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Timbuktu : Die traumatisierte Stadt

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Wiederaufbau: Der Besitzer eines Marktstandes in Timbuktu versucht einen Neuanfang Bild: REUTERS

Elf Monate herrschten islamische Extremisten in Timbuktu. Hinterlassen haben sie zerstörte Häuser und Kulturdenkmäler sowie eine paralysierte Verwaltung. Viele Menschen werden sich von der Schreckensherrschaft nie mehr ganz erholen.

          Die junge Frau spricht stockend und mit leiser Stimme. Ihre Knie hat sie bis zum Kinn hochgezogen, Blickkontakt vermeidet sie. Manches von dem, was sie flüsternd erzählt, ist nur aus dem Kontext zu erraten, und nachzufragen fällt schon deshalb schwer, weil man sich ohnehin schon vorkommt wie ein Eindringling und die grausamen Details eigentlich gar nicht wissen will. Fürchterliches hat die 20 Jahre alte Aisha Haïdara zu berichten. Alles begann im Juli vergangenen Jahres, zu Beginn des Fastenmonats Ramadan. Timbuktu, die mythische Stadt in der Wüste, war damals fest in der Hand der radikalen Islamisten von „Al Qaida im islamischen Maghreb“ (Aqim) und der mit ihr verbündeten, überwiegend aus Tuareg bestehenden Gruppe Ansar al Dine. Aisha war damals an einem Dienstag auf ihrem morgendlichen Weg in das städtische Krankenhaus, wo sie in der Verwaltung arbeitete, als plötzlich ein Fahrzeug neben ihr stoppte und der Bärtige hinter dem Steuer sie aufforderte, einzusteigen. Der Mann hieß Hassan Assa und war ein gefürchtetes Mitglied der „Brigade des mœurs“, der islamischen Sittenpolizei. Was ihm an Aisha nicht gefiel, war die Art, wie sie den Schleier trug, nämlich ein Stück zu hoch auf dem Kopf, so dass eine Haarsträhne hervorlugte.

          Assa brachte Aisha in das Gebäude einer Bank, das von den Radikalen in ein Frauengefängnis umfunktioniert worden war. Der Tresor war die Zelle. Aisha geriet in Panik, als sie den stickigen Raum betreten sollte, sie riss sich los und stürzte in eine Glastür, von der es viele in der Bank gibt. Dabei wurde ihr linkes Bein vom Knie bis zum Knöchel regelrecht aufgeschlitzt. Sie verlor viel Blut.

          Der Restaurator: Bouya Haïdara und seine Familie haben gelitten

          Ihren Wärtern war das gleichgültig. Erst am zweiten Tag, als in der Stadt bereits das Gerücht zirkulierte, im Frauengefängnis liege ein Mädchen im Sterben, bequemte sich Hassan Assa, Aisha ins Krankenhaus zu bringen, wo der Bärtige von dem Arzt verlangte, er solle gleich das ganze Bein amputieren, weil die junge Frau sowieso nichts wert sei. Der Arzt, ein mutiger Mann, weigerte sich und flickte Aisha notdürftig zusammen. Sein Hinweis, sie sei durch starken Blutverlust und den Schock so geschwächt, dass sie unmöglich einen weiteren Tag in einem ehemaligen Tresor verbringen könne, ignorierten die Islamisten. In der zweiten Nacht wurde Aisha von vieren ihrer Wärter wiederholt vergewaltigt.

          Aishas Vater ist kein Unbekannter in Timbuktu. Die Familie Haïdara ist wohlhabend und zählt zu den Notabeln der Stadt. Sie gilt trotz des schwarzafrikanischen Familiennamens als eine Tuareg-Familie, weil Aishas Großvater väterlicherseits ein Targi war. Am dritten Tag gelang es dem Vater endlich, zu seiner Tochter vorzudringen. Geld wechselte den Besitzer, viel Geld. Seither ist Aisha nicht mehr vor die Tür des elterlichen Hauses gegangen. Beim Anblick einer „peau rouge“, wie man die Tuareg und die ebenfalls hellhäutigen Araber nennt, bekommt sie immer noch Angstattacken.

          Timbuktu im Juli 2013 ist zwar eine befreite Stadt. Timbuktu ist aber auch eine traumatisierte Stadt. Nicht alles Erlebte klingt so dramatisch wie Aisha Haïdaras Schicksal. Aber es ist dieses Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertsein, das elf Monate Gesetz in Timbuktu war, das den Menschen immer noch zu schaffen macht. „Wenn dir jeden zweiten Tag ein Mann ein Gewehr ins Gesicht hält, verändert das deine Einstellung zum Leben“, sagt Jamal Ben Bularaf. Die Familie Bularaf verfügt über eine der umfangreichsten privaten Bibliotheken der Stadt, und Jamals Vater gilt als einer der geschicktesten Restauratoren der alten islamischen Manuskripte, für die Timbuktu berühmt ist. Die Bularafs sammeln, archivieren und katalogisieren seit 1864. Zum Schluss war die Sammlung auf 2000 Bände angeschwollen. Geblieben davon ist der Familie knapp die Hälfte.

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