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Zentralafrikanische Republik : Unkontrollierbarer Hass

Typisches Bild: Proteste in Bangui, aufgenommen Ende Dezember 2013 Bild: dpa

Nach der erzwungenen Abdankung von Putschpräsident Michel Djotodia sucht die zentralafrikanische Republik händeringend einen Übergangspräsidenten. Derweil gerät die Gewalt zwischen Muslimen und Christen im Land außer Kontrolle.

          Nach der erzwungenen Abdankung des zentralafrikanischen Putschpräsidenten Michel Djotodia am vergangenen Freitag tut sich die Zentralafrikanische Republik schwer, einen neuen Interimspräsidenten zu finden. Offiziell sollte sich der aus 135 „Parlamentariern“ bestehende „Nationale Rat des Übergangs“, der noch von Djotodia gegründet worden war, bis zum gestrigen Donnerstag auf die Kriterien für die Kandidaten einigen und spätestens am Samstag einen Nachfolger für den Putschpräsidenten wählen. Am Donnerstag aber hatte sich das „Parlament“ abermals ergebnislos vertagt.

          Thomas Scheen †

          Politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Nairobi.

          Hintergrund ist die Forderung der internationalen Gemeinschaft, dass keiner der 135 von Djotodia ernannten „Parlamentarier“ für den Posten des Übergangspräsidenten kandidieren soll, womit eigentlich nur ein Vertreter aus dem Lager des gestürzten Präsidenten François Bozizé in Frage kommt. Zudem soll der künftige Übergangspräsident nach einhelliger Forderung sowohl der afrikanischen Nachbarn als auch der Europäer keiner der zahlreichen Rebellengruppen des Landes angehört haben, um in der Lage zu sein, dem am Rande eines Bürgerkrieges stehenden Land Frieden bringen zu können. Solche Kandidaten aber sind Mangelware in der Zentralafrikanischen Republik.

          Dabei drängt die Zeit. Nach Worten des französischen UN-Botschafters Gérard Araud stehen die afrikanischen und französischen Eingreiftruppen vor einer nahezu „unmöglichen Situation“ angesichts des tiefen Hasses, der sich dort zwischen christlichen und muslimischen Gemeinschaften aufgebaut hat. „Wir haben das Ausmaß des Hasses komplett unterschätzt“, sagte der Diplomat am Mittwoch in New York: „In der Zentralafrikanischen Republik gibt es zwei Gruppen, die sich gegenseitig umbringen wollen.“

          Zwischen den Fronten: Ein französischer Soldat patrouilliert durch die Straßen von Bangui Bilderstrecke

          Frankreich hat 1600 Soldaten in dem Land stationiert. Die Mission der Afrikanischen Union, Misca, konnte bislang lediglich 3500 der geplanten 6000 Soldaten mobilisieren. „Wir müssen ganz praktisch denken, nämlich welche Strategie wir anwenden, um die Leute davon abzuhalten, sich gegenseitig zu ermorden, weil es genau das ist, was sie wollen“, sagte Araud. Djotodia war das erste muslimische Staatsoberhaupt der Zentralafrikanischen Republik, und seinen Putsch hatte er im März vergangenen Jahres mit Hilfe einer muslimisch dominierten Rebellenkoalition namens „Séléka“ vorangetrieben.

          Vor allem die von Séléka-Kämpfern verübten Massaker an überwiegend christlichen Zivilisten haben diese veranlasst, Wehrgruppen namens „Anti-Balaka“ zu schaffen, die ihrerseits Jagd auf Muslime machen. Es gibt glaubhafte Berichte über Fälle von rachebedingtem Kannibalismus. Dabei waren bis zur Machtübernahme Djotodias religiöse Spannungen ein unbekanntes Phänomen in der Zentralafrikanischen Republik. Wie viele Menschen in den vergangenen beiden Monaten solchen interkonfessionellen Gewaltakten zum Opfer gefallen sind, ist völlig unbekannt. Die immer wieder genannte Zahl von 1000 Toten dürfte vermutlich lediglich die Opfer in der Hauptstadt umfassen, nicht die im Hinterland.

          Berichte von Lynchmorden

          Zwar hat sich die Sicherheitslage in der Hauptstadt Bangui seit dem Abgang Djotodias merklich entspannt – viele Geschäfte haben wieder geöffnet, und die Menschen trauen sich wieder auf die Straße –, gleichwohl berichten Bewohner von nächtlichen Lynchmorden, denen Angehörige beider Konfessionen regelmäßig zum Opfer fallen. Wie es außerhalb der Hauptstadt aussieht, entzieht sich weitgehend jeder Kenntnis und Kontrolle. Die Zentralafrikanische Republik ist so groß wie Frankreich, und in weiten Teilen des Landes scheint nach wie vor Faustrecht zu gelten. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerkes sind nahezu eine Million Menschen und damit 20 Prozent der Bevölkerung auf der Flucht. Die Lage dieser Menschen ist verzweifelt: Im Wald zu bleiben bedeutet den sicheren Tod, eine Rückkehr in ihre Dörfer bedeutet angesichts der Rachegelüste der Andersgläubigen Lebensgefahr.

          Michel Djotodia und sein Ministerpräsident Nicolas Tiangaye waren am Freitag vergangener Woche bei einem Regionaltreffen afrikanischer Staatschefs in der tschadischen Hauptstadt N’Djamena vor vollendete Tatsachen gestellt und an einer Rückreise nach Bangui gehindert worden. Beide werden für die extrem angespannte Sicherheitslage in ihrer Heimat verantwortlich gemacht. Djotodia hat inzwischen in Benin Asyl erhalten. Über den Aufenthaltsort von Tiangaye liegen keine verlässlichen Informationen vor.

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