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Tunesien nach Anschlag : Sehnsucht nach dem starken Mann

Stärke demonstrieren: Nach dem Terrorangriff im Bardo-Museum von Tunis waren die Sicherheitskräfte in die Kritik geraten; jetzt zeigen sie mehr Präsenz Bild: AFP

Nach dem Terroranschlag auf ein Museum in Tunis bröckelt der Burgfrieden zwischen der islamistischen Ennahda und dem Umfeld von Präsident Essebsi. Es droht ein Rückschlag für die Demokratie.

          5 Min.

          „Ruhe! Ruhe! Ruhe!“ Hamadi Abdelsalem schiebt sich durch die Menschentraube und fordert lautstark einen Moment der Stille und des Gedenkens. Die Kapelle verstummt. Dicht gedrängt stehen seine Kollegen vor dem Eingang zum Nationalmuseum von Bardo. Hamadi Abdelsalem ist Fremdenführer, er war hier, als die Dschihadisten vergangene Woche das Feuer auf die Touristen eröffneten. „Ich hörte die Schüsse, dann habe ich meine Gruppe durch einen Hinterausgang in Sicherheit gebracht“, sagt er. Jetzt sei er zurückgekehrt, um ein „Zeichen der Solidarität und der Hoffnung“ zu setzen.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          In mehreren Bussen, die sonst die Gäste aus dem Ausland zu den Sehenswürdigkeiten in der tunesischen Hauptstadt bringen, sind sie zum Museum gekommen. „Feiger Terrorismus, lass die Finger von Tunesien“, rufen sie, singen trotzig die Nationalhymne. „Tunesien wird weiterleben“, ruft einer aus der Menschenmenge.

          Das Land will den Blick wieder in die Zukunft richten. Doch dass das nicht so einfach wird, zeigt schon die Mitteilung, die in die Demonstration der Zuversicht platzt. Die eigentlich für Dienstag geplante Wiedereröffnung des Museums werde noch einmal verschoben, teilte eine Sprecherin mit. Es könne noch nicht für das breite Publikum öffnen. Am Nachmittag werde es dennoch eine „offizielle Zeremonie“ geben. Es ist sowohl von Sicherheitsbedenken im Innenministerium als auch von logistischen Problemen die Rede.

          Der Terrorangriff auf das Museum, bei dem am Mittwoch vergangener Woche 21 Menschen, vor allem ausländische Touristen, getötet worden waren, hat Tunesiens Verwundbarkeit aufgezeigt. Schock und Ratlosigkeit sind noch nicht gewichen. Die Wut auf die Terroristen, der Wunsch nach Rache und einer harten Reaktion des Staates hat jenen Auftrieb gegeben, die der Revolution skeptisch oder gar feindselig gegenüberstanden. Wer auch immer einen Vorwand suchte, die Aufarbeitung der Diktatur oder freiheitliche Reformen aufzuschieben, hat ihn mit dem Anschlag gefunden. Viele Tunesier wünschen sich jetzt ohnehin einen starken Staat, der mit harter Hand aufräumt – wenn auch nicht unbedingt mit eiserner Faust, wie es unter Diktator Ben Ali der Fall war.

          Auch Fremdenführer Hamadi Abdelsalem fordert ein scharfes Antiterrorgesetz. „Jetzt muss der Staat dem Terror die Kehle zudrücken“, sagt er und ballt die Hand zur Faust. Sein Kollege Ali schaut verächtlich auf die schwerbewaffneten Polizisten, die inzwischen den Eingang des Nationalmuseums bewachen. Die überall an Straßenkreuzungen aufmarschiert sind, Autos anhalten, Kofferräume kontrollieren. „Damit hätten sie schon viel früher anfangen sollen“, sagt er. „Wir brauchen fähige Leute in der Polizei, Leute, die arbeiten wollen und die nicht im Café sitzen oder mit ihren Telefonen spielen.“ Auf die neue Regierung lässt er aber nichts kommen. Die sei doch erst seit zwei Monaten im Amt. „Was kann man da schon ausrichten?“ Hamadi Abdelsalem sieht das ähnlich. „Ich habe doch selbst nicht an einen Terroranschlag geglaubt“, sagt er. „Nicht einmal, als die ersten Schüsse fielen.“

          Präsident Béji Caïd Essebsi hat zügig auf die aufkommende Kritik reagiert, indem er „Unzulänglichkeiten“ bei der Bewachung des Nationalmuseums zugab, aber umgehend den „effektiven Einsatz“ der Antiterroreinheiten lobte. Er und seine Regierung waren schließlich als starke Männer gewählt worden, die für Ruhe und Ordnung sorgen sollten. Jetzt greifen sie durch: Zahllose hohe Funktionäre im Polizeiapparat wurden entlassen, täglich werden weitere Verdächtige festgenommen.

          Die Fremdenführer vor dem Museum hoffen nun, dass die Touristen nicht allzu lange wegbleiben, dass auch irgendwann die Kreuzfahrtschiffe wieder anlegen. Dabei hatte sich der Tourismus, eine so wichtige Geldquelle für die darbende Wirtschaft, gerade wieder etwas von den Rückschlägen im Zuge der Arabellion erholt. In Urlauberzentren wie Hammamet ist an den Fassaden der Restaurants und Hotels abzulesen, dass die Geschäfte hier schon lange gelitten haben. Der Putz blättert mehr und mehr. Auch die Küstenstadt Port El Kantaoui, noch etwas weiter im Süden gelegen, errichtet für Massentourismus, hat schon einträglichere Tage erlebt „Wie gefällt Ihnen Tunesien?“, fragt die Frau hinter der Ladentheke eines kleinen Kiosks. Sie schaut unsicher, als erwarte sie eine negative Antwort. Es hätten sich ja ohnehin nicht viele Ausländer hierher verirrt, sagt sie – von den Libyern und Algeriern mal abgesehen. „Es wird immer schlechter“, ruft sie zum Abschied.

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