https://www.faz.net/-gq5-7k60j

Zum Tode Nelson Mandelas : Der König der Versöhnung

  • -Aktualisiert am

Auch die Massen zog er in den Bann: Mandela am 1. April 1990 in Port Elisabeth Bild: REUTERS

Mit dem Tod von Nelson Mandela verliert Südafrika nicht nur seinen Nationalheiligen, dessen Verehrung fast schon religiöse Züge trägt. Die Nation verliert mit ihm auch den moralischen Kompass.

          8 Min.

          Wie Nelson Mandela dachte und fühlte, zeigt eine seiner ersten Amtshandlungen als frisch gewählter Präsident von Südafrika 1994. Mandela wollte eine neue Nationalhymne, und zwar eine, die sich aus zwei Liedern zusammensetzt: Das eine Lied hieß „Nkosi Sikelel’ iAfrika“ („Gott beschütze Afrika“), das vor allem bei den Protestveranstaltungen der Schwarzen während der Apartheid gesungen wurde. Das andere hieß „Die Stem van Suid-Afrika“ („Die Stimme Südafrikas“), die Hymne der weißen Südafrikaner, in der die blutige und entbehrungsreiche Eroberung des südlichen Afrikas durch europäische Siedler glorifiziert wurde.

          Dass die beiden Hymnen musikalisch vorne und hinten nicht zusammenpassten, war Mandela egal. Ihm ging es einzig darum, der Einheit des Landes, die zu dem Zeitpunkt mehr Wunsch als Realität war, durch ein starkes Symbol Vorschub zu leisten. Mandela musste sich damals gegen das gesamte Politbüro des „African National Congress“ (ANC) durchsetzen, das eine Unterschutzstellung von „Die Stem“ als Affront empfand. Mandela gewann die Auseinandersetzung in gewohnter Manier, indem er an die menschliche Großzügigkeit seiner Mitstreiter appellierte und diesen Appell mit ganz pragmatischen Gesichtspunkten verknüpfte.

          Die größte Gefahr für die junge, schwarze Regierung waren damals rechtsgerichtete weiße Nationalisten. Denen konnte der ANC nur dann die Popularität streitig machen, wenn den Weißen bedeutet wurde, dass auch sie Teil des neuen Südafrika sind – und dass eine schwarze Regierung sie niemals in einer Art bedrohen werde, wie weiße Regierungen Schwarze bedroht hatten. Die flüchtige Genugtuung, den Buren die Nationalhymne ersatzlos zu streichen, wog in Mandelas Einschätzung wenig im Vergleich zu den Vorteilen, die es bringen würde, ihnen ihr Liedchen zu lassen. Er sollte Recht behalten, wenn auch um den Preis einer herrlich schief klingenden Nationalhymne.

          Nelson Mandela ebnete den Weg zur Aussöhnung von Schwarzen und Weißen in Südafrika. Das Bild zeigt ihn im letzten Jahr seiner Präsidentschaft 1999. Bilderstrecke

          Mit dem Tod von Nelson Mandela verliert Südafrika nicht nur seinen Nationalheiligen, dessen Verehrung fast schon religiöse Züge trägt. Die Nation verliert mit ihm auch den moralischen Kompass. Mandela war der lebende Beweis dafür, dass sich Macht und Toleranz nicht ausschließen und dass Menschlichkeit im Umgang mit seinen Gegnern keine Schwäche, sondern eine Stärke ist. Mandela verkörperte das Ideal einer vorurteilsfreien Begegnung der Rassen und damit einen alten Traum der Menschheit. „Madiba“, wie Mandela in Anlehnung seines Clan-Namens liebevoll genannt wird, war gelebtes Vorbild für eine Nation, die auch 19 Jahre nach dem Ende der Apartheid ihre Gemeinsamkeiten sucht und sich dabei so schwertut. Der Friedensnobelpreisträger war einer der bedeutendsten Politiker seiner Generation, vielleicht sogar einer der größten überhaupt. Das Vorbild ist tot, und damit ist der Traum zu Ende.

          Weitere Themen

          Merz erntet Shitstorm für Rechtsextremismus-Äußerung Video-Seite öffnen

          CDU-Vorsitz : Merz erntet Shitstorm für Rechtsextremismus-Äußerung

          Friedrich Merz kündigt seine Kandidatur für den CDU-Vorsitz an - und erntet umgehend Kritik für eine Äußerung zum Rechtsradikalismus. Diesen will Merz offenbar dadurch bekämpfen, indem er Ausländerkriminalität und Grenzschließungen thematisiert.

          Topmeldungen

          Er wedelt noch, sie merkelt schon: Habeck, Baerbock und die „Merkel-Raute“

          Heimlich für Merz? : Die Grünen hoffen auf Merkel-Stimmen

          Die Grünen wollen regieren. Das ginge mit einer Laschet-CDU leichter als mit einer Merz-CDU. Vor allem wollen sie jedoch stärkste Partei werden. Den Platz dafür in der politischen Mitte könnte eher Merz als Laschet schaffen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.