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Unruhen in Südafrika : Protest gegen erhöhte Studiengebühren eskaliert

  • -Aktualisiert am

Demonstranten in der Nähe des Regierungsgebäudes in Pretoria Bild: Reuters

Seit Tagen demonstrieren Studenten in Südafrika gegen höhere Studiengebühren. Am Freitag eskalierte der Protest in Pretoria: Journalisten wurden mit Steinen beworfen und verletzt. Die Polizei geht mit Härte vor.

          Die Witwatersrand University in Johannesburg, die beiden Universitäten von Kapstadt, die Uni in Durban und nun auch die Universität von Pretoria: An den südafrikanischen Hochschulen geht seit Montag nichts mehr. Der Grund ist ein landesweiter Protest der Studenten gegen eine weitere Erhöhung der Studiengebühren.

          45.000 Rand (rund 3000 Euro) kostet ein Studienjahr am Kap im Durchschnitt, und geht es nach der Regierung, soll diese Summe im kommenden Jahr um zwölf Prozent erhöht werden. Für die Mehrheit der weißen Studenten ist das vermutlich kein Problem, ihre Eltern sind meist gut situiert.

          Eine neue Form der Apartheid

          Für die Mehrzahl der schwarzen Studenten ist das aber sehr viel Geld. Von einer neuen Form der Apartheid ist die Rede - einer Trennung zwischen denen, die haben, und denen, die nichts haben, womit sich die Frage stellt, wer dafür 21 Jahre nach dem Ende der institutionalisierten Rassentrennung verantwortlich ist. Die Antwort fällt nicht schwer, schließlich ist seither die immer selbe Partei an der Macht: der „African National Congress“ (ANC).

          Was die angehenden Akademiker, weiße wie schwarze, von ihrer Regierung halten, wurde am Mittwochabend in Kapstadt deutlich, als mehrere hundert Studenten versuchten, das Parlament zu stürmen, wo Finanzminister Nhlanhla Nene gerade seinen Halbjahreshaushalt vorstellte und die Studiengebühren mit keinem Wort erwähnte.

          „Listen up, fat cats“, riefen die Studenten, was sinngemäß so viel heißt wie: „Hört endlich zu, ihr Pfeffersäcke.“ Bei den folgenden Zusammenstößen mit der Bereitschaftspolizei stellten sich weiße Studenten vor ihre schwarzen Kommilitonen in der Hoffnung, dass die Polizei nicht ganz so brutal auf Weiße eindresche.

          Protestierende Studenten haben Toilettenhäuser in Brand gesetzt

          Glaube an ANC verloren

          Unter den Festgenommenen befand sich auch Kgosi Chikane, der Sohn von Frank Chikane, einer Ikone des Befreiungskampfes. Kgosi Chikane zählt wie alle anderen Studenten zur Generation der sogenannten „Born free“, der nach dem Ende der Apartheid Geborenen.

          Das ist die Generation, in deren Namen der ANC seine Politik durchsetzt - was den Studentenprotest politisch so bedeutsam macht: Die „Born free“ betrachten den ANC inzwischen als Hindernis auf dem Weg zu einer halbwegs gerechten Gesellschaft, wie sie ausgerechnet die ANC-Freiheitscharta ihren Eltern einst versprochen hat.

          Bezeichnenderweise wollte sich auch Präsident Jacob Zuma bei der Parlamentssitzung nicht zu den Protesten draußen vor dem Gebäude äußern. Dann hätte er erklären müssen, warum die Hochschulen des Landes chronisch unterfinanziert sind, wo doch Chancengleichheit und Bildung für alle erklärte Ziele seiner Regierung sind.

          Interessanterweise erging es der oppositionellen Democratic Alliance (DA) nicht besser: Als deren Vorsitzender Mmusi Maimane versuchte, auf dem Campus der Universität von Kapstadt politisches Kapital aus dem Sturm zu schlagen, wurde er höflich, aber bestimmt hinausgeworfen, womit der stets wie aus dem Ei gepellt auftretende Maimane seinem Ruf als „Empty suit“, als leerer Anzug, einmal mehr gerecht wurde.

          Machtwechsel gewünscht

          Angesichts des Ausmaßes der Proteste und der Entschlossenheit der Demonstranten beschwören die Gazetten schon den „Geist von 1976“, als sich in Soweto Schüler gegen die Einführung von Afrikaans als alleiniger Unterrichtssprache erhoben.

          Damals ging es um ein Symbol, nämlich die Sprache der Unterdrücker. Heute indes geht es um etwas ganz anderes: Es geht um den langsamen, aber sicheren Zusammenbruch einer einst funktionierenden Infrastruktur.

          Es geht um eine groteske Wirtschaftspolitik, die Investoren eher abschreckt als anlockt und die dazu führt, dass kaum neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Es geht um die Selbstbedienungsmentalität einer Politikerkaste, der das Volk lästig ist. Eigentlich geht es um einen Machtwechsel.

          Ein Demonstrant klammert sich in Pretoria an einen Wasserwerfer.

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