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Vergewaltigungen in Ägypten : Die Wiederholungstäter vom Tahrir-Platz

  • -Aktualisiert am

Kairo: In leuchtfarbene Overalls gekleidete Sicherheitskräfte versuchen, Männer von Frauen zu separieren. Bild: dpa

In Kairo ist es wieder zu Gruppenvergewaltigungen gekommen. Sieben Männer wurden festgenommen. Sonst tut das Regime wenig. Für Empörung sorgt eine Moderatorin, die sagte, die Leute „hatten einfach nur Spaß“.

          Ägyptens neuer Präsident hatte noch nicht ausgeredet, da griffen die Täter zu: Bei den Feiern zur Amtseinführung Abd al Fattah al Sisis auf Kairos Tahrir-Platz kam es am Wochenende zu mehreren Gruppenvergewaltigungen durch junge Männer. Wie vor einem Jahr, als Hunderttausende im Zentrum der ägyptischen Hauptstadt für den Sturz von Sisis Vorgänger Muhammad Mursi demonstrierten, wurden Frauen gezielt herausgegriffen – und zu Freiwild erklärt. Zu neun Vergewaltigungen soll es Frauenorganisationen zufolge am Pfingstsonntag allein auf dem Tahrir-Platz gekommen sein.

          Ein tiefer Schatten liegt über dem Start von Sisis Amtszeit. Erst am Donnerstag hatte sein farbloser Vorgänger Adli Mansur ein Gesetz verabschiedet, das schärfere Strafen für Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe vorsieht. Doch Folgen hatte das nicht in der Machogesellschaft am Nil: Zwar wurden sieben Männer festgenommen, teilte das Innenministerium am Montag mit. Bis zur Klärung der Vorwürfe blieben sie in Untersuchungshaft. Aber wirklich willens oder in der Lage, mehr zum Schutz von Frauen zu tun, scheint der seit elf Monaten die Wiederherstellung von Sicherheit und Ordnung predigende frühere Armeechef Sisi nicht.

          Zudem die Zahl der Täter weit über die Handvoll Verhafteten hinausgehen dürfte: Vergewaltigungsopfer berichten von Gruppen von zwanzig Männern, die sie auf dem Tahrir-Platz umkreist hätten, ihnen die Kleider von Leib gerissen und mit Händen und Messern verletzt und vergewaltigt hätten. Das Video einer brutal zugerichteten Frau, die am Sonntag in der Masse der feiernden Sisi-Anhänger in die Hände einer Männerbande geraten sein soll, bezeichneten die Sicherheitsbehörden als authentisch. Ihr Zustand ist weiter kritisch.

          Von der Menge gedeckt

          Für besondere Empörung in sozialen Netzwerken sorgte die Fernsehmoderatorin Maha Bahnasy. Als sie in ihrem Sender Tahrir TV auf die Berichte über sexuelle Übergriffe vom Tahrir-Platz angesprochen wurde, lachte sie und sagte, „die Leute haben einfach nur Spaß“. Ihre Reaktion ist typisch für den Umgang mit dem von Menschenrechtsorganisationen als „epidemisch“ bezeichneten Problem: In kaum einem anderen arabischen Land genießen Frauen weniger Rechte. Sowohl im Wirtschafts- wie im politischen Leben Ägyptens spielen sie kaum eine Rolle.

          Ägypten: In kaum einem anderen arabischen Land genießen Frauen weniger Rechte.

          Hätte das Land nicht viele andere Probleme, könnte man die von der Menge gedeckten Gruppenvergewaltigungen als größtes der Neunzigmillionenvolkes bezeichnen. So mischten sich zum Ende des Aufstands gegen Husni Mubarak 2011 vom Sicherheitsapparat des Regimes bezahlte Männer unter die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz und griffen gezielt Frauen heraus, um sie zu sexuell zu demütigen. Unter der Herrschaft Mursis stieg die Zahl von Vergewaltigungen an öffentlichen Orten weiter an. Der Höhepunkt fand während der von Armee und Sicherheitskräften orchestrierten Massenproteste statt, die im Sommer 2013 zum Sturz des islamistischen Machthabers führten.

          Ein Jahr später aber ist es weiter nur ein kleiner Kreis feministischer Aktivistinnen, der sich um die Opfer kümmert. Der staatliche Nationale Rat der Frauen hingegen folgt der offiziellen Propaganda, die das Massenphänomen als von westlichen Medien aufgeblasene Einzelfälle abtut: „Dieses schändliche und unmoralische Verhalten“ habe nichts „mit den Millionen von Ägyptern zu tun“, die gegen Mubarak und Mursi auf die Straße gingen, teilte der Rat am Montag mit. Die Kritik des Rates an den Vorfällen, die nur dazu dienten, die „demokratischen Feierlichkeiten“ zu „verderben“, tat der regimetreue Frauenrat mit einer blanken Lüge ab: Weder im Januar 2011 noch im Juni vergangenen Jahres sei es zu Gruppenvergewaltigungen auf dem Tahrir-Platz gekommen. Dabei hatten unabhängige Frauenrechtsorganisationen allein am 30. Juni 2013 mehr als vierzig Vergewaltigungsfälle dokumentiert.

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