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Ahmadineschad in Südamerika : Bogen um Brasilien

  • -Aktualisiert am

Freundliche Begrüßung: Venezuelas Präsident Chávez (rechts) mit Irans Präsident Ahmadineschad in Caracas Bild: REUTERS

Tagelang hat sich Präsident Ahmadineschad Nettigkeiten lateinamerikanischer Partner anhören dürfen. Doch seit Brasilien ihn schneidet, kann er sich dafür buchstäblich nicht mehr viel kaufen.

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          Schon seit Jahren werden in Venezuela Fahrräder nach iranischen Konstruktionsplänen gebaut. Die Verkaufszahlen sind klein. Weil Präsident Hugo Chávez dem Gefährt, das er vor laufender Kamera Probe fuhr, aber den Namen „Atom-Fahrrad“ gab, spielt es in den Beziehungen beider Länder eine besondere Rolle. Auch in dieser Woche bot es Chávez die Gelegenheit, zum Empfang des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadineschad einige Witzchen zu reißen, um die Sorge der restlichen Welt über das iranische Atomprogramm ins Lächerliche zu ziehen.

          Wie bedeutsam das Bündnis für beide Länder jenseits solcher Fahrradausflüge ins Heitere ist, lässt sich schwer sagen, denn über die militärische Zusammenarbeit gibt es wenig Informationen. Es gibt Hinweise darauf, dass venezolanische Militärs als Beobachter an Manövern der iranischen Marine teilnahmen und dass iranische Militärberater in Venezuela tätig wurden. Der frühere venezolanische Bergbauminister Rodolfo Sanz bestätigte 2009 ferner, dass Iran beim Aufspüren der „bedeutsamen“ Uranvorkommen im Bundesstaat Bolívar helfe. Fachleute bezweifeln, dass Venezuela in der Lage wäre, die Uranvorkommen selbst zu erschließen, folglich also fremder Hilfe bei der Ausbeutung bedürfe. Damit - und mit der Weiterverarbeitung von Uran - hat Iran Erfahrung.

          Potential der wirtschaftlichen Zusammenarbeit begrenzt

          Wirtschaftlich ist das Potential der Zusammenarbeit zwischen den Ländern, die beide vom Ölexport abhängen, begrenzt. Chávez und Ahmadineschad haben zwar wieder eine Reihe von Kooperationsverträgen unterzeichnet; das Volumen der gemeinsamen Projekte wird inzwischen auf fast fünf Milliarden Dollar beziffert. Vor allem geht es dabei um Produktionsanlagen für die Bauwirtschaft, die Nahrungsmittelindustrie und die Landwirtschaft. Die Folgen verschärfter Sanktionen des Westens für Irans Wirtschaft kann Ahmadineschad mit Chávez und dessen Gesinnungsgenossen in Kuba, Nicaragua oder Ecuador, die er ebenfalls in dieser Woche besuchte, kaum mildern. Zu gering ist das Handelsvolumen mit diesen Ländern, zumal viele Abkommen, die Iran in der Region geschlossen hat, Absichtsbekundungen geblieben sind.

          Hoffnung auf Geschäfte mit Brasilien

          Noch vor etwas mehr als einem Jahr hatte sich Ahmadineschad Hoffnung machen können, nicht nur mit den lateinamerikanischen Parias, sondern mit dem vor allem wirtschaftlich mächtigen Schwellenland Brasilien groß ins Geschäft zu kommen. Der frühere brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hatte Ahmadineschad im November 2009 mit offenen Armen in Brasília empfangen. Im Atomstreit hatte sich Lula zum Vermittler zwischen Iran und Amerika aufschwingen wollen, woran er allerdings scheiterte.

          Diesmal hat Teheran nach Auskunft des brasilianischen Außenministeriums nicht einmal angefragt, ob Ahmadineschad vorbeischauen dürfe. Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff ist auf Distanz zu Iran gegangen, der Handelsverkehr hat sich seit ihrem Amtsantritt vor einem Jahr drastisch vermindert. Mit ihrem Kurswechsel habe Frau Rousseff das von Lula gestörte Verhältnis zu den Vereinigten Staaten verbessern wollen, heißt es in Brasília. Anders als ihr Vorgänger hat die brasilianische Präsidentin auch die in Iran begangenen Menschenrechtsverletzungen scharf kritisiert. Als in Iran Frauen zum Tod durch Steinigung verurteilt wurden, sagte sie: „Als Frau kann ich derlei mittelalterliche Praktiken nicht akzeptieren. Es gibt dafür keine Entschuldigung. Bei diesen Themen mache ich keine Zugeständnisse.“

          Bogen auch um Argentinien

          Trotz zuletzt intensivierter Handelsbeziehungen musste Ahmadineschad auch um Argentinien, das zweitgrößte Land Südamerikas, einen Bogen machen. Die argentinische Justiz bezichtigt Iran des Attentats auf das jüdische Gemeindezentrum Amia im Jahr 1994 und will die Festnahme des iranischen Verteidigungsministers Ahmad Vahidi und anderer Iraner per Interpol erreichen. Ausgerechnet Vahidi hatte im vorigen Jahr offiziell Bolivien besucht und musste, als die argentinische Regierung davon erfuhr, Hals über Kopf abreisen, um einer Festnahme zu entgehen. Ahmadineschad reiste dieses Mal gar nicht erst nach Bolivien, obwohl das Land zu den Freunden Irans gerechnet wird.

          Dafür durfte sich Ahmadineschad in Kuba als Prophet einer neuen Weltordnung präsentieren. An der Universität von Havanna stellte er das „Scheitern“ und die „Dekadenz“ des kapitalistischen Systems fest. Dem Kapitalismus bleibe nur noch übrig zu töten, sagte der Präsident, ohne das jüngste Attentat auf einen iranischen Atomwissenschaftler zu erwähnen. Ob Ahmadineschad in Havanna neben dem kubanischen Präsidenten Raúl Castro auch den greisen Revolutionsführer Fidel Castro traf, wurde nicht mitgeteilt. Nach seinem Treffen mit dem ecuadorianischen Präsidenten Rafael Correa wollte Ahmadineschad am Donnerstag die Heimreise antreten.

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