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Wahl in Tunesien : Einfach weiter geradeaus

Von der Sohle bis zu Sonnenbrille ein Mann Bourguibas: Beji Caid Essebsi lässt sich in Monastir feiern. Bild: Imago

Tunesien steht am Sonntag vor einer entscheidenden Wahl. Das Land, indem die Arabellion begann, ist gezeichnet von Unruhe, Gewalt und wirtschaftlicher Not. Der nächste Präsident muss vor allem für Stabilität sorgen.

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          Auf einmal steht er mitten im Raum. Der Präsident ist durch die Schiebetür zur Terrasse in den Salon getreten, hat sie gleich ein Stück offen stehen lassen. „Kommen Sie doch mit nach draußen“, sagt er. „Wenn Sie schon einmal hier sind, dann sollten Sie den Garten sehen.“ Moncef Marzouki ist staatsmännisches Gebaren fremd. Allenfalls die Haltung, die er einnimmt, als er über den Rasen schlendert, hat etwas Feierliches. Leicht nach vorne gebeugt geht er, die Arme hinter dem Rücken verschränkt.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Es mag auch eine Art Inszenierung sein, so konsequent auf jegliche Entourage und alles Zeremonielle zu verzichten. Der Arzt und Menschenrechtler, der viele Jahre bis zum Aufstand im Exil verbringen musste, war vor zwanzig Jahren vom Diktator Ben Ali für mehrere Monate eingesperrt worden. Der Antityp der tunesischen Politikerkaste, einer, der keine Krawatte trägt und auf teure Kleider verzichtet; der Deutschland und sein Engagement in Tunesien lobt, um dann die Geschichte zu erzählen, wie er als junger Kerl durch Europa trampte, was in Deutschland besonders gut geklappt habe. Dieser Mann lebt jetzt in dem luxuriösen Palast am Meer. Ein Revolutionspräsident.

          „Erleichtert“, sagt er auf die Frage, wie er sich fühlen würde, wenn die Tunesier am Sonntag einen neuen Präsidenten wählten und er wieder ausziehen müsste aus dem Palast. „Keine nächtlichen Anrufe mehr, weil wieder zehn Soldaten von Terroristen getötet wurden.“ Aber zunächst einmal tritt er ja wieder an, will also nicht unbedingt sein Domizil verlassen.

          Tunesien als Hoffnung westlicher Regierungen

          Sein Land ist unter seiner Führung in eine gefährliche Krise geschlittert, wurde von politischen Morden erschüttert und von Streiks. Aber es hat diese Krise überstanden. Die Tunesier haben eine fortschrittliche Verfassung, sie haben eine friedliche Parlamentswahl ins Werk gesetzt, während in der Nachbarschaft Anarchie oder Friedhofsruhe herrschen. Ihr Land ist der Hoffnungsträger der westlichen Regierungen. Hier soll der Aufstand gegen die Diktatur zu einer freien, demokratischen Ordnung führen, ein Bollwerk gegen Dschihadisten und Despoten entstehen.

          Doch Anlässe zur Sorge gibt es genug, allen voran die darbende Wirtschaft mit ihrer grassierenden Jugendarbeitslosigkeit. Und dann sind da noch das zerstörerische Chaos in Libyen und die rund dreitausend tunesischen Dschihadisten, die in Syrien kämpfen.

          „Sehen Sie sich das an“, sagt Moncef Marzouki und zeigt mit ausgestrecktem Arm in die Ferne. „Es sieht jedes Mal anders aus.“ Vor ihm ragen Ruinen aus der Zeit des antiken Karthago in den Himmel, hinter ihm erstreckt sich das Meer, die Herbstsonne löst den Morgendunst, der sich hartnäckig am Fuß der fernen Hügellandschaft hält, langsam auf. „Ich komme jeden Tag an diesen Ort“, sagt der Präsident und zeigt auf die einsame Bank im Schatten eines Baumes. Dann erzählt er, wie er einmal, an manchen Tagen sogar zwei- oder dreimal ein Foto von dem Anblick macht. „Claude Monet hat mich dazu inspiriert“, sagt Marzouki. „Die Kathedrale von Rouen.“ Es ist eine Serie von Bildern, die das Gebäude jedes Mal in einem anderen Licht erscheinen lässt.

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