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Terrorgefahr : Großbritannien holt tausende Tunesien-Urlauber nach Hause

Sicherheitskräfte in Tunesien Bild: dpa

Außenminister Hammond hat alle Briten dazu aufgefordert, Tunesien zu verlassen. Weitere Anschläge seien „hochwahrscheinlich“. Die tunesische Regierung ist empört.

          2 Min.

          Tausende britische Touristen in Tunesien haben sich auf den Heimweg gemacht, nachdem das Außenministerium in London seine Reisewarnung verschärft und einen weiteren Terroranschlag in dem nordafrikanischen Land als „hochwahrscheinlich“ bezeichnet hatte. Die Reiseveranstalter versuchten nun, die britischen Urlauber „so schnell wie möglich“ aus dem Land zu bringen, sagte eine Branchensprecherin am Freitag in der BBC. Irland folgte der Reisewarnung am Freitag. Die tunesische Regierung zeigte sich „überrascht“ und hielt der britischen Regierung vor, mit ihrer Entscheidung den Terroristen in die Hände zu spielen. Der tunesische Premierminister Habib Essid kündigte am Freitag „Konsequenzen“ an.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Das Londoner „Foreign and Commonwealth Office“ (FCO) hatte am späten Donnerstag „wegen der sich entwickelnden Sicherheitslage die Entscheidung getroffen, von allen - außer unbedingt notwendigen - Reisen nach Tunesien abzuraten“. Außenminister Philip Hammond sagte, es lägen zwar „keine Informationen vor, die auf einen unmittelbar bevorstehenden Anschlag hinweisen“. Seit dem Anschlag in Sousse hätten sich jedoch „die geheimdienstlichen Erkenntnisse und das Bedrohungsbild beträchtlich verändert, was uns zu der Ansicht brachte, dass ein weiterer Terroranschlag hochwahrscheinlich ist“.

          Reisewarnung soll dauernd überprüft werden

          In dem tunesischen Badeort Sousse hatte ein Student vor zwei Wochen 38 Urlauber ermordet, unter ihnen 30 Briten. Der Täter war offenbar von Islamisten im benachbarten Libyen an der Waffe ausgebildet worden, die wiederum im Kontakt mit dem „Islamischen Staat“ gestanden haben könnten. Der Terrorist wurde während des Angriffs von tunesischen Sicherheitskräften erschossen. In den Tagen nach dem Anschlag hatte das britische Außenministerium keine Reisewarnung ausgesprochen. Britische Reiseveranstalter hatten allerdings Pauschalreisen nach Tunesien storniert und Kunden frühere Heimflüge angeboten.

          In der neuen Reisewarnung des FCO heißt es nun: „Wenn Sie in Tunesien sind, sollten Sie sich an ihren Reise- oder Flugveranstalter wenden, der ihnen bei der Planung ihrer Rückreise helfen kann. Individualreisende sollten auf regulären Flügen zurückkehren.“ Zurzeit sollen sich mehr als 3000 britische Urlauber in Tunesien aufhalten, unter ihnen 300 bis 500 Individualreisende. Es wird damit gerechnet, dass die meisten bis zum Ende des Wochenendes zurück im Königreich sind.

          Das FCO äußerte insbesondere Kritik an den Ermittlungen der tunesischen Behörden und den Sicherheitsvorkehrungen. „Wir sind der Auffassung, dass mehr getan werden muss, um die Touristen wirksam vor der terroristischen Bedrohung zu schützen“, sagte Hammond. Großbritannien werde weiterhin mit den tunesischen Behörden zusammenarbeiten und ihnen helfen, die Sicherheitsmaßnahmen zu verbessern, sagte der Außenminister. Die Reisewarnung werde kontinuierlich überprüft und hoffentlich „in nicht allzu ferner Zukunft“ wieder zurückgenommen.

          „Was die Terroristen wollen“

          Der tunesische Premierminister Essid kündigte am Freitag an, dem britischen Premierminister David Cameron telefonisch zu versichern, dass „wir alles getan haben, was wir können, um alle britischen Interessen zu schützen“. Der Botschafter Tunesiens im Vereinigten Königreich, Nabil Ammar, warf dem Außenministerium vor, die Reisewarnung sei, „was die Terroristen wollen“. Die Entscheidung schade dem Tourismus und mache zahlreiche Beschäftigte in dem Sektor arbeitslos. Das wiederum begünstige den Terrorismus: „Eine der Quellen des Terrorismus ist der Mangel an Hoffnung“, sagte Ammar. „Es ist nicht der einzige Motor, aber einer seiner sehr wichtigen Ursprünge.“

          Unterstützt wurde der Botschafter von Oliver Miles, dem früheren Direktor der Nahost-Abteilung im britischen Außenministerium. In einem Interview mit der BBC zeigte sich Miles „verwundert“ über die Entscheidung seines früheren Amtes. Er verstehe nicht, warum die Bedrohung in Tunesien größer sein solle „als in Marokko, Jordanien oder einem anderen Land“, sagte er und legte nahe, dass die britische Regierung ein politisches Zeichen nach dem Anschlag von Sousse setzen wollte. Miles bedauerte, dass mit Tunesien „das einzige leuchtende Beispiel“ getroffen werde, dass „erfolgreich aus dem Arabischen Frühling hervorgegangen“ sei und eine „ordentliche Regierung hervorgebracht“ habe.

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