutes Bild ab. Die Regierung und ihr Sprecher sind damit beschäftigt, Rettungsaktionen zu leiten, Hiobsbotschaften zu verbreiten und den Betreiber der Kraftwerke, die Tokyo Electric Power, zu korrekter und schneller Informationen zu bewegen. Ministerpräsident Kan hat sich weder als Tröster noch als guter Kommunikator gezeigt, als er sich das letzte Mal am Dienstag an die Öffentlichkeit wandte. Kurz und abrupt war seine Rede. Sie war nicht dazu geeignet, zu beruhigen oder Solidarität zu inspirieren.

          Oppositionsparteien verharren in Parteiengezänk

          Ein geradezu unerträgliches Bild bieten aber die Oppositionsparteien, die lieber im parteipolitischen Gezänk verharren als sich in der größten Krise, vor der Japan seit dem Zweiten Weltkrieg steht, hinter die Regierung zu stellen. Obwohl Oppositionsführer Tanigaki von der LDP und die Führer von Komeito und Neuer Volkspartei kurz nach der Katastrophe noch erklärt hatten, ihre Partei wolle alles tun um nur zu helfen, stehen jetzt doch schon wieder parteipolitische Interessen im Vordergrund.

          Während weite Landesteile verwüstet sind und Japan vor einer Nuklear-Katastrophe steht, während die ganze Welt sich sorgt um Fallout und Folgen, während klar wird, dass Japan - wie auch immer die Nuklearkrise ausgeht - nicht mehr zu dem zurückkehren wird, was es war, sucht die Opposition parteipolitischen Vorteil und stellt die Opposition Bedingungen für eine Zusammenarbeit anstatt der Regierung mit Unterstützung beiseite zu stehen.

          Die DPJ müsse zur Finanzierung der Rettungsmaßnahmen und des Wiederaufbaus ihre Wahlversprechen einer Erhöhung des Kindergelds, eine Abschaffung der Autobahngebühren und von Subventionen für Bauern aufgeben, verlangen Oppositionssprecher. Sie machten ihre Zustimmung zu einem Zusatzhaushalt davon abhängig, dass die Regierungspartei die Kernprojekte aufgibt, mit denen sie den Wahlkampf gewonnen hat.

          Haben Japans Politiker realisiert, wie schwer die Lage ist?

          Denn vor der Katastrophe hatte sich die Opposition schon gefreut, die Regierung schon in die Knie gezwungen zu haben. Nun ist es der Opposition anscheinend wichtiger, die Regierungspartei in Bedrängnis zu halten, als Notmaßnahmen zügig zu beschließen, damit sie sie nach dem Ende der Krise endlich von der Macht vertreiben kann. Die regierende Demokratische Partei ist willens, in der Frage von Kindergeld und Autobahngebühr Zugeständnisse zu machen, will aber ihre Lieblingsprojekte nicht ganz aufgeben. Haben Japans Politiker realisiert, wie schwer die Lage ist? Oder verdrängen sie das Geschehen wie ein Großteil der japanischen Bevölkerung?

          Während viele in der Welt in Panik und die Furcht vor der radioaktiven Wolke bis Europa reicht, geht in Tokio das Leben fast normal weiter. Man geht zur Schule zur Arbeit und hofft, dass die Radioaktivität aufs Meer zieht.

          Eine Frage, die noch gar nicht auf der politischen Tagesordnung steht, ist, wie Japan in Zukunft mit der Atomkraft umgehen wird. Vor dem Desaster war nur die kleine Sozialdemokratische Partei für einen langsamen Ausstieg aus der Kernenergie. Sie hat sich aber jetzt noch nicht geäußert. Immerhin gab es aus der Präfektur Yamaguchi einen Antrag, den Bau eines Kernkraftwerkes vom selben Typ wie dem in Fukushima zu unterbrechen. Das geplante Werk könne ein Erdbeben wie dem jetzigen auch nicht widerstehen, sagte der Gouverneur der Provinz. An diesem Donnerstag soll erstmals das Parlament in Tokio wieder zusammentreten. Das wäre eine letzte Chance der Parteien, zu beweisen, dass sie angesichts der Katastrophe mehr können als zu streiten und im Hinterzimmer Machtränke zu schmieden.

          Die Ansprache Kaisers Akihitos

          „Das jüngste Erdbeben vor der Küste der Region Tohoku war mit einer Magnitude von 9,0 ein außerordentlich schweres Erdbeben, wie es bisher noch nicht beobachtet worden ist. Die schreckliche Situation in den betroffenen Gebieten erfüllt mich mit tiefem Schmerz. Die Zahl der Toten infolge des Erdbebens und des Tsunami nimmt von Tag zu Tag zu, und es ist nicht absehbar, wie viele Opfer es geben wird. Ich wünsche mir, dass die Unversehrtheit möglichst vieler Menschen bestätigt wird. Auch lässt die derzeitige Situation in den Kernkraftwerken keine Prognose zu und gibt Anlass zu großer Besorgnis. Ich hoffe nachdrücklich, dass die Anstrengungen der Beteiligten eine weitere Verschlimmerung der Lage verhindern werden.

          Zurzeit ist das ganze Land mit Rettungsmaßnahmen befasst; trotzdem sind zahlreiche Menschen dazu gezwungen, in großer Kälte und infolge eines Mangels von Lebensmitteln, Trinkwasser oder Brennstoff ihre Tage unter äußerst widrigen Umständen zu verbringen. Es ist mein aufrichtiger Wunsch, dass sich, indem alle zur Verfügung stehenden Kräfte zur raschen Hilfe aufgewendet werden, die Lage der Betroffenen verbessert und bei den Menschen die Hoffnung auf einen Wiederaufbau geweckt wird. Vor allem anderen aber hat mich die Tapferkeit der Menschen tief bewegt, wie sie dieses große Unglück überstanden haben, wie sie sich selbst als Betroffene immer wieder ermuntern und sich anschicken, die kommenden Tage zu überstehen.

          Den Angehörigen der staatlichen und regionalen Einrichtungen wie Selbstverteidigungsstreitkräfte, Polizei, Feuerwehr oder Küstenwache, den Menschen aus dem Ausland, die zur Hilfeleistung nach Japan geeilt sind, und den Mitgliedern der zahlreichen Hilfsorganisationen im Inland möchte ich für ihren unermüdlichen Hilfseinsatz Tag und Nacht meinen tief empfundenen Dank aussprechen.

          Ich habe in den letzten Tagen zahlreiche Beileidstelegramme von Staatsoberhäuptern aus aller Welt erhalten, in denen zum Ausdruck gebracht wurde, dass die Menschen in vielen Ländern mit ihren Gedanken bei den Betroffenen sind. Dies möchte ich den betroffenen Menschen vor Ort hiermit mitteilen.

          Mir wurde berichtet, dass im Ausland nun oft betont wird, wie die Menschen in Japan inmitten ihres großen Leids mit großer Gefasstheit einander helfen und mit der Situation in großer Ordnung umgehen. Ich hoffe von Herzen, dass auch weiterhin alle einander stützen, füreinander sorgen und so diese unglückliche Zeit überstehen.

          Ich denke, es ist sehr wichtig, dass wir alle auf vielfältige Weise die anstehenden schwierigen Tage mit den Betroffenen teilen. Es ist mein aufrichtiger Wunsch, dass die betroffenen Menschen ihre Hoffnung nicht aufgeben, auf ihre Gesundheit achten und die kommenden Tage überstehen sowie dass im ganzen Land jeder Einzelne von uns die betroffenen Regionen lange in seinem Herzen bewahrt und zusammen mit den Betroffenen den Weg des Wiederaufbaus in diesen Regionen aufmerksam verfolgen möge.“

          Übersetzung: Japanische Botschaft

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