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Zentralafrikanische Republik : Ein Somalia mitten im Regenwald

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Plündern, zwangsrekrutieren, Angst verbreiten: „Séléka“-Rebellen nahe der Stadt Bria in Zentralafrika. Bild: AP

Vor einem halben Jahr haben Rebellen den Präsidenten Zentralafrikas gestürzt. Seither herrscht Chaos. Jeder dritte Einwohner lebt in Armut, viele fliehen.

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          Sechs Monate ist es her, dass eine Rebellenarmee namens „Séléka“ in der Zentralafrikanischen Republik den Präsidenten und seine Regierung stürzte. Wie immer ging es den Rebellen vordergründig um Gerechtigkeit, um Demokratie und ein besseres Leben. Nichts davon wurde verwirklicht. Die Rebellen plünderten in der Hauptstadt Bangui alles, was nicht festbetoniert war, und ergehen sich seither in Machtkämpfen untereinander. Gesetz und Ordnung sind nur noch einer ferner Begriff. Willkür ist an der Tagesordnung. Am vergangenen Wochenende ließ sich der Rebellenführer Michel Djotodia zum Präsidenten ausrufen. Basis dafür war eine von Djotodia verfügte „Übergangsverfassung“, die ihm für die kommenden drei Jahre die Macht sichert und in der bürgerliche Rechte weitgehend abgeschafft sind. Angeblich will Djotodia in 18 Monaten Neuwahlen abhalten. Auch das ist ein Klassiker in der Geschichte afrikanischer Umstürze: Wahlen versprechen, um sie anschließend zu vergessen.

          Die Wirtschaft des Landes ist komplett zusammengebrochen. Nicht nur der formelle Sektor, der im Wesentlichen aus Holzeinschlag und dem Export der Edelhölzer besteht, sondern auch der informelle Sektor. 4,6 Millionen Menschen und damit die gesamte Bevölkerung sind von der Krise betroffen. Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen schätzt die Zahl derjenigen, die in „bitterer Not“ sind, auf 1,6 Millionen Menschen. Mehr als 200000 Menschen sind vor den Rebellen in den Busch geflohen. 60000 Flüchtlinge haben es in das benachbarte Kongo-Kinshasa geschafft. Dabei ist Kongo-Kinshasa seit zwei Jahrzehnten Nettoexporteur von Kriegsflüchtlingen. Dass Zentralafrikaner ausgerechnet dieses Land als sicheren Hafen betrachten, sagt eigentlich alles über den Zustand in ihrer Heimat.

          Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen warnte unlängst vor dem Kollaps aller staatlichen Strukturen in der Zentralafrikanischen Republik und sieht das Land auf dem Weg, ein „failed state“ zu werden. Ein Somalia im Regenwald. Nur scheint das niemanden richtig zu interessieren. Die UN drohen mit Sanktionen gegen die Führungsriege der Séléka und befürworten ansonsten die Absicht der Afrikanischen Union (AU), eine 3600 Mann starke afrikanische Eingreiftruppe in das Land zu schicken. Wer diese Truppe stellen soll, wann sie einsatzbereit sein wird und wer das alles bezahlen soll, ist gegenwärtig völlig unklar. Im Norden des Landes treibt derweil die aus Uganda stammende „Lord Resistance Army“ (LRA) ihr Unwesen und tut das, was sie zuvor in Uganda, Sudan und dem Nordkongo schon getan hat: Dörfer überfallen und Kinder zwangsrekrutieren. Die vor rund anderthalb Jahren mit viel Pomp von der amerikanischen Armee gestartete Jagd auf den LRA-Führer Joseph Kony ist inzwischen abgeblasen worden, weil die neuen Herren in Bangui keine amerikanischen Soldaten im Land haben wollen.

          Selbstbedienungsladen für marodierende Rebellen

          Das Hinterland des mit Holz und Diamanten gesegneten Landes ist inzwischen zu einer Art Selbstbedienungsladen für marodierende Rebellen der „Séléka“ geworden. Mal werden Dörfer geplündert, dann wieder die Basen anderer Séléka-Fraktionen. Die Rebellenallianz war immer nur ein Zweckbündnis zum Sturz von Präsident Francois Bozizé. Inzwischen zerfällt die Allianz in ethnische Gruppen, wobei sich die einzelnen Führer als Warlords gerieren. Bozizé wiederum wird nicht müde zu betonen, dass seine Rückkehr an die Macht nur eine „Frage der Zeit“ sei. Kurz nach seinem Sturz hatte sich Bozizé in der südsudanesischen Hauptstadt Juba erkundigt, ob die dortige Regierung etwas dagegen habe, wenn er ein Rebellenlager an der Grenze einrichte - sie hatte etwas dagegen. Dafür hat sich gleich jenseits der Grenze eine neue Rebellengruppe gebildet, die früher mal bei der Séléka angedockt war und jetzt offenbar auf eigene Rechnung arbeitet; sie wird von einem ehemaligen Minister der Bozizé-Regierung angeführt.

          Die Zentralafrikanische Republik mit der Hauptstadt Bangui

          Geld zur Finanzierung des Krieges ist dabei das geringste Problem. Die Zentralafrikanische Republik ist reich an Diamanten. Die Clique um Bozizé hatte sich zudem Explorationen für Gold- und Uranvorkommen teuer bezahlen lassen. 14 südafrikanische Soldaten starben im März bei dem Versuch, die Rebellen an der Einnahme von Bangui zu hindern, drei Dutzend weitere wurden schwer verletzt. Die südafrikanische Militärpräsenz war so eine Art Lebensversicherung für Bozizé im Austausch gegen lukrative Bergbaukonzessionen, an denen nach südafrikanischen Presseberichten die Investitionsfirma der Regierungspartei „African National Congress“ (ANC) beteiligt gewesen sein soll.

          Inzwischen lebt Bozizé in Paris, womit sich für den ehemaligen Generalstabschef der zentralafrikanischen Armee ein Kreis schließt: Von Frankreich aus hatte er im Jahr 2003 den Sturz seines Vorgängers Ange-Félix Patassé betrieben, wobei ihm die stets um Zusatzeinnahmen bemühte tschadische Armee nur allzu gerne behilflich war. Geht es nach den Vereinten Nationen, sollen die Tschader in der geplanten afrikanischen Eingreiftruppe wieder eine dominante Rolle spielen.

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